InternetPossenspiel um Wikipedia

Der Streit um die Namensnennung eines Hackers in der Internet- Enzyklopädie ist vor dem Gericht gelandet. Seit Freitag darf wikipedia.de wieder auf die deutsche Version weiterleiten

Hat ein toter Hacker ein Recht auf Anonymität? Diese Frage beschäftigt derzeit die Gerichte – und die deutschsprachige Wikipedia. Aufgrund einer Einstweiligen Verfügung musste der deutschsprachige Trägerverein Wikimedia die Internetadresse wikipedia.de zeitweilig abstellen. Bislang wurden Nutzer von dieser Domain auf die eigentliche Adresse de.wikipedia.org umgeleitet. Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg zieht deswegen den Zorn der Internetgemeinde auf sich, gab dem Einspruch der Wikimedia jedoch mittlerweile statt. Der Hintergrund des hin und her ist ein Rechtsstreit um das Persönlichkeitsrecht eines 1998 verstorbenen Hackers aus Berlin.

Im Wikipedia-Eintrag über den als Tron bekannt gewordenen Hacker stand nicht nur sein Szene-Pseudonym, sondern der vollständige Name. Die Eltern des Hackers wurden darauf aufmerksam und erwirkten eine Einstweilige Verfügung gegen Wikimedia, den Betreiber der Internetenzyklopädie. Doch die Wikimedia Foundation hat ihren Sitz nicht in der Bundesrepublik, sondern im US-Bundesstaat Florida. Das deutsche Justizwesen hat dort jedoch keine Handhabe, so dass sich das Amtsgericht an die deutsche Sektion, den Verein Wikimedia Deutschland wandte. Dieser betreibt die Domain Wikipedia.de, deren einzige Funktion eine Weiterleitung auf die in den USA stehenden Server ist. Und eben dies wurde Wikimedia Deutschland untersagt. Wikimedia Deutschland ist gegen die Einstweilige Verfügung vorgegangen und konnte am Freitag einen Teilerfolg verbuchen: Die Einstweilige Verfügung besteht zwar weiterhin, muss jedoch vorläufig nicht mehr befolgt werden.

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Im Hintergrund dieses Streits schwelt jedoch ein ganz anderer Konflikt, in dem die Rollen bislang nicht klar verteilt sind. Eher unrühmlich scheint das Wirken von Andy Müller-Maguhn zu sein: Der Sprecher des Chaos Computer Clubs und frühere gewählte europäische Vertreter der Internetnutzer bei der Namensverwaltung ICANN zählt zu denjenigen, die immer wieder Zweifel an der offiziell festgestellten Todesursache Selbstmord äußerten und so die Legendenbildung um „Tron“ förderten. Kritiker werfen ihm vor, er habe die Eltern des Verstorbenen dazu gedrängt, gegen den Wikipedia-Eintrag rechtliche Schritte einzuleiten. Dass der Chaos Computer Club selbst jahrelang die Diplomarbeit des Verstorbenen im Netz zum Download anbot, auf deren Deckblatt der volle Name stand, gehört zu den zahlreichen Anekdoten, die sich rund um den Fall ranken. Mittlerweile äußerten sich auch andere prominente CCC-Vertreter wie Tim Pritlove zu dem Fall. In seinem Weblog ging er auf Distanz zu Müller-Maguhns Position.

Die Eltern des Hackers haben durch den Gang vor Gericht das Gegenteil ihrer Absicht erreicht: In zahlreichen Weblogs und Foren werden der volle Name und das Hackerpseudonym nun in einem Atemzug genannt. Ob das eine Herabwürdigung des Toten darstellt, wird die Gerichte noch einige Zeit beschäftigen.

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Leserkommentare
    • StaYos
    • 19. Januar 2006 20:05 Uhr

    als der Schutz der Familie. Im übrigen ist Tron nicht bereits eine historische Figur der "Internet"-Geschichte und daher von allgemeinem Interesse.

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