Exzellenz Die Elite der Unis

Universitäten aus Bayern und Baden-Württemberg räumen bei der ersten Runde der Exzellenzinitiative ab – die Humboldt-Universität ausgeschieden – Bremen kommt als Überraschungskandidat weiter

Der Wettbewerb kommt nie! Die Sieger stehen schon vorher fest! Die Politik will die Humboldt-Universität zur Eliteuniversität küren! Roland Koch wird dafür sorgen, dass Darmstadt durchkommt! So hatten Kritiker geunkt. Die Realität: Der Wettbewerb ist da und er wird die Hochschullandschaft revolutionieren. Die Humboldt-Universität und die Universität Darmstadt sind schon in der Vorauswahl gescheitert. Und die Politik saß in Bonn am Katzentisch, als DFG und Wissenschaftsrat das Votum der internationalen Gutachter verkündeten.

Die Resultate des akademischen Schönheitswettbewerbes sind keine Sensation, sie bergen jedoch manche Überraschung. Erwartungsgemäß hoben die Gutachter die Traditionsuniversitäten aus Freiburg, Tübingen, Heidelberg und München über die erste Hürde des Wettbewerbs sowie die beiden Technischen Hochschulen aus München und Aachen. Würzburg, Karlsruhe oder die Freie Universität schienen im Vorfeld jedoch keineswegs gesetzt, erst Recht nicht Bremen. Lange als rote Kaderschmiede verschrieben, hat die Norduniversität „einen einzigartigen Aufstieg hinter sich“, lobte DFG-Präsident Winnacker.

Alle zehn Universitäten haben nun die Chance, die Auszeichnung einer staatlich anerkannten Spitzenuniversität zu erringen. Sie müssen dafür ihre Antragsskizzen ausbauen und sich einer weiteren Begutachtung stellen. Die endgültige Entscheidung dafür fällt im Oktober.

Das gilt auch für die anderen beiden Förderlinien. Denn die knapp 2 Milliarden Euro des Exzellenzwettbewerbes verteilen sich insgesamt auf drei Förderschwerpunkte. Der erste Teil des Geldes soll in die Ausbildung des akademischen Nachwuchses fließen. 40 Graduate School sollen mit je einer Million Euro bedacht werden. In der zweiten Förderlinie sollen 30 sogenannte Cluster prämiert werden, in denen die Hochschulen Forschungsverbünde eingehen, etwa mit Max-Planck-Instituten oder der Wirtschaft. Das Geld der dritten wichtigsten Linie schließlich soll bis zu zehn Universitäten als Ganzes zugute kommen. Diese Spitzenuniversitäten müssen überzeugend darlegen, wie sie in den kommenden Jahren mit Hochschulen wie Harvard, Stanford oder Oxford konkurrieren möchten.

Der Ehrentitel ist nicht nur mit je 20 Millionen Euro über fünf Jahre dotiert, einer enormen Summe für die Not leidenden Hochschulen. Gleichzeitig ist die Aufnahme in den akademischen Olymp das beste Argument für das Werben um hervorragende Professoren, talentierte Studenten und zahlungskräfte Sponsoren.

Die jetzige Juryentscheidung zeichnet eine Forschungslandschaft, in welcher der Süden erblüht, es im Norden und Westen einige Oasen gibt und der Osten fast brach liegt. So haben sich aus Baden-Württemberg vier von sieben Universitäten für die nächste Runde qualifiziert, aus Bayern drei von vier. In Nordrhein-Westfalen bleibt nur Aachen im Rennen, in Berlin nur die Freie Universität. Noch gravierender: In 11 von 16 Bundesländern kann erst einmal keine Hochschule im Oktober zur Spitzenuniversität erkoren werden.

Etwas differenzierter sieht das Bild aus, wenn man sich die Ergebnisse der beiden anderen, kleineren Förderlinien anschaut: jene für die Graduate Schools und die Forschungscluster. Hier können Hochschulen aus fast allen Bundesländern mit der einen oder anderen Forschungsidee punkten. Richtig abgeräumt jedoch haben hier erneut die LMU München und die RWTH Aachen, sie brachten jeweils sechs Vorschläge über die erste Hürde, die TU München fünf.

