presseschau Kulturelle Demütigung
Der Palast der Republik soll abgerissen werden. Warum, weiss niemand so richtig. Adrian Pohr kommentiert das aktuelle Meinungsbild
Der Bundestag wird heute nichts Geringeres beschließen als eine „kulturelle Demütigung der Ostdeutschen“. So jedenfalls empfinden viele ehemalige Ostberliner den Abriss des Palastes der Republik. Auch die Kommentatoren kämpfen seit Monaten für seinen Erhalt, allein schon aus pragmatischen Gründen: Abgesehen von den 12 Millionen Euro, die diese neue Baustelle im Herzen Berlins kosten wird, ist der Abriss Vorbote eines noch sehr viel mehr Geld verschlingenden Projekts: dem Wiederaufbau des alten Stadtschlosses. Falls es gebaut wird. Denn wie sparsamer Bund und bankrottes Berlin das fast eine Milliarde Euro teure Projekt finanzieren wollen, ist rätselhaft.
Doch nicht nur das Geld ist ein Punkt, der gegen den Abriss spricht, wie Hanno Rauterberg im Leitartikel der ZEIT feststellt: Der Palast habe sich mit seinem Theater-, Kunst- und Partyleben zu einer echten kulturellen Herbergsstätte entwickelt, einem Ort für jedermann. Das Schloss hingegen, lästert Jörg Häntzschel im Leitartikel der Süddeutschen wäre kunsthistorisch „ein Desaster, seine Nutzung [...] eine Verlegenheitslösung. [...] Aber es ging ohnehin nie um Inhalte, nur um die Postkartenphantasie vom alten Berlin.“
Häntzschel moniert weiter: „Nicht die Vergangenheit fehlt Berlin – deren Präsenz ist übermächtig-, sondern ein Begriff von Zukunft. Statt sich des verlorenen Glanzes zu versichern, sollte es seine Relevanz von morgen sichern.“ Genau diesen Weg hätte der Palast der Republik in den letzten Monaten eingeschlagen. „Die Enttäuschung, weder Vergangenheit noch Gegenwart im Schloss zu finden, sondern eine aufwändige Geschichtstravestie, wird bitter sein.“
Vereinzelt gibt es auch andere Stimmen. Der Tagesspiegel plädiert in einem Artikel für die Wiedererrichtung des Schlosses und begründet das ganz simpel: „Das Schloss war das Herzstück Berlins, darum kommen wir nicht herum.“ Häntzschels Argumentation wird widersprochen: „Die Schlossbefürworter setzen auf die Kontinuität der Geschichte, auf die Anknüpfung an das Gestern, weil sich nur aus solcher Traditionslinie das Heute begreifen und das Morgen gestalten lässt.“ Der Palast der Republik dagegen entbehre jede Zukunftsperspektive. Warum? Das wird nicht verraten.
Ein Contra-Artikel im Tagesspiegel widerspricht vehement und diagnostiziert der politischen Entscheidung ein „Verdrängungsverfahren per Abriss“. Das „andere Deutschland“ (sprich: die DDR) solle im Orkus des Vergessens verschwinden. Mit der Errichtung eines „gigantischen Zauberschlosses“ aus einer Zeit, als die Welt noch in Ordnung war, gehe es hingegen „um das Emporschießen einer Kulisse für ein Deutschland, das sich gegen den Fortschritt stemmt.“
Wie vergangenheitsbezogen und zukunftsweisend der Palast sein kann, wurde in den letzten Monaten deutlich. Bis heute. Wird er jetzt abgerissen, ist er nur noch eines: Geschichte.
- Datum 11.01.2006 - 12:28 Uhr
- Quelle (c) ZEIT online 19.1.2005
- Kommentare 14
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die ploetzliche rosa-rote Nostalgie Wolke bei viele ehemaligen DDR Buergern...Denke in der ersten Euphorie nahmen zuviele an dass in der BDR das Paradies auf Erden lag..und sie konnten die Mauer garnicht schnell genug runterreissen...was ich damals im Fernsehen sah war eine Riesenwelle die aus der DDR nach Westen ueber schwappte und das war im Grunde auch gut so und ich bin auch sehr zufrieden dass 2 'Ossies' am Steuer der grossen RegierungsParteien stehen...Doch nun laeuft die Karre BDR nicht mehr so geschmiert wie man annahm,ploetzlich hatte das einst so paradiessche Land BDR mehr als eine Laufmasche und schon faellt einem ein was man doch damals hatte...und siehe da: Die DDR ist auf einmal besser als damals ....es kommt eben alles auf die Perspektive an.
