Da haben wir es doch allen Kritikern gezeigt. So könnte man den Gesichtsausdruck von Ernst-Ludwig Winnacker deuten, als er am Freitagabend in Bonn vor die Presse trat. Mit roten Ohren und Dauerlächeln gab der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bekannt, welche Universitäten die erste Hürde im sogenannten Exzellenzwettbewerb für die Forschung genommen hatten – ein Ergebnis, das viele so nicht erwartet hatten. Der Wettbewerb kommt nie! Die Sieger stehen schon vorher fest! Die Politik will die Humboldt-Universität zur Eliteuniversität küren! Roland Koch wird dafür sorgen, dass Darmstadt durchkommt! So hatten Kritiker geunkt. Die Realität: Der Wettbewerb ist da und er wird die Hochschullandschaft revolutionieren. Die Humboldt-Universität und die Universität Darmstadt sind schon in der Vorauswahl gescheitert. Und die Politik saß in Bonn am Katzentisch, als DFG und Wissenschaftsrat das Votum der internationalen Gutachter verkündeten.Die Resultate des akademischen Schönheitswettbewerbes sind keine Sensation, sie bergen jedoch manche Überraschung. Erwartungsgemäß hoben die Gutachter die Traditionsuniversitäten aus Freiburg, Tübingen, Heidelberg und München über die erste Hürde des Wettbewerbs sowie die beiden Technischen Hochschulen aus München und Aachen. Würzburg, Karlsruhe oder die Freie Universität schienen im Vorfeld jedoch keineswegs gesetzt, erst Recht nicht Bremen. Lange als rote Kaderschmiede verschrieben, hat die Norduniversität „einen einzigartigen Aufstieg hinter sich“, lobte DFG-Präsident Winnacker.Alle zehn Universitäten haben nun die Chance, die Auszeichnung einer staatlich anerkannten Spitzenuniversität zu erringen. Sie müssen dafür ihre Antragsskizzen ausbauen und sich einer weiteren Begutachtung stellen. Die endgültige Entscheidung dafür fällt im Oktober.Das gilt auch für die anderen beiden Förderlinien. Denn die knapp 2 Milliarden Euro des Exzellenzwettbewerbes verteilen sich insgesamt auf drei Förderschwerpunkte. Der erste Teil des Geldes soll in die Ausbildung des akademischen Nachwuchses fließen. 40 Graduate School sollen mit je einer Million Euro bedacht werden. In der zweiten Förderlinie sollen 30 sogenannte Cluster prämiert werden, in denen die Hochschulen Forschungsverbünde eingehen, etwa mit Max-Planck-Instituten oder der Wirtschaft. Das Geld der dritten wichtigsten Linie schließlich soll bis zu zehn Universitäten als Ganzes zugute kommen. Diese Spitzenuniversitäten müssen überzeugend darlegen, wie sie in den kommenden Jahren mit Hochschulen wie Harvard, Stanford oder Oxford konkurrieren möchten.Der Ehrentitel ist nicht nur mit je 20 Millionen Euro über fünf Jahre dotiert, einer enormen Summe für die Not leidenden Hochschulen. Gleichzeitig ist die Aufnahme in den akademischen Olymp das beste Argument für das Werben um hervorragende Professoren, talentierte Studenten und zahlungskräfte Sponsoren.Die jetzige Juryentscheidung zeichnet eine Forschungslandschaft, in welcher der Süden erblüht, es im Norden und Westen einige Oasen gibt und der Osten fast brach liegt. So haben sich aus Baden-Württemberg vier von sieben Universitäten für die nächste Runde qualifiziert, aus Bayern drei von vier. In Nordrhein-Westfalen bleibt nur Aachen im Rennen, in Berlin nur die Freie Universität. Noch gravierender: In 11 von 16 Bundesländern kann erst einmal keine Hochschule im Oktober zur Spitzenuniversität erkoren werden.Etwas differenzierter sieht das Bild aus, wenn man sich die Ergebnisse der beiden anderen, kleineren Förderlinien anschaut: jene für die Graduate Schools und die Forschungscluster. Hier können Hochschulen aus fast allen Bundesländern mit der einen oder anderen Forschungsidee punkten. Richtig abgeräumt jedoch haben hier erneut die LMU München und die RWTH Aachen, sie brachten jeweils sechs Vorschläge über die erste Hürde, die TU München fünf.Fast zwei Jahre ist es fast auf den Tag her, dass die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) die Idee eines Elite-Wettbewerbs bekannt gab. Die Verpackung („Brain up – Deutschland sucht die Superuni“) war verunglückt, die Idee richtig, auch wenn Bund und Länder noch mehr als ein Jahr über die genaue Ausgestaltung des Förderprogramms für Deutschlands beste Universitäten und Wissenschaftler