Fast zwei Jahre ist es fast auf den Tag her, dass die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) die Idee eines Elite-Wettbewerbs bekannt gab. Die Verpackung („Brain up – Deutschland sucht die Superuni“) war verunglückt, die Idee richtig, auch wenn Bund und Länder noch mehr als ein Jahr über die genaue Ausgestaltung des Förderprogramms für Deutschlands beste Universitäten und Wissenschaftler stritten.

Heute nun zeichnet sich ab, dass der Exzellenzwettbewerb mehr verändern wird, als es jedes neue Hochschulgesetz vermocht hätte. Das Eliteprogramm wird das auf Gleichheit beruhende Universitätssystem endgültig zerschlagen. Zudem wird es vielen akademischen Bildungseinrichtungen ein inhaltliches Profil verpassen, das sie in den nächsten Jahren, vielleicht Jahrzehnten prägen wird.

Zudem hat der Wettbewerb die Wissenschaftsorganisationen, insbesondere die DFG und den Wissenschaftsrat gestärkt. Beide haben glaubhaft gemacht, dass allein nach wissenschaftlicher Qualität entschieden wurde. Das ist nicht selbstverständlich bei einem Programm dieser Dimension. Die politische Neutralität schien der Jury jedoch auch nicht schwer gefallen zu sein. Weder der Bund noch Vertreter der Länder haben „auch nur irgendeinen Versuch“ gemacht, den Wettbewerb zu beeinflussen, hieß es bei DFG und Wissenschaftsrat unisono. Bundesforschungsministerin Annette Schavan war zur Präsentation der Ergebnisse in Bonn nicht einmal erschienen.

Freilich hatten nicht alle Hochschulen die gleichen Chancen auf den begehrten Titel. Denn die Jury bewertete in allen drei Förderlinien nicht nur Konzepte für die Zukunft, sondern ebenso die Erfolge der Vergangenheit. Wer bereits einen Sonderforschungsbereich oder herausragende Wissenschaftler vorweisen konnte, hatte bessere Chancen als die Antragsteller, welche dies nicht vermochten. „Die Pläne der Hochschulen müssen eine reale Basis haben“, sagt der Generalsekretär des Wissenschaftsrates Wedig von Heyden. Das könnte ein Grund sein, warum Universitäten wie Münster oder die TU Berlin in der dritten Förderlinie nicht zum Zuge kamen.

Die genauen Gründe für das Scheitern bleiben der Öffentlichkeit zwar verborgen. Nur die Siegeruniversitäten hörten am Abend in Bonn ihren Namen. Doch auch die Verlierer werden in nächsten Tagen Post bekommen: mit einer Analyse ihrer Bewerbung und Hinweisen, warum sie es nicht geschafft haben. Schon zuvor hatten mehrere Universitäten angekündigt, im Fall eines Scheiterns ihre Anträge zu überarbeiten und es in der zweiten Runde erneut zu versuchen. Auch die DFG rechnet damit, die eine oder andere Forschungsidee in den kommenden Monaten erneut auf den Tisch zu bekommen: als Antrag für einen Sonderforschungsbereich oder eine Graduiertenschule.

Der Gesamtsieger des Exzellenzinitiative steht bereits heute fest: die deutsche Wissenschaft als Ganzes. Der Wettbewerb hat Kräfte freigesetzt, wie es kaum jemand für möglich gehalten hatte. Von einem „nie da gewesenen Aufbruch“, sprach Wissenschaftsratsvorsitzender Karl Max Einhäupl. Jürgen Zöllner, Wissenschaftsminister aus Rheinland-Pfalz, schwärmte: „Die depressive Stimmung ist weg.“ Das größte Lob überbrachte DFG-Präsident Winnacker jedoch von den ausländischen Gutachtern. Selten auf der Welt hätten sie ein Programm gesehen, das ein Land wissenschaftlich so voran gebracht hat wie die Exzellenzinitiative.

