MAXIMAL JAZZ Mit verstopftem Herzen

Die New Yorkerin Sheila Jordan singt, als ob es ihr letztes Konzert wäre – Stunden später liegt sie unterm Messer. Siebte Folge unserer sonnabendlichen Kolumne über Begegungen mit Musikern

New York, 18. November 2004. Auf der Bühne des Triad, eines kleinen Cabaret-Clubs im oberen Teil von Manhattan, steht die Jazzsängerin Sheila Jordan. Es ist ihr 76. Geburtstag und vielleicht der letzte Tag in ihrem Leben. Ihr Arzt, ein Herzspezialist, hatte ihr gesagt, mehrere Arterien seien verstopft, sie müsse sofort operiert werden. Die Operation ist für den nächsten Morgen festgesetzt, um 5.30 Uhr, im Columbia Presbyterian Hospital. Den Tag nach ihrem Geburtstag.

An diesem Abend trägt sie einen schwarzen Samtkimono, bestickt mit japanischen Ornamenten. Dazu eine rote Blume im Haar. Sie singt mit geschlossenen Augen, sehr gefühlvoll, hingegeben an die Musik. Begleitet wird sie nur von einem Bassisten, von Cameron Brown. „Es gibt Bereiche in meiner Stimme“, sagt sie, „die ich mit einem Schlagzeug oder auch einem Klavier nicht hören könnte.“

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Sie spürt den Tönen nach, den Texten. Sie lebt die Texte wie kaum eine andere Sängerin. Außer ihr gab es nur noch Shirley Horn, die Texte so singen konnte, als habe sie alles selbst erlebt. Sie eröffnet ihr Konzert mit dem Humdrum Blues, geschrieben von dem Chicagoer Dichter und Bürgerrechtler Oscar Brown Jr. Sie singt sein klagendes Brother Where Are You und ein Blues Medley For Miles. Sie singt, als wäre es ihr letztes Mal, anderthalb Stunden lang. Die CD mit dem Konzert erscheint ein Jahr später unter dem Titel Celebration.

Berlin, im Januar 2006. Sheila Jordan sitzt in einem violetten Sessel der hellgrünen, japanischen Suite eines Berliner Hotels. Am Ende eines langen Flurs, ausgelegt mit einem dichten, weichen Teppich, der das Geräusch der Schritte verschluckt. Ihr schmales, sehr mädchenhaftes Gesicht ist zugewandt, der Blick offen, direkt. Sie ist niemand, der Dinge verschweigt. Offen redet sie über ihre Alkoholsucht, diese Krankheit, die in ihr geschlafen habe, schon immer. Und die dann hervorgebrochen sei und sie fast unter sich begraben hätte. Sie sei lange nicht bereit gewesen, Hilfe anzunehmen. Ihr Blick bleibt direkt, ernst. Sie weiß, es ist ein Thema, das nicht nur sie betrifft. Dass viele Musiker in dieser Lage sind, in diesem Teufelskreis, aus dem man nur schwer entkommen kann. Deshalb spricht sie darüber.

Eines Nachts sei sie an einen Punkt gekommen, an dem sie erkannte, sie würde die Musik verlieren, wenn sie nicht aufhört. Es sei eine Art spirituelle Begegnung gewesen. Jetzt würde es ihr nichts mehr ausmachen, in einem Hotelzimmer zu sein, mit einer Minibar voller Alkohol. Ihre Nichte aus New York, die sie begleitet, reicht ihr ein Glas Wasser.

Die kurzen Fingernägel sind schwarz lackiert. Über dem braunen Pagenkopf sitzt schräg eine schwarze Mütze. Schwarz auch die Kleidung. Wie ein Versteck für die Seele. Schutzsuchend auch die kleinen Füße, versteckt in klobigen Doc Martens-Stiefeln mit Leopardenmuster. Und vor ihr, wie ein Schild, eine dieser praktischen Taschen, die man um die Hüfte trägt. Wo die Hände frei bleiben und die Schultern.

