Der Bundestag wird heute nichts Geringeres beschließen als eine „kulturelle Demütigung der Ostdeutschen“. So jedenfalls empfinden viele ehemalige Ostberliner den Abriss des Palastes der Republik. Auch die Kommentatoren kämpfen seit Monaten für seinen Erhalt, allein schon aus pragmatischen Gründen: Abgesehen von den 12 Millionen Euro, die diese neue Baustelle im Herzen Berlins kosten wird, ist der Abriss Vorbote eines noch sehr viel mehr Geld verschlingenden Projekts: dem Wiederaufbau des alten Stadtschlosses. Falls es gebaut wird. Denn wie sparsamer Bund und bankrottes Berlin das fast eine Milliarde Euro teure Projekt finanzieren wollen, ist rätselhaft.

Doch nicht nur das Geld ist ein Punkt, der gegen den Abriss spricht, wie Hanno Rauterberg im Leitartikel der ZEIT feststellt: Der Palast habe sich mit seinem Theater-, Kunst- und Partyleben zu einer echten kulturellen Herbergsstätte entwickelt, einem Ort für jedermann. Das Schloss hingegen, lästert Jörg Häntzschel im Leitartikel der Süddeutschen wäre kunsthistorisch „ein Desaster, seine Nutzung [...] eine Verlegenheitslösung. [...] Aber es ging ohnehin nie um Inhalte, nur um die Postkartenphantasie vom alten Berlin.“

Häntzschel moniert weiter: „Nicht die Vergangenheit fehlt Berlin – deren Präsenz ist übermächtig-, sondern ein Begriff von Zukunft. Statt sich des verlorenen Glanzes zu versichern, sollte es seine Relevanz von morgen sichern.“ Genau diesen Weg hätte der Palast der Republik in den letzten Monaten eingeschlagen.  „Die Enttäuschung, weder Vergangenheit noch Gegenwart im Schloss zu finden, sondern eine aufwändige Geschichtstravestie, wird bitter sein.“

Vereinzelt gibt es auch andere Stimmen. Der Tagesspiegel plädiert in einem Artikel für die Wiedererrichtung des Schlosses und begründet das ganz simpel: „Das Schloss war das Herzstück Berlins, darum kommen wir nicht herum.“ Häntzschels Argumentation wird widersprochen: „Die Schlossbefürworter setzen auf die Kontinuität der Geschichte, auf die Anknüpfung an das Gestern, weil sich nur aus solcher Traditionslinie das Heute begreifen und das Morgen gestalten lässt.“ Der Palast der Republik dagegen entbehre jede Zukunftsperspektive. Warum? Das wird nicht verraten.

Ein Contra-Artikel im Tagesspiegel widerspricht vehement und diagnostiziert der politischen Entscheidung ein „Verdrängungsverfahren per Abriss“. Das „andere Deutschland“ (sprich: die DDR) solle im Orkus des Vergessens verschwinden. Mit der Errichtung eines „gigantischen Zauberschlosses“ aus einer Zeit, als die Welt noch in Ordnung war, gehe es hingegen „um das Emporschießen einer Kulisse für ein Deutschland, das sich gegen den Fortschritt stemmt.“

Wie vergangenheitsbezogen und zukunftsweisend der Palast sein kann, wurde in den letzten Monaten deutlich. Bis heute. Wird er jetzt abgerissen, ist er nur noch eines: Geschichte.