Arbeitslosigkeit Drei Millionen Jobs
Das soeben vorgestellte Kombilohn-Modell des ifo-Instituts verspricht viel - und soll dazu noch billiger sein als Hartz IV
Vor der Kabinettsklausur in Genshagen war das Thema Kombilohn schon einmal in aller Munde. Doch bald wurde deutlich, wie viele Fallstricke mit dieser Reform verbunden sind. Gleichwohl soll bis zum Herbst 2006 eine Arbeitsgruppe konkrete Vorschläge entwickeln.
An diesem Donnerstag nun warb das Münchner Ifo-Institut noch einmal für das Modell, und zwar mit beeindruckenden Zahlen: Sollte der Vorschlag der Experten umgesetzt werden, verspricht das Institut langfristig drei Millionen neue Stellen im Niedriglohnbereich. Wobei die Löhne freilich um ein Drittel sinken. Mit mehr als vier Stunden Arbeit am Tag stünden die Langzeitarbeitslosen letztlich besser da als heute, sagt ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, und billiger als Hartz IV soll das Ganze auch noch werden.
Im Prinzip geht es den ifo-Wissenschaftlern darum und da stimmen sie mit der Zielsetzung der Bundesregierung durchaus überein die Beschäftigungschancen für Geringqualifizierte zu verbessern. Vor allem auf diesem Feld der Arbeitslosigkeit sei die Bundesrepublik Weltmeister, sagt Sinn. Unter Besserqualifizierten liege die Arbeitslosigkeit dagegen nicht höher als in anderen europäischen Staaten. Aufgrund der früheren Sozialhilfe und des heutigen Arbeitslosengelds II sei quasi ein Mindestlohnanspruch entstanden, so sieht es Sinn: Niemand arbeite für weniger Geld als für diesen Betrag. In dieser Höhe bezahlte geringqualifizierte Arbeit werde aber nicht ausreichend nachgefragt.
Hier soll der Kombilohn ansetzen. Nach den Plänen des Ifo-Instituts werden Lohnersatzleistungen wie das Arbeitslosengeld künftig grundsätzlich in ein Arbeitsentgelt umgewandelt. Die Devise muss sein, dass jeder arbeitet, zu welchem Lohn auch immer es eine Stelle für ihn gibt, und dass der Staat zu diesem Lohn im Bedarfsfalle ein zweites staatlichen Einkommen hinzuzahlt, so dass in der Summe ein sozial akzeptables Gesamteinkommen entsteht, heißt es in dem Papier des ifo-Instituts.
Allen, die selbst zu welchem Lohn auch immer keine Stelle in der Privatwirtschaft finden, sollen die Kommunen ein Arbeitsangebot machen, die ihre Arbeitslosen dann wiederum über Zeitarbeitsfirmen weiterverleihen können. Dafür sollen die Betroffenen Bezüge in der Höhe des heutigen Arbeitslosengelds II erhalten. Wer eine solche kommunale Beschäftigung ablehnt, muss dagegen mit deutlich gekürzten Bezügen rechnen.
Für alle, die Kombilohn beziehen, sollen außerdem die Zuverdienstmöglichkeiten im Vergleich zu heute verbessert werden. Dadurch werde sichergestellt, dass ein höheres Bruttoeinkommen auch ein höheres Nettoeinkommen nach sich ziehe. Seit der Hartz IV-Reform gebe es dagegen sogar den unsinnigen Effekt, dass ein vierköpfiger Haushalt von einer bestimmten Grenze an trotz steigenden Bruttoeinkommens ein geringeres Nettoeinkommen erhalte.
Der häufig vorgetragene Einwand, Kombilohn-Modelle würden zu Mitnahmeeffekten führen, lässt Sinn kalt. Eine generelle Absenkung im unteren Lohnsektor sei erwünscht und nicht zu verhindern, argumentiert er. Dadurch sollten ja die neuen Stellen entstehen. Logische Folge: Auch den heute schon im Niedriglohnbereich Beschäftigten müssten Lohnzuschüsse gezahlt werden, weil damit zu rechnen sei, dass ihr Gehalt ebenfalls sinke. Um das Ganze finanzierbar zu halten, müsse der Kombilohn wirklich auf den Niedriglohnbereich beschränkt bleiben. Im Gegensatz zu anderen Modellen soll das Geld auch nicht an die Unternehmen sondern an die Haushalte gezahlt werden. Auf diese Weise würden nur Menschen gefördert, die auch tatsächlich bedürftig seien.