Der Palst der Republik war seit 1989 permanet ein Politukum. Viele Interessenlagen und noch mehr Befindlichkeiten haben sich dort gekreuzt. Es mag ja Schattierungen geben bei den Motivationen, eines aber steht fest: Der Abbruch ergibt weder vor dem Hintergrund der Berliner Haushaltslage, noch vor dem Ausblick auf ein Kulissenschloss einen anderen Sinn als den, kulturelle und finanzielle Hegemonie zu demonstrieren.
Die Verantwortlichen wollen offenbar lieber eine Geschichte von Vor-Vorgestern, als eine von vor zwei Stunden. Die Erinnerung an die glorreichen Zeiten eines Krieg führenden, Kolonien beherrschenden, Demokraten jagenden deutschen Kaisers ist ihnen wichtiger, als die an einen missglückten Arbeiter-und-Bauern-Staat. Erst platt walzen und restlos vergessen, dann aufwändig wiederbeleben und schließlich hoffnungslos verklären - so funktioniert deutsche Geschichte. Immer schon. Kein Wunder, dass wir uns so schwer tun mit den historischen Zusammenhängen.
Von diesen Ärgerlichkeiten einmal ganz abgesehen: Ein Volk, das sein Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauswirft, sobald es sich davon auch nur den kleinsten ideologischen Vorteil verspricht, wird international nie wirklich wettbewerbsfähig sein. Weder materiell, noch kulturell.
Das scheinbare Paradoxon des Autors der Süddeutschen scheint sich mir dahingehend aufzulösen, dass Berlin möglicherweise gar keine Zukunft hat, ob nun mit oder ohne Schloss, wenigstens nicht im Sinne einer wie auch immer gearteten steigenden Bedeutung. Das Schlagwort von der Berliner Republik ist so passé wie die Schröderregierung, die Föderalismusreform wird die deutschen Länder stärken, die Stadt Berlin ist bar jeder wirtschaftlichen Grundlage und liegt inmitten einer demographisch schrumpfenden Region, all das wird sich mittelfristig auswirken.
(Zitat: "Häntzschel moniert weiter: 'Nicht die Vergangenheit fehlt Berlin deren Präsenz ist übermächtig-, sondern ein Begriff von Zukunft. Statt sich des verlorenen Glanzes zu versichern, sollte es seine Relevanz von morgen sichern.' Genau diesen Weg hätte der Palast der Republik in den letzten Monaten eingeschlagen.")
Ich finde die Einschaetzung von der kulturellen Demuetigung absolut korrekt. In der Auswahl der Symbole kann man ablesen, wohin eine Reise gehen soll. Die Symbolik dieses Hauses bestand fuer mich auch in der Nutzung als einem "Haus des Volkes". Sicherlich war die auch dort untergebrachte Volkskammer eine Farce. Dies koennte in einer sinnvollen Geschichtsaufarbeitung auch deutlich gemacht werden. Aber ich habe dort auch Veranstaltungen erlebt, die wirklich vom "Volk" genutzt wurden und nicht nur von Kadern und SED-Abzeichen-tragenden Karrieristen, die heute ein neues Volksparteibuch haben. Die DDR ging unter, weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlen konnte, nicht weil sie undemokratisch war. Dieser Umstand macht auch die gegenwaertigen Transferzahlungen aus vorrangig westdeutschen Taschen zu einem Akt, der im Osten nicht genug gewuerdigt wird, keine Frage. Die Dortgebliebenen lernten aber auch ein kollektivistisches Gesellschaftsmodell kennen, das auf einem (wenn auch mediokren) Miteinander beruhte, dessen groesste Staerke eine erheblich bessere Zwischenmenschlichkeit war. Dieses Modell war durchaus demokratisch, denn eine Mehrheit mochte es. Auch dafuer war dieser Palast ein Symbol. Die Zerstoerung dieses und anderer Symbole wird die Nachricht ueber das besagte Miteinander nicht verstummen lassen, aber sie wird von vielen Ostdeutschen als ein weiteres klares Bekenntnis gegen ein solches Miteinander gewertet. Fuer die Zukunft sollten die Deutschen lernen, beides zu integrieren: Rechnungen bezahlen koennen, indem man Leistungseliten nicht vergrault (auch ein interessantes Thema fuer das neue Gesamtdeutschland, dem bereits 20-30.000 Landeskinder als Wissenschaftler in den USA abhanden kamen) und ein Miteinander nicht verteufeln. Fuer eine solche Zukunft ist ein Disney-Style-Hohenzollernschloss denkbar ungeeignet. Frische, moderne Nutzungen des alten Volkspalastes truegen eine deutlich bessere Symbolik. Ein weiterer Gedanke zum Abschluss: ich finde generell den Gedanken unertraeglich, dass sich die Deutschen in Ost und West immernoch in Nachwehen der Grabenkaempfe des kalten Krieges ergehen, eines Krieges der Siegermaechte der 2. Weltkrieges, den Ost- und Westdeutsche MITEINEANDER zu verantworten haben.