stritten.Heute nun zeichnet sich ab, dass der Exzellenzwettbewerb mehr verändern wird, als es jedes neue Hochschulgesetz vermocht hätte. Das Eliteprogramm wird das auf Gleichheit beruhende Universitätssystem endgültig zerschlagen. Zudem wird es vielen akademischen Bildungseinrichtungen ein inhaltliches Profil verpassen, das sie in den nächsten Jahren, vielleicht Jahrzehnten prägen wird.Zudem hat der Wettbewerb die Wissenschaftsorganisationen, insbesondere die DFG und den Wissenschaftsrat gestärkt. Beide haben glaubhaft gemacht, dass allein nach wissenschaftlicher Qualität entschieden wurde. Das ist nicht selbstverständlich bei einem Programm dieser Dimension. Die politische Neutralität schien der Jury jedoch auch nicht schwer gefallen zu sein. Weder der Bund noch Vertreter der Länder haben „auch nur irgendeinen Versuch“ gemacht, den Wettbewerb zu beeinflussen, hieß es bei DFG und Wissenschaftsrat unisono. Bundesforschungsministerin Annette Schavan war zur Präsentation der Ergebnisse in Bonn nicht einmal erschienen.Freilich hatten nicht alle Hochschulen die gleichen Chancen auf den begehrten Titel. Denn die Jury bewertete in allen drei Förderlinien nicht nur Konzepte für die Zukunft, sondern ebenso die Erfolge der Vergangenheit. Wer bereits einen Sonderforschungsbereich oder herausragende Wissenschaftler vorweisen konnte, hatte bessere Chancen als die Antragsteller, welche dies nicht vermochten. „Die Pläne der Hochschulen müssen eine reale Basis haben“, sagt der Generalsekretär des Wissenschaftsrates Wedig von Heyden. Das könnte ein Grund sein, warum Universitäten wie Münster oder die TU Berlin in der dritten Förderlinie nicht zum Zuge kamen.Die genauen Gründe für das Scheitern bleiben der Öffentlichkeit zwar verborgen. Nur die Siegeruniversitäten hörten am Abend in Bonn ihren Namen. Doch auch die Verlierer werden in nächsten Tagen Post bekommen: mit einer Analyse ihrer Bewerbung und Hinweisen, warum sie es nicht geschafft haben. Schon zuvor hatten mehrere Universitäten angekündigt, im Fall eines Scheiterns ihre Anträge zu überarbeiten und es in der zweiten Runde erneut zu versuchen. Auch die DFG rechnet damit, die eine oder andere Forschungsidee in den kommenden Monaten erneut auf den Tisch zu bekommen: als Antrag für einen Sonderforschungsbereich oder eine Graduiertenschule.Der Gesamtsieger des Exzellenzinitiative steht bereits heute fest: die deutsche Wissenschaft als Ganzes. Der Wettbewerb hat Kräfte freigesetzt, wie es kaum jemand für möglich gehalten hatte. Von einem „nie da gewesenen Aufbruch“, sprach Wissenschaftsratsvorsitzender Karl Max Einhäupl. Jürgen Zöllner, Wissenschaftsminister aus Rheinland-Pfalz, schwärmte: „Die depressive Stimmung ist weg.“ Das größte Lob überbrachte DFG-Präsident Winnacker jedoch von den ausländischen Gutachtern. Selten auf der Welt hätten sie ein Programm gesehen, das ein Land wissenschaftlich so voran gebracht hat wie die Exzellenzinitiative.Diesen Schwung zu nutzen, wird die Aufgabe der nächsten Monate sein, für Sieger wie Verlierer. Ebenso jedoch gilt es, den Gefahren des Wettbewerbs zu begegnen. Trotz aller Freude über die große Resonanz des Förderprogramms, hat sich nur ein Bruchteil der deutschen Hochschulen, Fakultäten und Professoren beteiligt. Die meisten deutschen Wissenschaftler werden nicht von den zwei Milliarden Euro profitieren. Die Wissenschaftspolitik und die Hochschulspitzen dürfen sie nicht aus den Augen verlieren.Denn die Exzellenzinitiative wird nicht nur zwischen den Universitäten Geld und Status verschieben. Auch innerhalb der Hochschulen wird der Wettbewerb die Unterschiede vergrößern. Denn plötzlich werden einige wenige Wissenschaftlergruppen, über sehr viel Geld verfügen, während ihre Kollegen weiter unter dem Spardiktat leiden müssen. Um auch diesen Wissenschaftler eine Perspektive zu geben, ist es sinnvoll, was DFG und Wissenschaftsrat fordern: Die Exzellenzinitiative darf keine Einmalveranstaltung bleiben.
Die Liste der 36 Universitäten, die aufgefordert werden, sich für die zweite Runde zu bewerben, finden Sie bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bzw. beim Wissenschaftsrat.
Alles schon gesagt?
Diskutieren Sie über dieses Thema mit in der Campus Community und klicken Sie hier !