In einer Seitenstraße der Hamburger Reeperbahn hat vor einem Jahr ein Kollektiv junger Menschen den Kunst- und Kulturverein Linda gegründet. Das Nebeneinander von kulturellem Leben und Sexgewerbe ist nun nichts Neues auf dem Hamburger Kiez – eine Galerie, die nach einer vom Aussterben bedrohten Kartoffelsorte benannt ist, aber schon.

So wird in der Linda einmal wöchentlich Biogemüse verkauft, während in unregelmässigem Wechsel neue, noch nicht etablierte Kunst vorgestellt wird.

Am vergangenen Wochenende eröffnete eine Schau, in der sich grafische Darstellung, journalistische Musikbetrachtung und Popkultur so vordergründig wie hintersinnig begegnen – und gegenseitig austricksen: The Shramps – Musik für Taube.

In der Fetischhölle Gemeinhin gilt die Schallplattenhülle als ein Fetischobjekt, das seinen Mehrwert aus der Grauzone zwischen Gebrauchsgrafik und Kunst bezieht. Das belegten über die Jahrzehnte Tausende von Sammlern in aller Welt und – seltener – eine Ausstellung wie die Vinyl vergangenen Herbst in Bremen.

Aber irgendwas stimmt hier nicht mit der angekündigten Musik für Taube und schrieben sich The Shramps nicht anders?

Die Grafikerin und Illustratorin Daniela Burger gestaltete eine Serie von Plattencovern, zu denen die Musiker, das Album oder die Abbildungen – oder alles zusammen – so nie existierten. Dazu schrieb der Autor und Journalist Dietmar Dath frei erfundene Plattenkritiken.

Hereinspaziert also in eine Fetischhölle, in der die gewohnten Zusammenhänge von Ton, Bild und Text vergehen.

... in Vorbereitung Die Künstlerin, noch beim Sortieren und Ausrichten. Fotograf und Reporterin staunen schon vorab über einen Kaktus mit Gitarre und zwei wirkliche Countrygrößen als „Gastmusiker“. Viel später am Abend wird sich die Reporterin diese Platte als Single kaufen – mitsamt der Rezension, in welcher Geisterkritiker Dath den Geistersänger Ol‘ Jack Dewey zum „ältesten lebenden Musiker der Welt“ erklärt, 1896 geboren, vor 110 Jahren also, kurz nach der Erfindung der Schallplatte.

Eine Pracht ist auch, was tatsächlich als Vinyl in der Hülle steckt: Alte Amiga-Aufnahmen vom DDR-Orchester Martin Hoffmann in Zusammenarbeit mit dem Jugendmagazin Neues Leben!

Erste Reihe Erste Besucherinnen riskieren erste Blicke. Schon nach der ersten Reihe mit den verheißungsvollen Vierecken drehen sich einem die Sinne von den trügerisch echten Farbgebungen und Schriftzügen. Und bald erscheint das Fantastische so wahrscheinlich wie das musikalisch Bekannte und selbst Erfahrene!

Der Aufmacher Alle erfundenen Cover haben Originalgröße. Das einzige Cover in vergrößertem Format hängt gleich im Eingang. Dazu die Kritik von Dietmar Dath:

Fronde
Von Von Von
Emi Electrola

Harmoniegesang war auch schon mal nötiger, zu Zeiten etwa, als man noch wenig andere, etwa computerisierte Möglichkeiten hatte, Stimmen dazu zu gebrauchen, den Leuten mit Musik Glück zu versprechen. Wenn man ihn aber so gründlich desinfiziert wie diese fünf jungen Männer, dann darf man das wieder machen, denn dann geht es um was Neues, Kaltes, übellaunig Kollektives. Das ist vom alten Gebrauch des Stilmittels „Chorsüße“ so weit weg wie der Platten- und Songtitel „ Von Von Von “ vom „ Fun Fun Fun “ der Beach Boys oder Housemartins – kurz, es geht um die Funktion des Sichunterscheidens in Zeiten, in denen es nur noch zwei soziale Klassen gibt, die Erben und die Nichterben.

Wenige, prophezeit diese Platte, werden noch Besitz bilden können in Zukunft, wer ihn schon hat, wird ihn grausam verteidigen, wer ihn nicht hat, muß sich was vormachen und das Leben schnell rumbringen. Die Platte ist depressiv, ohne Moll-Töne zu bemühen, das erledigt sich viel einfacher: Mit abgelebten Stimmen, Falsett oder Tenor; ganz egal, sie klingen alle wie gestorben, und das liegt daran, daß es „ keinen König mehr gibt, keine Fronde ist mehr machbar “, wie es auf dem Titelstück heißt – eine Fronde, das war ein Klassenbündnis etwa gegen Bonaparte, damals einigten sich Adel und radikaleres Bürgertum, Ergebnis: Die deutschen Freiheitskriege. Aber die waren reaktionär, wie wir von Hacks wissen, denn sie verteidigten eine Ständegesellschaft.

„Von“ ist ein Adelsprädikat, bezieht sich aber, wie die Liner Notes verraten, „mehr auf die Welt von Van Halen als auf die von Van Beethoven.“ Eine schöne Botschaft, so noch nie von Popmusik vernommen, regiert dieses Album: Es ist tatsächlich zu spät.

Der Durchblick Hier haben Sie den Durchblick, wenigstens visuell. Wer jedoch „zu viel“ weiß, weiß im selben Moment immer zu wenig: War Lorena Leonor tatsächlich eine Electronica-Oper des transsexuellen Computermusikers Terre Thaemlitz – oder doch nicht?