MEIN LEBEN MIT MUSIK Ich spule vor
Ein DJ legt Platten auf. Und was macht ein CJ? Er schiebt Kassetten ein. Das ist natürlich etwas schwieriger. Unser Autor erzählt, warum er seit dreißig Jahren Musik am laufenden Band hört und weshalb er dabei bleiben wird, selbst wenn ihn mancher Zeitgenosse für verrückt hält. – Erfahrungsberichte aus dem tönenden Alltag (3)
Als ich 1975 bei meinen Eltern auszog und mein neues Leben mit einer Tramp-Tour durch Europa beginnen wollte, verkaufte ich meine recht große Schallplattensammlung auf dem Flohmarkt, um mir so die ersten Monate unterwegs zu finanzieren. Die für mich wichtigsten LPs hatte ich zuvor auf Kassetten überspielt. Die Beatles, Grateful Dead, Leonard Cohen, The Who, Chuck Berry und einige Mix-Tapes kamen in meinen Rucksack und haben mich von England bis nach Kreta begleitet, so konnte ich unterwegs meine Lieblingsmusik hören, wenn ich bei irgendwem im Auto mitfuhr oder übernachtete. Später, so um 1982, wurde der Walkman erfunden, das mobile Musikhören, von da an hatte ich meinen ersten Sony immer im Gepäck.
Ich war länger unterwegs als geplant, an die zwölf Jahre. Die letzten sieben mit einem großen Setra-Reisebus, in dem mehr Platz für Kassetten war. Diese hab ich mir entweder unterwegs bei Bekannten aufgenommen oder zugeschickt bekommen. Denn zum Glück hatte ich zwei Freunde, die in Plattenläden arbeiteten und dort immer an aktuelle Punk-Singles, Reggae-Maxis oder später dann Detroit-Techno-Sampler kamen. Die überspielten sie mir auf Band oder stellten mir aus ihren Lieblingsstücken Mix-Tapes zusammen, die ich heute noch genau so liebe und schätze wie damals.
So wusste ich immer, was es an aktueller Musik gab und meine Kassetten-Sammlung wuchs. Später dann saß ich selber an der Quelle: Ich habe in verschiedenen Plattenläden gearbeitet und konnte mir dort haufenweise Kassetten bespielen. Während meine Kollegen die Hälfte ihres Lohns für Platten ausgaben, kam ich recht günstig davon: Eine Kassette kostete 2,50 DM, darauf passten zwei ganze Alben. Mit Interpret und Titel präzis beschriftet und oftmals mit selbstgebastelter Hülle verschönert, habe ich sie in alten Koffern vom Flohmarkt gesammelt.
Zu meinem Glück waren die achtziger Jahre die hohe Zeit der Kassettenkultur. Es gab Läden wie das Rip Off in Hamburg oder den Zensor in Berlin, die eine große Auswahl hatten. Das konnte ein Live-Mitschnitt des Dead Kennedy Konzerts aus dem Kreuzberger SO 36 sein oder die im eigenen Wohnzimmer aufgenommene Lo-Fi-Produktion einer Punk-Kapelle aus Düsseldorf. Oder sogar die C90 - C60 - C30 - Go! - your cassette pet - Platte der New-Wave-Band BowWowWow, die nie auf Vinyl oder gar CD herauskam: Es gab die verschrobensten und interessantesten Tapes zu kaufen, die ich kräftig sammelte. Außerdem hatte ich den englischen New Musical Express abonniert, dem des Öfteren eine Kassette mit exklusiven Zusammenstellungen und Re-Mixen beilag.
Natürlich hab ich dann auch selber Mix-Tapes aufgenommen (der Doppel-Rekorder war erfunden!) und diese mit Freunden getauscht. Auf Partys hab ich für Musik gesorgt, indem ich mir bestimmte Stücke punktgenau zurechtgespult habe und diese dann wie ein DJ abspielen konnte. Ich musste mir nur merken, welches Stück auf welcher Kassette war. Kleine Aufkleber halfen mir dabei. Bald fragten mich Kneipen- oder Disco-Betreiber, ob ich nicht Lust hätte, mal bei ihnen aufzulegen bzw. einzuschieben. Na klar, mach ich gerne. Auch heute noch suche ich aus meinen etwa 3.000 Kassetten die passenden heraus, spul mir das gewollte Lied hin und finde die hoffentlich richtige Abspielreihenfolge.
Mit Bemerkungen wie "Warum überspielst du dir deine ganzen Kassetten nicht auf MP3 oder CD, das macht's doch einfacher" kann ich leben. Ebenso mit Bandsalat oder wenn mal eine der nun teilweise 30 Jahre alten Kassetten ihren Geist aufgibt und in den Müll wandert. Dafür kommt fast jeden Tag eine neue dazu. Von einigen Lieblingsbändern mach ich mir schon mal eine Sicherheitskopie, weil ich weiß, dass es die Musik darauf in genau dieser Reihenfolge sonst nie wieder zu hören geben wird. Besondere Leckerbissen sind die Mitschnitte einer illegalen Acid-House-Party in einem Keller in Ostberlin von 1987, das Jungle-Tape das ich auf dem Londoner Portobello Road Markt erstanden hab oder das Mixtape, mit dem sich der damals noch unbekannte DJ Westbam in einem Berliner Club als Disk-Jockey bewarb; er hat den Job dann auch bekommen.
Am liebsten leg ich bei Partys oder in meiner Stammkneipe auf. Die Gage ist meistens Freibier und das Vergnügen immer wieder groß, die Leute zum Tanzen oder zum Zuhören zu bringen. Dass die Musik dabei von der Kassette kommt und nicht von einer Platte oder einer CD ist erstens egal und zweitens für mich die normalste Sache der Welt. Ich hab nichts gegen Vinyl oder digitale Tonträger, nur hab ich halt angefangen, Musik auf Kassetten zu sammeln und werd auch dabei bleiben.
Als ich mal im Münchner Techno-Club Ultraschall auflegen sollte, wollte mich der Türsteher zunächst nicht reinlassen. Als ich den ollen braunen Lederkoffer öffnete, ihm die Kassetten zeigte und sagte, dass ich heute als Diskjockey gebucht sei, hat er mich für einen armen Irren gehalten. Es hat dann doch noch geklappt.
Heinz-Peter Lauf, genannt Laufi, arbeitet bei
Hausmusik,
einem wegweisenden Münchner Plattengeschäft, in dem man auch CDs kaufen kann. Er freut sich über Zuschriften unter laufi@hausmusik.com
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- Datum
- Serie -
- Quelle ZEIT online 29.1.2006
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