Die Geschichte ist kompliziert. Sie dreht sich um eine Nische des internationalen Finanzmarktes, in der Aktien geliehen und verliehen werden. Sie dreht sich um seitenlange, schwer zu entziffernde Absprachen zwischen Brokerfirmen. Waffenhändler aus dem Nahen Osten kommen darin vor, zweifelhafte Internetunternehmer im Rausch der neunziger Jahre und Stripclubbesitzer aus Las Vegas. Am Ende der Geschichte steht eine Rechnung, die die Deutsche Bank bezahlen musste, eine Rechnung zwischen 147 und 260 Millionen Dollar. Was haben Adnan Kashoggi und die Deutsche Bank gemeinsam? BILD

Am Mittwoch vergangener Woche zog das Konkursgericht im amerikanischen Minneapolis den vorläufigen Schlussstrich unter ein Mammut-Gerichtsverfahren, das schon seit 2002 schwelte. Am 24. September 2001 stellte Eldon C. Miller den Bankrott seiner Firma fest. Zwanzig Jahre lang hatte Miller in Minneapolis ein stattliches Brokerhaus namens MJK aufgebaut, das Anlagen im Wert von 12 Milliarden Dollar für 175.000 Kunden verwaltete und einen soliden Ruf genoss. Nun musste es binnen eines Tages schließen, bei MJK zog ein Konkursverwalter zog ein, die Investoren wurden von der staatlichen Investorenschutzgesellschaft SPIC ausgezahlt. Eldon Millers Firma war - offenbar - einem kunstreich eingefädelten Komplott zum Opfer gefallen. Daran hatte - offenbar - auch die Deutsche Bank ihren Anteil.

Es ist eine Geschichte, die kaum ohne das Wörtchen "offenbar" auskommt. Weder die Deutsche Bank noch andere Beteiligte haben sich während der vierjährigen Verhandlung als schuldig bekannt. Offiziell wollen beide Seiten nicht mehr als Floskeln und vorbereitete, knappe Erklärungen von sich geben. Nur hinter vorgehaltener Hand verraten sie Details. Weil der Konkursrichter vergangene Woche einem Vergleich zustimmte und damit das Gerichtsverfahren unterband, muss jetzt auch niemand mehr eine Schuld eingestehen, muss in vielen Punkten das Wörtchen "offenbar" verwendet werden. Doch die gerichtliche Untersuchung hat immerhin eine Reihe aufschlussreicher "offenbars" zu Tage gefördert.

Offenbar hatte eine Investorengruppe um den saudischen Spekulanten und früheren Waffenhändler Adnan Khashoggi einen Weg gefunden, die Aktien einer Internetfirma namens Genesis Intermedia abzustoßen. Das war so kurz nach dem Platzen der Internet-Blase an den Aktienmärkten und nach den Anschlägen vom 11. September 2001 kein kleines Kunststück. Genesis verlor Geld und war überhaupt ein typisches Geschöpf des wilden Aktienbooms der späten neunziger Jahre. Das Unternehmen betrieb Telemarketing und stellte Internet-Kioske in Einkaufszentren auf; eine winzige Firma mit fragwürdigen Zukunftsaussichten. Eine Firma auch, deren Aktienkurs sich binnen zweier Jahre versiebenfachte und deren Wertpapiere zuletzt zu absurden Preisen an der Börse gehandelt wurde. Doch der Investor Khashoggi, der in der Vergangenheit schon mit zahlreichen Skandalen wie der Iran-Contra-Affäre in Verbindung gebracht worden ist, fand offenbar einen Ausweg.

Im Aktien- und Spekulationsboom der späten neunziger Jahre hatte sich an der Wall Street, in der City of London und in Hedge-Fonds rings um die Welt eine kaum beachtete Form des Wertpapierhandels etabliert. In so genannten Wertpapierleihgeschäften borgten Banken und Brokerhäuser einander Aktien aus - vorwiegend im Dienst von Spekulanten, die für kurze Zeit eine bestimmte Zahl dieser Aktien in der Hinterhand haben mussten. Die Sache galt als wenig aufregend, als eine hoch technische, langweilige Art der Transaktion. Wer Aktien auslieh, zahlte im Gegenzug eine Sicherheit in bar an die verleihenden Broker. Die Broker kassierten Zinsen und machten so ein wenig Extrageld.

Khashoggi und seine Komplizen - so die Vorwürfe, die in dem Gerichtsverfahren laut wurden - sollen die Aktien gegen Ende durch eine Werbekampagne und mit Hilfe einiger Fernseh-Journalisten hochgeredet haben. Dann verliehen sie sie an eine Reihe von Spekulanten und Brokerhäuser, wofür sie im Gegenzug Sicherheiten in bar erhielten. Schließlich steckten sie die Sicherheiten ein und machten sich davon. Als kurz darauf die Aktien von Genesis Media - verspätet, aber völlig zu recht - abstürzten, blieben die Brokerfirmen auf den Papieren sitzen. Es traf eine Reihe Broker, besonders hart aber traf es MJK.

Als wichtiges Glied in dieser Kette erwies sich die Deutsche Bank, genauer gesagt die Wertpapierabteilung der Deutschen Bank in Toronto, die damals von dem langjährigen Aktienverleih-Fachmann Wayne Breedon geleitet wurde. Vor Gericht lautete der Vorwurf, er habe dafür gesorgt, dass die Deutsche Bank große Zahlen der Genesis-Papiere auslieh, dafür viel Bares an die Brokerhäuser auszahlte und das Leihen und Weiterleihen dieser Papiere so richtig in Schwung brachte. Breedon habe mit anderen Beteiligten des Komplotts unter einer Decke gesteckt, darunter ein inzwischen einschlägig vorverurteilter Wertpapierbroker aus New Jersey und ein Stripclubbetreiber aus Las Vegas. Sie hätten allesamt persönlich in der Form von Geldzahlungen, bezahlten Reisen, Abendessen, Partys und Prostituierten profitiert. Am Ende sei die Deutsche Bank dann rechtzeitig wieder ausgestiegen, so dass ihr Schaden beim Zusammenbruch von Genesis weniger als drei Millionen Dollar betrug.