Ein wenig war er am Donnerstag im Bundestag zu spüren, der oft beschrieene Atem der Geschichte. Eine gewisse Spannung hing in der Luft, obwohl das Ergebnis der anstehenden Abstimmung über den sofortigen Abriss des Palastes der Republik doch bereits so gut wie fest stand. Aber immerhin ging es um nicht weniger als die Gestaltung der Mitte von Berlin - und zwar auf lange Zeit.
Palast der Republik, Berlin© Michael Hanschke/dpa BILD

Nach einer langweiligen, routinierten Debatte über Kommunalfinanzen vor weitgehend leeren Rängen füllten sich gegen vier Uhr die Reihen: Bekanntere Gesichter tauchten auf, selbst die Kanzlerin erwies dem umstrittenen Bau mit ihrer Anwesenheit die letzte Ehre, wenn sie die meiste Zeit auch zu einer Besprechung mit SPD-Fraktionschef Peter Struck in den hinteren Reihen nutzte.

Vorne ging es unterdessen heftig zur Sache. „Ein architektonischer Fremdkörper ist der Palast bis heute geblieben“, schimpfte der CDU-Abgeordnete Wolfgang Börnsen, "ein Symbol für Mauer, Stacheldraht, Schießbefehl und den Herrschaftsanspruch der SED". In die gleiche Kerbe hieb der FDP-Abgeordnete Christoph Waitz. Einen städtebaulichen Missstand nannte er die Ruine, die Touristen abschrecke. Wenn ehemalige DDR-Bürger heute positive Erinnerungen an den Palast hätten, dann werde dabei vergessen, dass die Annehmlichkeiten, die es hier gab, in der restlichen DDR Mangelware waren.

Es bleibt das Geheimnis von Schwarzen und Gelben, warum zu dieser Debatte ausschließlich gebürtige Westpolitiker auftraten. Die SPD dagegen konnte mit Wolfgang Thierse ein echtes Ost-Schwergewicht bieten, auch er allerdings ein Befürworter des Abrisses. Trotzdem es ist ein Unterschied, ob ein früherer DDR-Bürgerrechtler daran erinnert, dass der Palast auch als Kundgebungstribüne für die SED gebaut worden war, oder ein CDU-Politiker mit Westherkunft. Für viele ehemalige DDR-Bürger sei der Palast vermutlich ein Stück ostdeutscher Identität, sagte Thierse und setzte gleich hinzu: „Das gilt nicht für mich“.

Nicht ungeschickt übernahm Gregor Gysi für seine Partei die schwierige Mission, den Palast zu verteidigen, ohne sich als allzu sehr als Ostalgiker zu profilieren. Erst die junge Generation, die sich jetzt für den Palast einsetze, habe ihm das Gebäude wirklich nahe gebracht, zu dem er zunächst eher keine allzu enge Bindung gespürt habe, behauptete er. Und ließ dann doch das Argument folgen, vor dem sich die Westpolitiker so fürchten: Der Abriss sei ein Stück Siegermentalität, der die Ostdeutschen zu Verlierern stemple.

Die Grünen waren offenbar bemüht, sich vor allem als Repräsentanten der jungen, westdeutschen Abriss-Gegner zu profilieren. „Wenn ich so alt bin wie Sie“, prophezeite die 22-jährige Anna Lührmann dem CDU-Abgeordneten Börnsen etwas uncharmant, „werde ich immer noch nicht erlebt haben, dass von dem Schloss auch nur ein einziger Stein steht.“