Bundestag Der Palast ist tot
Für den Abriss des Palasts der Republik gibt es keinen Aufschub. Die Abrissgegner wollen trotzdem nicht klein beigeben
Ein wenig war er am Donnerstag im Bundestag zu spüren, der oft beschrieene Atem der Geschichte. Eine gewisse Spannung hing in der Luft, obwohl das Ergebnis der anstehenden Abstimmung über den sofortigen Abriss des Palastes der Republik doch bereits so gut wie fest stand. Aber immerhin ging es um nicht weniger als die Gestaltung der Mitte von Berlin - und zwar auf lange Zeit.
Nach einer langweiligen, routinierten Debatte über Kommunalfinanzen vor weitgehend leeren Rängen füllten sich gegen vier Uhr die Reihen: Bekanntere Gesichter tauchten auf, selbst die Kanzlerin erwies dem umstrittenen Bau mit ihrer Anwesenheit die letzte Ehre, wenn sie die meiste Zeit auch zu einer Besprechung mit SPD-Fraktionschef Peter Struck in den hinteren Reihen nutzte.
Vorne ging es unterdessen heftig zur Sache. „Ein architektonischer Fremdkörper ist der Palast bis heute geblieben“, schimpfte der CDU-Abgeordnete Wolfgang Börnsen, "ein Symbol für Mauer, Stacheldraht, Schießbefehl und den Herrschaftsanspruch der SED". In die gleiche Kerbe hieb der FDP-Abgeordnete Christoph Waitz. Einen städtebaulichen Missstand nannte er die Ruine, die Touristen abschrecke. Wenn ehemalige DDR-Bürger heute positive Erinnerungen an den Palast hätten, dann werde dabei vergessen, dass die Annehmlichkeiten, die es hier gab, in der restlichen DDR Mangelware waren.
Es bleibt das Geheimnis von Schwarzen und Gelben, warum zu dieser Debatte ausschließlich gebürtige Westpolitiker auftraten. Die SPD dagegen konnte mit Wolfgang Thierse ein echtes Ost-Schwergewicht bieten, auch er allerdings ein Befürworter des Abrisses. Trotzdem es ist ein Unterschied, ob ein früherer DDR-Bürgerrechtler daran erinnert, dass der Palast auch als Kundgebungstribüne für die SED gebaut worden war, oder ein CDU-Politiker mit Westherkunft. Für viele ehemalige DDR-Bürger sei der Palast vermutlich ein Stück ostdeutscher Identität, sagte Thierse und setzte gleich hinzu: „Das gilt nicht für mich“.
Nicht ungeschickt übernahm Gregor Gysi für seine Partei die schwierige Mission, den Palast zu verteidigen, ohne sich als allzu sehr als Ostalgiker zu profilieren. Erst die junge Generation, die sich jetzt für den Palast einsetze, habe ihm das Gebäude wirklich nahe gebracht, zu dem er zunächst eher keine allzu enge Bindung gespürt habe, behauptete er. Und ließ dann doch das Argument folgen, vor dem sich die Westpolitiker so fürchten: Der Abriss sei ein Stück Siegermentalität, der die Ostdeutschen zu Verlierern stemple.
Die Grünen waren offenbar bemüht, sich vor allem als Repräsentanten der jungen, westdeutschen Abriss-Gegner zu profilieren. „Wenn ich so alt bin wie Sie“, prophezeite die 22-jährige Anna Lührmann dem CDU-Abgeordneten Börnsen etwas uncharmant, „werde ich immer noch nicht erlebt haben, dass von dem Schloss auch nur ein einziger Stein steht.“
- Datum 25.01.2006 - 12:28 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT online, 19.1.2006
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Was vielfach übersehen wird: ohne die noch relativ junge Vergangenheit als geteilte Stadt ist Berlin relativ uninteressant. Eine grosse Stadt eben. Mit Wannsee, für alle die darauf Wert legen. Architektonisch nicht besonders Reizvoll.