Diesen Schwung zu nutzen, wird die Aufgabe der nächsten Monate sein, für Sieger wie Verlierer. Ebenso jedoch gilt es, den Gefahren des Wettbewerbs zu begegnen. Trotz aller Freude über die große Resonanz des Förderprogramms, hat sich nur ein Bruchteil der deutschen Hochschulen, Fakultäten und Professoren beteiligt. Die meisten deutschen Wissenschaftler werden nicht von den zwei Milliarden Euro profitieren. Die Wissenschaftspolitik und die Hochschulspitzen dürfen sie nicht aus den Augen verlieren.

Denn die Exzellenzinitiative wird nicht nur zwischen den Universitäten Geld und Status verschieben. Auch innerhalb der Hochschulen wird der Wettbewerb die Unterschiede vergrößern. Denn plötzlich werden einige wenige Wissenschaftlergruppen, über sehr viel Geld verfügen, während ihre Kollegen weiter unter dem Spardiktat leiden müssen. Um auch diesen Wissenschaftler eine Perspektive zu geben, ist es sinnvoll, was DFG und Wissenschaftsrat fordern: Die Exzellenzinitiative darf keine Einmalveranstaltung bleiben.

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Leser-Kommentare
  1. Eliteuniversitaeten lassen sich nicht per Fiat aus Berlin aus dem Boden stampfen, sie entwickeln sich. Anstatt hier einen Popularitaetswettbewerb zu veranstalten, waere es weit besser, diejenigen Institutionen zusaetzlich zu foerdern, die bereits jetzt zur Elite zaehlen. Und wieso gleich zehn? Amerika scheint mit zwei oder drei schon mehr Nobelpreistraeger zu produzieren als Deutschland mit zehn.
    NB: Die amerikanische Elite ist ausschliesslich privat!
    Staatlich finanzierte Institutionen sind keine Konkurrenz.

    • Anonym
    • 21.01.2006 um 8:26 Uhr

    Na, da kann ich mir jetzt aber mal was einbilden, wo ich doch in Freiburg studiert habe und auch noch in einem Sonderforschungsprojekt unterwegs war. Gut, das ist zwanzig Jahre her und eine "List of Excellence" gabs damals noch nicht. Die Selektion im Übergang vom Grund- ins Hauptstudium war aber damals schon richtig heftig, so dass von 120 Studienanfägnern in meinen Fächern zwanzig übrig blieben, die Examen machten.

    Der Ruf der Uni war damals übrigens schon sehr gut, wohl eben wegen der Selektion, die sie betrieb, wegen der Projekte, die sie damals schon durchführte, und weil sie einfach die besten Lehrer hatte. Denn auch ohne explizites Ranking as center of excellence (Ich kann dieses Worrtgeklingel nicht mehr hören), hatte sie eben eine Tradition, die die Besten ihrer Fächer anzog und einen esprit de corps lebendig hielt.

    Genutzt hat mir der Ruf bei der Jobsuche aber erkennbar nicht. Vielleicht wäre das heute besser, wenn ich neben mein Diplom einen Wisch legen könnte, der das ausnehmende Ranking nochmal bestätigt.

    Ehrlich gesagt geht mir das ganze "Excellence" Getue bei uns, seitdem Pisa - zu recht - uns einen super Minderwertigkeitskomplex verschafft hat, auf die Nerven. Jetzt sollen schon Excellence Kindergärten entstehen, haufenweise Eltern vertuen ihre wenige freie Zeit damit, ihre Kinder auf irgendwelchen bilingualen Europaschulen unter zu bekommen, statt sich in der Zeit ausschliesslich um ihre Kinder zu kümmern und statt zu berücksichtigen, dass es den Kindern nichts nutzt, den Lehrplan zwar in drei Sprachen zu verfolgen, dafür aber als Preis täglich zwei bis drei Fahrtstunden zu haben und sich zu Hause ohne Spielkameraden wieder zu finden.

    Dieses ganze Excellence Zeugs ist wieder so ein Marketinggedöns, das letztlich nur darauf abzielt Kohle machen zu können.

