Klonskandal Der Schatten des Dr. Hwang
Jetzt wird es schmutzig: Nachdem die gefeierten Studien des koreanischen Stammzellforschers Hwang als Lüge entlarvt sind, offenbart sich ein verborgenes Netz von Intrigen - deren Fäden vermutlich ein amerikanischer Mediziner zog
Gerald Schatten ist nie ein besonders glücklicher Forscher gewesen: Der renommierte Reproduktionsmediziner an der University of Pittsburgh wollte Affen klonen. Er versuchte es, jahrelang. Doch über ein paar mickrige Zellklumpen kam er nie hinaus. Vor drei Jahren gab er auf und verkündete, dass das Primatenklonen schlicht unmöglich sei. In Science war das, derselben Zeitschrift, die im Februar 2004 den scheinbaren Beweis des Gegenteils veröffentlichte: Nicht Affen, sondern gleich Menschen hatte ein Team aus Korea geklont. Und aus dem Klonembryo auch noch embryonale Stammzellen gewonnen.
Dass weder die Stammzellen, noch die geklonten menschlichen Embryos je existiert haben, hätte für Schatten jetzt zur großen Bestätigung werden können. Wäre der Mann nicht vermutlich Motor dieses unfassbaren Skandals - und zwar von Anfang an. Wie die Pittsburgh Tribune in dieser Woche berichtet, hatte Schatten sich nämlich nicht erst an dem zweiten der gefälschten zwei Stammzellpapiere beteiligt: Die Zeitung hat sich offenbar den vollständigen Kommissionsbericht der Seoul National University (SNU) übersetzen lassen, und laut Tribune kommt der Untersuchungsausschuss darin zu dem Schluss, dass Schatten bereits im Vorfeld des ersten Science -Artikels Hilfestellung gab. Genauer: Er beantwortete Fragen jener Gutachter, die die Studie für Science damals überprüften.
Wann Schatten in Hwangs Stammzellunternehmungen eingestiegen ist, ist nicht geklärt. Doch der Bericht der SNU gibt Hinweise: Der Amerikaner soll demnach bereits vor der Einreichung der ersten Studie zwischen den Koreanern und Science als Kontaktmann vermittelt haben, also vor Dezember 2003. Und eines wird Schatten zu diesem Zeitpunkt ebenfalls gewusst haben: Das Konkurrenzblatt von Science , die britische Nature , hatte den sensationellen Artikel über den ersten geklonten menschlichen Embryo bereits im Mai 2003 angeboten bekommen - und abgelehnt.
Auch Schatten lehnte laut Kommissionsbericht ab. Hwang hatte ihm angeboten, Koautor der ersten Studie zu werden. Doch der Amerikaner, der offenbar sehr viel daran setzte, die Arbeit der Südkoreaner wissenschaftlich zu publizieren, wollte nicht. Keine Grundsatzentscheidung, wie sich später zeigte, denn für das zweite der scheinbar bahnbrechenden Papiere zeichnete Schatten ein Jahr später gern als Senior - obwohl er zu dieser Arbeit denselben wissenschaftlichen Beitrag geleistet hatte, wie zu der ersten: nämlich gar keinen.
Wahrscheinlich wollte der Professor aus Pittsburgh vorbeugen, falls die große Stammzelllüge eines Tages doch auffliegen würde. Was ja geschehen ist. Schatten zog lieber die Fäden im Hintergrund: Er verhandelte, überzeugte, half beim Schreiben der Artikel - und er versuchte ganz offensichtlich auch dafür zu sorgen, dass ihm ein großes Stück des Stammzellkuchens sicher sein würde: Gemeinsam mit zwei amerikanischen Kollegen hat der Reproduktionsbiologe im April 2004 ein Verfahren zum Patent angemeldet, das das Klonen menschlicher Embryonen und die Gewinnung embryonaler Stammzellen ermöglichen soll. Das berichtete die Pittsburgh Tribune bereits am vergangenen Wochenende, nicht ohne darauf hinzuweisen, das Hwangs Name in diesem Patent nicht auftaucht.
Hwang und seine koreanischen Kollegen haben ihre Methode erst deutlich später für ein internationales Patent angemeldet. Sowohl Schatten als auch die Koreaner scheinen davon überzeugt gewesen zu sein, dass das Verfahren irgendwann doch gut genug funktionieren würde, um es kommerziell nutzbar zu machen. Hwang selbst behauptete gestern erneut, seine Methoden seien trotz der gefälschten Ergebnisse erfolgreich.