Der Reiz ist die junge Vergangenheit. Aber Checkpoint Charly wurde abgerissen, Mauerreste existieren nur noch in fast geheimen Verstecken. Der "Palast der Republik" und seine heutige Verwendung sind ein ideales Symbol für die Zeitenwende. Von der breit angenommenen Nutzung ganz zu schweigen.
Ohne Palazzo Prozzo bleibt nur noch der Fernsehturm als Symbol - für die Fortschrittskraft des Arbeiter und Bauernstaates? Die Plattenbauten interessieren keinen.
Ist Brachland im Stadtzentrum "cool"? Hat die neue Bundesrepublik solche Minderwertigkeitskomplexe, dass sie nicht mit etwas Rest-DDR in der Mitte Berlins leben kann? Der selbe Typus von Minderwertigkeitskomplex den Walter Ulbrich verriet als er daas alte Stadtschloss abriss.
Die Menschen konnten bis dato blendend mit dem "Lampenladen" auskommen. Er verschaffte der stadt sogar eine kulturelle Vorteilsstellung. Die brauchen keine Retroarchitektur zum Miliardenpreis, zumal nicht wenn man eh schon Pleite ist. Wieviele weitere Theater müssen zugunsten des neuen Stadtschlosses zugesperrt werden?
Was bleibt, ist ein langweiligeres, irrelevanteres Berlin.
Schade, dass der Palast der Republik von den "Siegern" einfach weggeräumt wird, um etwas doch nicht wieder aufzubauen, dass nie authentisch sein könnte! Warum müssen wir die Fehler der Vergangenheit wie zwangsgesteuert wiederholen? Klar, aus heutiger Sicht erscheint das preußische Schloß deutlich wichtiger und bedeutender - in den Nachkriegsjahren hat man derlei "Altes Gedöns" halt abgerissen und durch "moderne, sachliche und praktische" Gebäude ersetzt. Die heute kein Mensch mehr sehen will... Mit dem Palast der Republik hat sich die DDR ein Denkmal gesetzt, aber auch die Architektur einer Epoche, die eben nicht nur den Osten geprägt hat und die wir oder unsere Kinder in ihrer schlichten Gestaltung und praktischen Ausrichtung vielleicht einmal als wegweisend und erhaltenswert betrachten werden. Bauhaus galt auch einmal als "entartet"!
Seitdem ich (als Wessi) kurz nach der Wende das erste Bild des Palastes der Republik - damals noch vollständig - sah, hat mich seine Architektur begeistert. Und die Abrißidee entsetzt. Ich hielt sie nur für einen Überschwang der Wendeeuphorie und des damit einhergehenden Bildersturms - dass ein wirklicher Abriß 15 Jahre nach der Wende beschlossen werden würde hielt ich für unmöglich. Zumal durchaus sinnvolle Nutzungskonzepte bestehen. Und kein (sinnvolles und finanzierbares) Konzept für die Zeit nach dem Abriß.
Diese Entscheidung ist eine Schande für Deutschland und seine Geschichtsbewältigung (reißen wir doch gleich die Überreste der KZs mit ab - wäre wertvolles Ackerland...)!
@ThomasSchweden:
Warum man die Abrissabstimmung nicht den östlichen
Bundesländern überlassen hat? Ganz einfach: Weil sie eigentlich eine kommunale Angelegenheit sein sollte.
Offiziell geht es eben gerade n i c h t um Vergangenheitsbewältigung, sondern um Städtebau, um Kultur- und um Finanzpolitik - und zwar in Berlin und nicht auf Bundes- oder Länderebene. Alle an der Entscheidung Beteiligten hätten vor jedem Mikrofon, das man ihnen unter die Nase gehalten hätte, einhellig den Meineid darauf geschworen, dass hier keinesfalls die Ost-West-Frage gestellt wird. Wie, bitte, hätten also die Ossis eine eventuelle Forderung nach dem alleinigen Entscheidungsrecht begründen sollen? Damit womöglich, dass der Palast seinerzeit aus ihren Steuermitteln bezahlt worden ist und eigentlich Volkseigentum war? Ich bitte Sie!