    Von der freien Zugänglichkeit zu Bildung (was bitte nicht mit Beliebigkeit in der Qualität zu verwechseln ist), entfernen wir uns dadurch immer mehr.

    Und der Teufel hole mich, wenn die Excellence Absolventen wirklich zu mehr als 10% excellent sind:

    nie werde ich vergessen wie ich auf einem sonntagabendlichen Flug von Köln nach Paris, wo ich in den kommenden TAgen dienstlich zu tun hatte (Manager in einem Industrieunternehen), neben einem jungen agilen McKinsey Mitarbeiter und INSEAD Absolventen sass. Der traktierte sein Notebook eine Stunde lang mit Einladungen zu after-dinner parties und mit email gossip, wer wo bei welchen Business Schools graduiert hat - nicht ein einziger inhaltlicher Satz, nicht einer. Ja, ja, ich weiss - erstens spickt man im Flugzeug nicht, zweitens gehts mich nichts an, drittens erlaubt ein Dreiviertelstündchen kein solches Urteil usw.

    Es war aber nur so furchtbar exemplarisch für das meiste, was ich von Excellence Absolventen, der ich ja auch gewesen wäre, hätte die Uni Freiburg diesen Ehrentitel damals schon gehabt, immer wieder in meinem Berufsleben gesehen habe:

    viel, viel heisse Luft!

    Ich sehne mich in unserem ganzen modernen Leben nach Bescheidenheit und Demut, das würde uns weiter bringen als dieses ganze RAnking und Excellence Getue.

    • LUP0
    • 24.01.2006 um 21:31 Uhr

    "Die Exzellenzinitiative darf keine Einmalveranstaltung bleiben."

    Oh.
    Schmerz.

    Die künstliche "Elitisierung" (letztendlich per proclamationem! Wie peinlich ist uns das eigentlich? Hoffentlich sehr peinlich? - Sollte ein Titel wie "Elite" sich nicht selbst erklären aus dem guten Ruf und der glänzenden Leistung? Bedarf es schellenlaute Torerei, um sich auszuzeichnen? Wissen wir nicht längst auch ohne Hilfe, wo die Elite sitzt?
    Beispiel aus dem Allgemeinwissen: die Charité in der Medizin. Selbst dem Laien ist klar, daß in Berlin die Besten forschen und heilen.
    Negativbeispiel ex ebenda: Heidelberg in der Juristerei. Auch in nichtjuristischen Kreisen weiß man um die schmale Qualität der Barbourjackenträger vom Neckar. - Aber weiter im Satz. "Die künstliche Elitisierung", also:) einiger weniger Universitäten WIRD zu einem Run der Studierenden auf diese Unis führen - und vor allem zu einer künstlichen Klassengesellschaft in der Ausbildung, die aber eben paradoxerweise NICHT auf einer irgendwie "exzellenten" Ausbildung fußt.
    Die Mißinterpretation dieser Elite-Kur wird gesellschaftlich weitreichende Folgen haben. Unter diesen Folgen findet sich auch durchaus auch Gewinn: Zugewinn IST tatsächlich zu erwarten - in den persönlichen Eitelkeiten Einzelner. Hurra!

    Warum nimmt die Öffentlichkeit diesen Mummenschanz eigentlich ernst?

    Und Du, Leser? Glaubst Du an ein frisch proklamiertes Center of Excellence als Heilsbringer regional wie international?
    Echt?

    Na dann.
    DU bist Deutschland.

    • leuflo
    • 21.01.2006 um 22:05 Uhr

    Mir fällt auf, dass unter den zehn genannten keine einzige ostdeutsche Uni ist.