Über die Folgen des Skandals für die Stammzellforschung und den Ruf der Wissenschaft ist bereits viel diskutiert worden. Doch in seiner vollen Breite scheint das Lügengeflecht von Schatten und Hwang noch gar nicht offen zu liegen. Immer weiter in den Hintergrund gerät die Frage, ob die Klontechniken der Südkoreaner tatsächlich wissenschaftlich wertlos sind, oder ob sie einfach viel zu früh für den Ruhm verpulvert wurden. Immer vordergründiger wird stattdessen die Raffgier und Intriganz der beteiligten Wissenschaftler, die nicht nur Kollegen und Wissenschaftsjournale geblendet, sondern vor allem die Hoffnung vieler kranker Menschen betrogen haben.
Immer neue Fragen müssen gestellt werden: Wie groß ist der Einfluss einzelner Wissenschaftler auf die Veröffentlichungspraxis der Journale? Wie kann es sein, dass ein einziger wortgewandter Professor ein ganzes Forschungsfeld zum Narren hält? Science hat am Dienstag in einer Videobotschaft angekündigt, seine Verfahren zur Prüfung eingereichter Arbeiten gründlich zu überarbeiten. Doch vielleicht sollte sich das Magazin auch mit der Frage auseinandersetzen, wie und warum die von Nature abgelehnte Arbeit aus Südkorea überhaupt auf dem Redaktionstisch landete. Schattens Einfluss scheint dabei nicht ohne Relevanz gewesen zu sein.
Der Rückzug der zwei betrügerischen Artikel ist, das wird nun klar, nicht das Ende der Geschichte. Der Skandal fängt jetzt erst richtig an.
- Datum 29.07.2008 - 15:43 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online, 13.01.2006
- Kommentare 16
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Was mich an Ihrem Artikel ueberrascht, ist nicht die Tatsache das Prof Hwang's Faelschungen Teil eines, wie Sie es nennen, "Netzes von Intrigen" sind. Vielmehr ist es die Tatsache das man immer noch glaubt dass solche Faelle ein "Einzelfall" sind, wie auch der Fall des Physikers J.S., oder der eines bis vor einigen Jahren hoch angesehenen deutschen Kardiologen und seiner Geliebten.
Die Einflussnahme von dritten auf die Publikations ist ja auch nicht gerade etwas neues. Jeder Wissenschaftler, egal welcher Disziplin, kann mit Anekdoten ueber unfaire Einflussnahme Dritter, sowie widerspenstigen, unsachlichen und intriganten "Gutachtern" aufwarten. Fragen Sie doch einmal die Mitglieder des sogenannten "akademischen Mittelbaues" die den Grossteil der Forschngsarbeit leisten, und die hauptsaechlich Resultate "zu Papier" bringen (i.e. einen "Draft" zur Durcshicht/Korrektur fuer den Herrn Professors erstellen).
Vielleicht waere das ja einmal einen Grosseinsatz von Seiten engagierter investigativer Journalisten wert? Im Gegenwaertigen wissenschaftlichen Klima und angesichts bestehender Publikations Kultur werden sich die Dinge nur durch Druck "von Aussen" zum Besseren wenden. Traurig, aber wahr.
RS
PS: Die Tatsache dass Science und nicht Nature Opfer von Prof Hwangs Faelschungen geworden ist, ist purer Zufall und hat rein gar nichts mit einem vermeintlich besserem Gutachter Prozess zu tun. Beide Journals sind in gleichem Masse (und aus sehr aehnlichen Gruenden) anfaellig Opfer von manipulation und Taeuschung zu werden).
Die Frage ob es Sinnvoll ist ein Patent auf ein Verfahren anzumelden, von dem mann weiß dass es nicht funktioniert kann ich nur bejahen. da ich im Patentwesen tätig bis weis um die irritierende Wirckung die eine Patentanmeldung auf eine Branche ausüben kann, vor allem wenn diese Patentanmeldung von einem rennomierten Wissenschaftler stammt. Solche Anmedlungen gibt es etliche. Diese dienen zum gezielten Verwirren der Konkurenz. und mann weis ja nicht vieleicht schafft mann es ja das Verfahren zum laufen zu beringen. Und dann war mann der erste.