Sie habe nie eine berühmte Sängerin werden wollen, aber die Musik sei ihr Leben geworden. Als Kind habe sie in den Kohleminen von Summerhill, Pennsylvania, gesungen und später in Detroit. Sie sei nach New York gekommen, um Charlie Parker zu hören und verliebte sich in dessen Pianisten, in Duke Jordan. Sie bekamen eine gemeinsame Tochter, ein Unding in dieser Zeit, als gemischtrassige Beziehungen unerwünscht waren, in manchen Teilen der USA sogar verboten. Noch war die Segregation nicht aufgehoben, und selbst danach war es schwierig.

Duke Jordan kam mit der Situation nicht zurecht und verließ die Familie. Tagsüber arbeitete Sheila Jordan als Sekretärin, um sich und ihre kleine Tochter durchzubringen, aber nachts sang sie in kleinen Clubs. „Ich habe lieber getippt und dafür die Musik rein gehalten, für mich. Ich wollte nicht meinen Job aufgeben und dann vielleicht nicht genug Auftritte haben und am Ende ohne alles dastehen.“ Später lernte sie über den Komponisten und Schlagzeuger George Russel die weiße Avantgarde-Szene um Steve Swallow, Carla Bley und Roswell Rudd kennen. Es war die Zeit, kurz nach der Oktober-Revolution des Jazz, da die Musiker sich selbst organisierten und eigene Plattenfirmen gründeten. Mit Steve Swallow spielte sie ihr erstes Stimme- & Bass-Konzert, eine Kombination, die wohl sie erfunden hat.

Erst seit ihrem 58. Lebensjahr könne sie von der Musik leben, von ihren Auftritten und ihrer Lehrtätigkeit. Denn der so genannte „große Durchbruch“ sei nie gekommen. Trotz diverser Platten, unter ihnen das Blue Note Album Portrait of Sheila, aufgenommen 1962.

Noch immer sei sie als weiße Sängerin von der afro-amerikanischen Jazz-Gemeinschaft nicht letztlich akzeptiert. Die Sängerin Shirley Horn habe sie im vergangenen Jahr, kurz vor ihrem Tod, zu ihrem Tribut in der Carnegie Hall eingeladen. Mit Ausnahme von Shirley Horns Rhythmusgruppe, die auch weiß gewesen sei, habe keiner mit ihr gesprochen. Sie würde doch niemandem die Musik wegnehmen, sagt sie kopfschüttelnd. Sie habe wirklich viel für diese Musik gegeben. Wie oft sei sie außen vor geblieben, als Weiße mit einer dunkelhäutigen Tochter. Wie oft habe sie sich auf Polizeistationen Beschimpfungen gefallen lassen müssen. In einer Nacht seien ihr sogar die Zähne ausgeschlagen worden, weil sie mit schwarzen Künstlerfreunden kurz nach draußen gegangen sei, um beim Inder ein Schnellgericht zu holen. So etwas habe sie vielleicht von Detroit erwartet, aber nicht von New York.

Später am gleichen Abend steht sie auf der Bühne des Jazzclub A-Trane. Diesmal begleitet von dem französischen Bassisten Marc Michel Le Bévillon und dem Pianisten Serge Forte. Es ist der zweite Abend, und diesmal trägt sie ihn wieder, den japanischen Samt-Kimono. Sie singt mit geschlossenen Augen, wiegt sich in die Musik hinein. Ihre Hände sind ineinander gefaltet, die Fingernägel frisch lackiert. Schwarz wie die Blume, die sie an diesem Abend im Haar trägt.

Workshops und Fotos von Sheila Jordan unter: www.sheilajordanjazz.com

Sheila Jordan hören:
Humdrum Blues, geschrieben von Oscar Brown Jr. von dem Album Sheila Jordan: Celebration (Highnote, 2005, über Sunnymoon)
Moselle Variations, a) Whatever Turns You On Baby, komponiert von Roswell Rudd und zu hören auf seinem Album Flexible Flyer (Black Lion, 1974, über da-music)

 
Leser-Kommentare
  1. Hallo,

    ich haette mir gerne ein Stueck von Sheila Jordan angehoert. Leider ist dies nicht moeglich, da beide Links auf Liveaufnahmen einer deutschen Gruppe (habe nicht genauer reingehoert, da es nicht meine Musik ist, waren es Die Aerzte?!) verweisen :-(

    MfG

    Aljoscha Marcel Everding

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