  2. Angesichts der Tatsache, dass die deutsche akademische Forschungslandschaft ueber zwei Jahrzehnte stiefmuetterlich behandelt wurde und das Land in beangstigender Weise fuer zukuenftige Herausforderungen oekonomisch und technologisch "unfit" ist, ist die Summe von 1,9 Milliarden EURO ueber einen Zeitraum von fuenf Jahren und aufgeteilt in verschiedene Programme unangemessen klein. Es scheint immer noch nicht klar zu sein, dass Wissen der einzige "Rohstoff" ist, den dieses Land besitzt. Vielleicht hilft ein Vergleich, um den relativen Stellenwert von "Forschung und Wissen" in verschiedenen Laendern zu verdeutlichen: Singapur, ein Staat mit ca 4 Millionen Einwohnern und ebenso reich an Geld und arm an Rohstoffen wie Deutschland, hat gerade einen Nationalen Research Fond ins Leben gerufen, der die Forschung und technologische Entwicklung der handvoll Universitaeten ueber fuenf Jahre mit einer Summe von ca. 2.5 Milliarden EURO foerdert!
    Prof. Dr. Peter Droege
    NTU/Singapur

  3. Herzlichen Glueckwunsch an Deutschland! Die Elite kommt! Die Nachricht hat per grossem Verteiler alle Botschaften und Goethe-Institute der Welt schon erreicht. Auslaendische Zeitungen in China und Indien und den USA loben Deutschland fuer diesen wichtigen Schritt! Und es wird wichtig sein, die Erfahrungen der anderen Laender einzubeziehen, denn Deutschland befindet sich jetzt in einer Kulturrevolution. Jedes Gymnasium, jede Grundschule, jede Familie, alle Abendschulen, die Politik und Wirtschaft, die Parteien und Begabtenstiftungen, die akademischen Austauschprogramme und Foerdervereine, alles wird umdenken muessen, und die Flexibilitaet und Leistungsbereitschaft wird ungeaehnte Kraefte entfachen. Die neuen Elite-Universitaeten werden europaweit (und hoffentlich auch weltweit) agieren, und die besten und hellsten Koepfe zu sich ziehen. Auslaendische Praesidenten und Deligationen werden gezielt solche Institute fuer Ansprachen und Vortraege auswaehlen, denn dort sitzen all die Leute, auf die es ankommt - die Besten der Besten Deutschlands und der Welt. Aber es werden natuerlich auch Probleme auftauchen. Wir sind eines der letzten Laender der Erde, die solche Institutionen benennen. Das ist eine Tatsache. In China und Indien ist das Vorhandensein von Eliteuniversitaeten fest verankert im Bewusstsein der Zivilisation. So auch in den USA, Japan, Indien und dem Rest der anglophonen Welt. Schon bei der Geburt vieler Babys wird an Elite-Universitaeten gedacht und daran alles gemessen. Deutschland ist neu auf diesem Gebiet, das macht den Menschen Angst. Was tun, wenn im Fach Mathematik in Muenchen 50% hochgescheiter Asiaten mit im Kurs sitzen? Was tun, wenn wie in den USA Auslaender ploetzlich im Schnitt besser abschneiden als unsere eigenen Kinder? Was tun wenn Harvard, Stanford oder Peking Joint-Degrees anbieten fuer die streng ausgewaehlten Hochbegabten in Heidelberg? Was ist wenn Putin zum Haendeschutteln vor dir steht? Oder die amerikanische Aussenministerin eine Ansprache haelt? All dies ist in der Welt der Elite-Universitaeten laengst Gang und Gebe. Aber in Deutschland macht das den Leuten Angst. Pisa steckt allen in den Knochen. Wir lehnen internationale Vergleiche ab. Nur im egalen Deutschland fuehlen wir uns sicher. Bildung steht zwar hoch auf unserer Agenda, aber wir kennen das Gefuehl von wirklichem Leistungsdruck nicht, von internationalem Druck nicht, nicht unsere Kinder in den Kindergaerten, nicht unser verruecktes dreikoepfiges Schulsystem (Haupt-, Realschule, Gymnasium), nicht unsere Beamten im Hochschulsystem. Daher kann es im Anfangsstadium der Elite-Universitaeten zu heftigen Ungerechtigkeiten beim Auswahlverfahren kommen (was glaubt ihr denn, wo jetzt die Professorenkinder immatrikulieren?!). Und es wird zu Studiengebuehren kommen - unausweichlich. Das wird Jahre brauchen um der Bevoelkerung das klar zu machen, denn dass man in Bildung des Nachwuchses heftig investieren muss, ist in Deutschland leider keine Selbstverstaendlichkeit.