Selbst, wenn man den Ostdeutschen das Recht auf alleinige Abstimmung zugestanden hätte - was hätte man damit für einen Präzidentsfall geschaffen? Nein, die Eigentumsfrage ist abschließend geklärt gewesen. Die Ossis hätten die Palstruine allenfalls für eine dreistelligen Millionenbetrag kaufen können, dann - vielleicht - hätten sie damit machen dürfen, was sie wollen (wobei es vermutlich extrem schwierig geworden wäre herauszufinden, was das eigentlich sein soll).
Im Jahre 15 nach der Wende, denke ich, gibt es einfach nicht genügend wohlhabende Ostdeutsche, unter denen man die Millionen hätte sammeln können. Und dass Proteste etwas bewirken, glaubt anno 2006 kaum noch (oder auch: noch nicht wieder) jemand. Der gesunde Menschenverstand hat jedenfalls hat ganz offensichtlich keine Chance gehabt. Und ein Rederecht im Bundestag hatte er - liest man - auch nicht. Man nennt so etwas Parteidisziplin. Auch und gerade im Westen. Da, wo noch immer der Slogan zu gelten scheint: "Auch wenn ich Mist mache, so ist mein Mist noch immer besser, als deiner - vor allem aber ist er entscheidend!"
Mit dem Sprengen des "Lampenladens" verliert Berlin ein großes Stück seiner Geschichte. Auch wenn das Bauwerk an Hässlichkeit kaum zu überbieten ist, es ist ein Teil von Berlin.
Da wird der Fehler der Sprengung des Stadtschlosses, der Verlust von Geschichte und Substanz der Stadt gerade noch einmal wiederholt. Wofür?
Manfrad Prasser, einer der führenden Architekten (Ost-)Berlins schlägt vor, den Palast abzureißen, aber den Großen Saal in das Stadtschloss zu integrieren. Er demonstriert weiterhin, dass große Teile der Bausubstanz in das wieder aufzubauende Schloss integriert werden können, was zu gravierenden Einsparungen führen und Berlin finanziell gut tun würde. Er sieht die Rolle des Schlosses als zukünftigen Sitz des Bundespräsidenten. Der Saal selbst, in seiner Größe und Wandelbarkeit einzigartiges Bauwerk, würde die Rolle eines kulturellen und intellektuellen Begegnunszentrums spielen können. Das ist ein Vorschlag - übrigens in der Schublade des Architekten bereits mit Entwürfen untersetzt - der sich von den kraftlosen Ideen, die für das Nutzungskonzept des zukünftigen Schlosses existieren, wohltuend abhebt, von den immer mal wieder diskutierten Trash-Zwischenlösungen ganz abzusehen. Warum wird dieser Vorschlag, mit dem Prasser schon mehrmals in den Medien war, von den Politikern ignoriert und nicht in die öffentliche Diskussion einbezogen? Vielleicht mach die ZEIT mal einen Vorstoß, wenn andere sich aus political correctness nicht trauen?
Horst-Michael Prasser
Warum hat man die Abrissabstimmung nicht den östl.
Bundesländern belassen?Oder warum haben Die sich nicht
fuer diese alleinige Entscheidungswahl eingesetzt?
"Der Palast steht nicht für die Identität der Deutschen, sondern für die SED-Diktatur. Ich bin dagegen, ein Bauwerk zu erhalten, das Diktatur symbolisiert."
Zitat Friedbert Pflüger, Spitzenkandidat der CDU (MAZ v. 20.01.2005)
Demnach wird in Berlin demnächst die Abrissbirne herrschen, denn es gilt noch einige Relikte aus unserer diktatorischen Vergangenheit zu beseitigen - und nicht nur aus DDR-Zeiten. Dann steht außer den Neubauten am Spreebogen im Regierungsviertel nicht mehr allzu viel.
Oder habe ich da etwas falsch verstanden, und es gab nur die eine Diktatur in Deutschland. Ach ja ich hab's vergessen: die Andere wurde ja auf gut (west)deutsche Art durch Verdrängen und Vergessen aufgearbeitet.
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