Entstehen sollen die Stellen zum Beispiel in der Pflege, auf dem Markt für haushaltsnahe Dienstleistungen oder aber dadurch, dass Billig-Jobs nicht mehr ins Ausland verlagert werden. Zudem könnte die Ersetzung von Menschen durch Maschinen verlangsamt werden, hofft Sinn.
Nach den Berechnungen des Ifo-Instituts würde auch der Staat mit einem solchen Modell besser fahren als mit der bisherigen Variante. Langfristig soll die aktivierende Sozialhilfe nur die Hälfte von Hartz IV kosten.
Das Einsparpotenzial wird vor allem damit erklärt, dass es für den Staat billiger sei, einen Zuschuss zum Lohn zu bezahlen, als einen Arbeitslosen zu 100 Prozent zu finanzieren. Geld sparen will man außerdem bei denjenigen, die weiterhin nicht bereit sind, eine Gegenleistung für das ihnen gezahlte Geld zu erbringen, obwohl sie prinzipiell als erwerbsfähig gelten. Um hier wirklich große Summen einzusparen, müssten sich unter den jetzigen Hartz-IV-Empfängern allerdings wirklich viele Menschen befinden, die nicht arbeiten wollen. Dass dies nicht der Fall ist, hat beispielsweise die große Nachfrage nach Ein-Euro-Jobs bewiesen. Neue Kosten entstehen wiederum dadurch, dass Zuschüsse zum Lohn dann auch solchen Menschen gezahlt werden, die bereits heute im Niedriglohnbereich arbeiten.
Eine weitere Prämisse des ifo-Modells ist ebenfalls fraglich. Nämlich ob tatsächlich durch beliebig niedrige Löhne eine wenn auch staatlich bezuschusste - Vollbeschäftigung erreicht werden kann. Schließlich hat das Vorhandensein von Arbeit auch mit der Auftragslage zu tun. Doch in diesem Punkt erweisen sich die Wissenschaftler wieder einmal als Vertreter der reinen angebotsorientierten Lehre.
Die politische Durchsetzbarkeit ihrer Vorschläge erhöht sich dadurch nicht. Zwar entspricht das Modell in etwa dem Vorstoß, den Bundespräsident Horst Köhler unlängst zur Arbeitsmarktpolitik wagte. Doch die Gewerkschaften werden nur schwerlich derart massive Lohnsenkungen akzeptieren. Und das von Sinn abgelehnte Konzept eines Mindestlohns hat sich mittlerweile sogar die CDU-Kanzlerin zu eigen gemacht. Die Münchner Wissenschaftler und die Politik liegen derzeit also weiter auseinander als die Koalitionspartner.
- Datum 01.04.2009 - 07:37 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 26.1.2006
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Natürlich sollte es nicht dazu kommen, dass allzu viele Menschen in Zukunft daueralimentiert werden und sich dabei vor den Augen der Werktätigen auch noch sichtlich wohlfühlen.
Andererseits ist die westliche Kultur nur dadurch so überlegen geworden, da ihre gesamte Technik sich stetig weiterentwickelte. Der Rückfall in Beschäftigungstherapiegesellschaften wird deshalb nur der Anfang vom absoluten Absturz der europäischen Ökonomie und Kultur sein, die die Verrichtung von sinnlosen Arbeiten seit der Renaissance eigentlich nicht mehr vorsieht. Deren Ausführung in anderen Kulturkreisen hat uns im Fernsehen schon häufig genug zum Kopfschütteln veranlasst.
Wie oft muß man sich noch diesen Unsinn von diesem Herrn (Un)-Sinn anhören!!!!
Wir in Bayern haben genug von diesem unchristlichen Menschen, der den Ärmsten auch noch das letzte Hemd vom Leibe reißen will.