    • sbo78
    • 21.01.2006 um 0:37 Uhr

    Es darf nicht verwundern, dass in vielen Fällen - und so eben auch in der Wissenschaft - der Deutsche Osten so schlecht abschneidet. Schließlich verfügt allein Bayern über in etwa soviele Einwohner wie die neuen Länder zusammen. Und dazu kommt eine deutlich vorteilhaftere demographische Grundlage, hohe Zuwanderung und wirtschaftliche, gewachsene Stärke. Neben ganz anderen Mitteln, die zur Verfügung stehen gibt es auch einen viel größeren Bedarf an den Ergebnissen der universitäteren Forschung und Ausbildung in Bayern. Baden-Württemberg ist ähnlich bei kleinerer Basis zu betrachten.

    Dazu stellt sich mir immer wieder die Frage, was die Bundesländer in unserer förderalistischen Staatsform dazu bewegen sollte, gute Unis zu haben? Es ist mit Verlaub besonders für die schwächeren Länder viel günstiger die eigenen Abiturienten ins "Ausland" zu schicken und dort ausbilden zu lassen, als diese Daheim auszubilden und dann in die wirtschaftlich starken Länder abwandern zu lassen. Durch die verunglückte Zuständigkeit für Bildung in Deutschland, die Länder sind Finanziers, Entscheider und Prüfer in einem, muss schon ein starker innerer Drang vorhanden sein, um sich auf diesem Gebiet hervorzutun. Und einen Stolz auf das Bildungssystem ihres Bundeslandes habe ich bislang nur bei Menschen aus Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen erlebt - wohl nicht zufällig alles Sieger der PISA-Studien.

    Mit einer zentralisierten, europäischen Vorgabe, welche Kriterien zu einem Hochschulzugang zu einem bestimmten Fachstudium Voraussetzung sind, wäre einerseits der Druck auf die Schulträger groß, diese Anforderungen zu erfüllen und andererseits eine gute Vergleichbarkeit der Hochschulen EU-weit gegeben. Dann kann ich mein Zeugnis anschauen und feststellen in welchen Fächern ich Leistungs-, Fortgeschrittenen- und Grundstufe erfülle und mich nach den entsprechenden Studienfächern umsehen. Das vielerorts gestrichene 13. Schuljahr wäre ja frei, um ein (kostenpflichtiges?) Vorbereitungssemester oder -jahr für diejenigen Studierenden anzubieten, die außerhalb ihres schulischen Schwerpunktes studieren wollen, keine anerkannte Hochschulzugangsberechtigung haben und die Aufnahmeprüfung zum eigentlichen Studium nicht bestanden haben. Was auch dem Niveau deutscher Bachelorstudiengänge zugute käme, die als dreijährige Studiengänge in der Wirtschaft nicht die Wertschätzung eines Diplomes genießen (dass oft als einem fünfjährigen Master gleichwertig gesehen wird) und somit hierzulande derzeit weitgehend wertlos sind.

  4. Ich kann mich, wenn ich die ganze Elite-Uni-Debatte so verfolge, des Eindrucks nicht erwehren, die Deutschen würde ihre Erlösung schon wieder (vielleicht auch immer noch) von irgendwelchen Übermenschen erwarten. Als wäre es für das Funktionieren eines Gemeinwesens ausreichend, eine möglichst teuer mit Informationen vollgestopfte Führungsschicht zu besitzen, um die es von anderen Staaten beneidet wird. Ich fürchte, das ist ein Trugschluss.