Die Rechschreibung ist atemberaubende, aber ich habe wieder einmal etwas gelernt... Was kostet denn so eine weltweite Patentanmeldung (bei Ihnen)?
das problem bei diesem betrugsskandal ist ja nicht die tatsache, dass hier etwas fehlerhaftes durchging, weil der review prozess nicht funktioniert. wenn man reviews auf rohdaten ausweitet, findet man keinen mehr, der es macht (zeitaufwendig!) und auch rohdaten lassen sich fälschen.
schlimmer vielmehr ist der gruppenklüngel in der wissenschaft der hier einiges fazilitiert. wer kennt das nicht, auch in nature und science finden sich artikel, die man getrost als mittelmässig bezeichnen kann, fast immer aber von bekannten gruppen. der name fungiert hier immer noch als türöffner, und wenn man den editor kennt - am besten zusammen einen grant hatte - dann steht nichts mehr im weg.
anonymität beim reviewing findet genau verkehrt herum statt - die reviewer bleiben anonym, kennen aber den autor. besser der autor bleibt während des review prozesses anonym (oft natürlich schwierig, weil ja auch das paper einiges verrät), die reviewer werden aber auf dem paper angegeben.
und wer weiss, wen schatten so alles kannte (ohne jetzt unterstellen zu wollen, dass er wissentlich half)
Ist es sinnvoll, für ein Verfahren, von dem man WEISS, dass es nicht funktioniert, ein Patent anzumelden? Ist es sinnvoll, sich als senior author auf ein paper setzen zu lassen, von dem man WEISS, dass Unsinn drinsteht? Ist diese Geschichte wirklich plausibel???
Wenn es einen Raum gibt, in dem sich die Frage nach "sinnvoll" und rational seltener stellt als irgendwo anders, dann ist das die Universität.
Man stelle sich die Welt der gentechnisch genormten Menschen aus dem Labor vor. Menschen ein Serienprodukt wie Automobile oder Kühlschränke und für bestimmte Einsätze optimiert.
Wieder würde ein Stück der unverwechselbarkeit und einmaligkeit des Menschen verloren gehen. Man komme mir nicht mit dem Argument der beseitigung von Erbkrankheiten, oder Krankheiten überhaupt, denn es ist doch in unserer Geselschaft eine Tatsache, das nicht etwa der Behinderte oder in seinen Möglichkeiten eingeschränkte Mensch sich als Hinterniss empfinden würde. Es ist eine Gesellschaft die den umgang mit diesen Menschen als Belastung empfindet. Würde man den "Perfekten" - für wenn optimiert?- Menschen bekommen wer würde ihn "programmieren" Ein Diktator, der Soldaten benötigt um die Welt zu erobern lässt einen Prototyen des Soldaten erstellen und überfällt ein Land das gerade mit der Produktion von Arbeitskräften für den Bergbau beschäftigt ist. Der Alptraum von Die Schöne Neue Welt wäre wirklichkeit
Nein, eine bestätigte Arbeit ist immer noch eine Arbeit, die von Kollegen reproduziert wurde.
Na, wer hat denn da die Arbeit von Hwang reproduziert ? Wie kann man denn eine gefälschte Arbeit reproduzieren ?
Wäre es für die Reviewer nicht angebracht gewesen, bei der Brisanz des Themas besonders sorgfältig zu prüfen ? Und bei Hwang war ja von Anfang an fast alles gefälscht. Und keiner soll etwas gemerkt haben ?
In der Klimaforschung haben wir einen Fall (Manns Hockey-Stick), dass eine Temperaturrekonstruktion der letzten 1000 Jahre offensichtlich durch manipulierte Datenverwendung und spezielle Rechenverfahren veröffentlicht und als Referenz in vielen wissenschaftlichen Arbeiten angegeben wurde.
Der Autor Mann ist bis heute nicht bereit, sämtliche Rechenschritte und Rohdaten zur Verfügung zu stellen. Die Konsequenzen für ihn wie für die wissenschaftliche Forschung wären erheblich.
Aber daran ist die political correctness nicht interessiert.
Wenn es die Zeit erlaubt, dann lese man einmal
11 January 2006
Ammann at AGU #2
http://www.climateaudit.o...
Es ist ein wirkliches "Schmankerl".
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