Wir haben genug von einer CSU, die dessen Institut bezahlt.
Wir haben genug von einem Herr Stoiber, der solche Leute unterstützt.
Das ist nicht christlich, das ist nicht Bayern.
Abgeschafft gehören solche Institute und das damit eingesparte Geld in die Hände von Bedürftigen.
Das ist Bayern, so sind wir!
Nun sind schopn länger einige Vorschläge auf dem Tisch, wie die Massenarbeitslosigkeit bekämpft werden soll - und getan wird nichts. Oder die beschlossenen Maßnahmen werden derart verwässert, daß sie allenfalls noch den Namen mit dem ursprünglichen Programm gemein haben.
Deshalb: Tut einfach etwas. Es muß nicht perfekt sein, es muß auch nicht innerhalb von ein oder zwei Jahren Wunder wirken.
Aber zum Artikel:
"Auch eine andere Prämisse des ifo-Modells ist durchaus fraglich. Nämlich ob tatsächlich durch beliebig niedrige Löhne eine wenn auch staatlich bezuschusste - Vollbeschäftigung erreicht werden kann."
Wo wird den hier von "Vollbeschäftigung" phantasiert? 3 Millionen zusätzliche Jobs verspricht das ifo-Institut. Ich kann dabei keinerlei Verheisung auf Vollbeschäftigung erkennen.
Vollbeschäftigung in Deutschland ist eine Illusion. Es gab sie eine kleine Zeitlang, als Folge ganz spezieller, nicht wiederkehrender Rahmenbedingungen (2. Weltkrieg, Vertreibung, Rüstungs-orientierte Wirtschaft, unterdurchschnittlicher Lebensstandart, usw.).
Was machbar ist, sieht man an anderen industrialisierten Ländern, z.B. der USA. Und selbst die haben (mit harten Maßnahmen) eine Arbeitslosenquote >3%.
cu
Den Vorschlag den das IFO Institut ausgearbeitet hat, halte ich für sehr gut, sogar für die einzige Möglichkeit die Verselbständigung von kompletter Lohnerosion aufzuhalten. So hätte der Staat die Möglichkeit auf gewisse Trends die sich derzeit abzeichnen, Einfluss zu nehmen.
Aber von den Politikern wird er natürlich mal wieder abgelehnt, wahrscheinlich weil es nicht kompliziert genug ist zum Umsetzen und weil ein paar sich lieber selber profilieren wollen auf kosten der Vernunft. Echt typisch.
So ein Blödsinn im Quadrat!
Klar, wir Deutschen sollen Geld haben, für solche Professoren, aber nur nicht für unsere arbeitslosen Mitbürger - eine Schande ist das!
"Die Welt ist größer, als sich ein winzig Professoren-Hirnlein vorzustellen vermag."
Die Vorschläge einiger Wirtschaftsprofessoren halten offenkundig die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die Europäische Sozialcharta sowie die Gemein-schaftscharta der sozialen Grundrechte der Arbeitnehmer für überholt.
Wenn nach den Vorschlägen von Prof. Sinn diejenigen, die selbst zu welchem Lohn auch immer keine Stelle in der Privatwirtschaft finden, von den Kommunen an Zeit-arbeitsfirmen verliehen werden können, dann erinnert das an sklavereiähnliche Verhältnisse.
Lebenslang unkündbare Professoren mit Beamtenpension können solche unkonventionellen Vorschläge unbesorgt unterbreiten, da sie von deren Umsetzung persönlich nicht betroffen würden.
Die "Zeit" schreibt das, was ihre Klientel lesen will. Die "Bild" bringt auf Seite eins das, was deren Klientel früh morgens im Stadtbus lesen will. Und H.W. Sinn sagt und veröffentlicht das, was seine Klientel am liebsten hört und liest. Insofern unterscheidet sich dieser Herr nicht besonders arg von einer gewissen Mrs. Rowling. Der Markt der Meinungen eben, Angebot und Nachfrage. Es soll Leute geben, die sich zur Stimulation in einschlägigen Geschäften mit erotischem Material versorgen. Andere Zielgruppen kaufen sich die Bücher von Herrn Sinn. Mit derselben Absicht.
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