    Weder die USA noch Indien oder China können uns dabei helfen, endlich die Gesamtheit unseres Bildungssystems in den Blick zu bekommen. Wenn deren Vertreter uns jetzt zujubeln, dann tun sie das aus genau den selben Gründen, aus denen auch die gut situierten Väter und Mütter aus München, Stuttgart und Bremen sich die Hände reiben: Das Wissen um die Ranking-Sieger erleichtert die Auswahl ungemein. Höhere Studiengebühren sind schließlich das Mindeste, was eine Elite-Uni als Gegenleistung für den Einkauf ihre angeblich besseren Lehrer und die Unterhaltung ihrer angeblich besseren Ausstattung fordern darf. Wer es sich also leisten kann, der meldet seinen Sprössling dort an, und zwar ab sofort ohne sich erst lange sachkundig machen zu müssen. Mit seinem – nicht selten auf fragwürdige Art und Weise zusammengerafften oder auch einfach nur ererbten – Vermögen kauft er dem Nachwuchs nicht etwas eine solide, belastbare, auf breiter Basis ruhende Ausbildung, sondern schlicht eine Eintrittskarte. Eine Eintrittskarte in eine Elite-Welt. Als würde das Label auf der Verpackung zuverlässig etwas über die Qualität des Inhaltes aussagen! An diese überholte Marketing-Vorstellung glaubt ja wohl im Ernst kein Mensch mehr - nicht, nachdem Nike seine Turnschuhe in Hanoi nähen lässt.

    Nein, Elite-Unis sind kein Garant für Qualität. Und wir alle sollten das inzwischen bemerkt haben. Die Ergebnisse einer derartigen Auslese kann man nämlich weltweit bereits seit geraumer Zeit bewundern: Nicht nur in Deutschland sind Spitzenkräfte all zu oft eher eine Belastung, als eine Bereicherung für die Gesellschaft. Aber wir müssen ja unbedingt all die billigen amerikanischen Vorabendserien und Spielfilme kopieren, in denen schöne, glückliche, strebsame Jungakademiker „Hurra!“-brüllend ihre schwarzen Hüte in die Luft werfen, um sich anschließend – was kostet die Welt? – die bestbezahltesten Jobs rund um den Globus zuteilen zu lassen. Jobs, bei denen man für viel Geld und noch mehr Einfluss möglichst wenig zu tun braucht. Leider geht die Realität an der Fernsehwirklichkeit auch in den USA weit vorbei. Fragen wir doch unsere Eliten einmal, was und wo sie studiert haben, bevor sie die Gelegenheit zu Massenentlassungen bekamen!

    Wir sollten uns wirklich unseren eigenen Kopf machen, finde ich. Denn was nützen uns die finanziell bestausgestattetsten Universitäten, wenn sich in der Praxis niemand mehr findet, mit dessen tatkräftiger Unterstützung die Eliteabsolventen ihr herausragendes Wissen, so sie es denn tatsächlich haben, umsetzen könnten? Was nützt dem Absolventen der University of London sein Diplom (wahlweise auch ein Master-Titel), wenn er nach dem Studium damit vor einem Haufen Analphabeten steht, der nicht ein Drittel von den begreift, was man ihm erzählt? Seine Treue zum Vaterland und die Neigung zu sozialer Wohltätigkeit müsste schon ungewöhnlich groß sein, wenn sich ein solcher Absolvent entschließen sollte, als Grundausbilder tätig zu werden. Wahrscheinlicher ist es, dass er auswandert, und sein exzellentes Wissen mitnimmt. Da hin, wo auch Otto-Normalbürger über eine solide Ausbildung verfügt. Denn eines steht ja wohl fest: Es sind nicht wirklich die Manager, die den VW oder die Ariane zusammenschrauben. Es sind auch nicht die Ingenieure. Nicht einmal die exzellenten. Die Herren in den weißen Kitteln sind auch heute noch nichts ohne die im blauen Overall. Am Anfang mag ja das Wort gewesen sein, es muss allerdings zur Tat werden, soll es Gestalt annehmen.

    Übrigens: Das schlechte Abschneiden ostdeutscher Unis ist leicht zu erklären. Es gab da, vor etwa 16 Jahren, einen drastischen Bruch. Bis zu 90% aller Spitzenpositionen und ein Grossteil der einfachen Lehrkräfte wurden damals quasi über Nacht ersetzt. Durch „Experten“ aus den alten Bundesländern. Die zunächst erst einmal alles anders, aber nicht vieles wirklich besser gemacht haben. Abgesehen von der Finanzstruktur. Geld ist nun da. Das aber ist manchmal auch schon alles. Exzellent, Kollegen!

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