Gedemütigt sollten sich eigentlich alle steuerzahlenden Bürger fühlen. Wer immer jammert kein Geld zu haben und es auf der anderen Seite auf so haarstreubende Weise zu Fenster hinausschmeißt, dem kann nicht mehr glauben. Deutschland HAT jede Menge Geld, nur nur wird es an den verkehrten Stellen ausgegeben, zum Beispiel für den Abriß von Häusern.
Daß mit dem Abriß des Palastes nicht nur Geld verschwendet wird sondern auch ein Stück nicht von oben verordneter sondern von unten gewachsener Kultur verloren geht, wiegt allerdings noch schwerer als die ca. 130 Mio (Materialwert des Gebäudes und Kosten des Abrisses). Wie bereichernd hätte ein alternatives Berliner Centre Pompiou für zeitgenössische Kunst-, Medien- und Kulturprojekte in direkter Nachbarschaft zur Museumsinsel für Berlin sein können.
Mal abgesehen von der für mich als ehemaligen DDR-Bürger überflüssigen Diskussion von Vernichtung von Geschichte, sind das aus meiner Sicht die wichtigeren Argumente, die für einen Erhalt des Baukörpers, den man schon seit seiner Entkernung nicht mehr Palast der Republik nennen konnte, gesprochen hätten.
Kann gar nicht sagen, wie entsetzlich (und überflüssig)ich diese Pläne finde. Was ist denn das für ein gesellschaftliches Zeichen? Den Palast der Republik abreißen und dafür das Berliner Stadtschloss wieder aufbauen...War der letzte Hohenzollernkaiser nicht einer der Verbrecher, der Tod und Zerstörung über halb Europa gebracht hat?
Also wenn schon abreißen, dann zumindest einen Architekturwettbewerb und wirklich was Neues.
Da aber eigentlich für alle Varianten das Geld fehlt, weshalb nicht eine breite Debatte in was für einem Land wir eigentlich leben wollen.
Die Deutschen Patridioten in der CDU und SPD wollen jede Erinnerung an die Guten Seiten der DDR wegwischen. Das ist der wahre Grund des Abrisses des Palasts der Republik.
Dieser Ort der Besinnung und des Austausches wir immer in Erinnerung blaiben.
www.leitkulturevolution.de
Wenn man so die Sentimentalitäten für den Lampenladen liest, wäre ein Teilerhalt und Umbau der Ruine durchaus empfehlenswert. Man könnte doch z.B. einen Teil so umbauen, dass der Eindruck eines häßlichen, leeren Regales entsteht. In eines dieser Regalfächer könnte man das noch am anderen Spreeufer plazierte Marx-Engels Denkmal stellen. Dieses könnte man auch etwas umgestalten; eventuell wie der Engels dem Marx Zigarren und Rotwein kredenzt. Mit einer solchen "Gedenkstätte" würde man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Leere der einstigen HO-Regale wären angemessen symbolisiert. Ebenso hätte die geistige und demokratische Leere der Äähmalschen einen ebenso repräsentativen Rahmen gefunden, wie der Erfinder der Diktatur des Proletariats. Ein wenig Ornament aus Beton und Stacheldraht könnte nicht schaden.
Zu krass? Bestimmt nicht; denn wenn das so weitergeht, wird eines Tages der Gysi noch den Sturm auf die STASI-Zentrale in der Normannenstraße als kulturelle Selbstverstümmelung geißeln.
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