Medizinethik Chips im Ich

Neurowissenschaftler können Gehirnfunktionen mittlerweile durch elektronische Bauteile ersetzen. Das Verfahren ist medizinisch wertvoll - aber ethisch mindestens ebenso heikel, kommentiert

Voller Begeisterung kann Marcos Tatagiba von den gewaltigen Fortschritten seiner Disziplin erzählen. Immer aber folgt seinen Erfolgsberichten auch eine Warnung. Am vergangenen Mittwoch, als der Chef der Neurochirurgie am Tübingen Universitätsklinikum als Sachverständiger zum Forum des Nationalen Ethikrates geladen war, sagte Tatagiba. „Wenn diese Verfahren in die falschen Hände geraten, bekommen wir ein Problem“.

Diese Verfahren, damit meint Tatagiba die Implantation kleiner elektronischer Bauteile - und zwar ins menschliche Gehirn. Mit großem Erfolg ergänzen Neuromediziner das Denkorgan des Menschen heute mit Siliziumtechnologie. Solche Neuroimplantate werden in bestimmte Hirnareale eingebaut und können bei einer Reihe schwerer Erkrankungen Hirnfunktionen ersetzten oder Fehlsteuerungen korrigieren.

Anzeige

Vor allem bei Parkinsonkranken haben Mediziner damit überraschende Ergebnisse erzielt: Die schwer betroffenen Patienten bekommen in einer stereotaktischen Operation zwei Elektroden tief ins Hirn gepflanzt. Diese Elektroden stimulieren die betroffenen Areale ganz gezielt - und befreien die Patienten von den schweren Bewegungsstörungen, die sie im Endstadium der Krankheit oft in den Rollstuhl zwingen würden. Offenbar können die feindosierten Stromstösse die Wirkung des Botenstoffs Dopamin ersetzen. Das Signalmolekül fehlt bei Parkinsonpatienten, weil die dopamin-produzierenden Neuronen in einem Kernkomplex des Mittelhirns, der Substantia nigra , aus unbekanntem Anlass zugrunde gehen.

Doch das Verfahren, die Tiefenhirnstimulation, könnte auch in weit heikleren Fällen eingesetzt werden – bei psychiatrischen Erkrankungen wie schwersten Depressionen und Zwangsneurosen. Obwohl das Operationsverfahren sich kaum unterscheidet, sei die Behandlung von psychiatrischen Leiden durch die Hirnschrittmacher auch in der Medizinerzunft umstritten, sagt der Kölner Neurochirurg Volker Sturm. Der Direktor der Klinik für Stereotaxie am Kölner Universitätskrankenhaus war einer der ersten Neurochirurgen, der schwer depressive oder zwangsgestörte Patienten mit der neuen Hirnelektronik therapierte. Anders als bei Parkinson, wo die Hirnschrittmacher eine klar krankhafte physiologische Störung umgehen, zielt dasselbe Verfahren bei Depression oder Zwangsneurosen auf die direkte Steuerung von Hirnfunktionen, die dem Seelenleben des Menschen zugrunde liegen.

Das erzeugt bei den Experten einiges Unbehagen. Denn angesichts der rasanten Entwicklung in der Neuroforschung ließen sich auf diese Weise - und in nicht allzu ferner Zukunft - auch Stimmungen, Antriebe und Motivationen von Gesunden dirigieren. Unabsichtlich haben die Neurochirurgen solche Effekte bereits bei Parkinsonkranken erzeugt, berichtete Tatagiba in Berlin vor dem Ethikrat: Unter dem Einfluß der elektronischen Hirnsonden verbesserte sich nicht nur die Bewegungsfähigkeit der Kranken gewaltig. Die Elektroden hob auch ihre Stimmung bis zu euphorischen Zuständen, zugleich steigerte sich ihre Sexualität beträchtlich.

Frei von Risiko war der Griff ins Hirn nie. Bis in die 60ger, sagt Tatagiba, „war die Neurochirurgie ein sehr gefährliches Feld“. Damals richteten die Operateure oft mehr Schaden an, als der Hirntumor, den sie zu entfernen trachteten. Das ist inzwischen zwar Vergangenheit: Durch mikrochirurgische Techniken und moderne Durchleuchtungsverfahren ist die Hirnchirurgie zu einem Präzisionshandwerk geworden. Doch eben diese neue Präzision gebiert auchein neues Risiko: Die elektronisch gesteuerte Seele ist keine Utopie mehr.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 31.01.2006 um 10:40 Uhr
    1. \N

    Eine Seele lässt sich nicht steuern, bestenfalls der Geist.

    • neodoc
    • 04.02.2006 um 16:25 Uhr

    Soweit wie geschildert, ist dieses Verfahren nicht mehr oder weniger bedenklich als jede andere medizinische Behandlung.
    Es ehrt die Entwickler, Risiken zu antizipieren und Bedenken zu formulieren.
    Für Betroffene ist es ein Segen, wenn ihnen so in einer schweren Krankheit wirksam geholfen werden kann (und im Falle des Parkinson auch ein Segen für die pflegenden Angehörigen).
    Jede Therapiemöglichkeit kann auch mißbraucht werden oder unkritisch verbreitet.
    Auch die Untersuchung des ungeborenen Kindes mit Ultraschall ist potentiell bedenklich, dient sie doch in manchen Ländern dazu, das Geschlecht des Ungeborenen zu ermitteln und dann weibliche Feten gezielt abzutreiben.
    Dennoch wird niemand den Wert des Ultraschalls in der Medizin ernsthaft bezweifeln.
    Elektroden, die eingepflanzt werden, sind noch in unserer Kontrolle und damit auch in unserer Verantwortung, da sie sich nicht unkontrolliert ausbreiten können.
    Jede Veränderung an genetischem Material, welches an folgende Generationen weitergegeben werden kann (Eingriffe in die Keimbahn), ist viel problematischer, da keine Kontrolle über die weitere Entwicklung mehr möglich ist.

    D.Schmitz, Wolfsburg

  1. Es ist höchste Zeit für HomoSapiens seine eigenen Schwächen zu erkennen und einen update durchzuführen. Ob wir das Gentechnisch oder per Biohardware machen ist irrelevant.
    Tatsache ist, das die "Aufklärung" und Bildung nur sehr begrenzt wirken können. Um die Spezie HS überleben zu lassen, ist es also zwingend notwendig, die fehlerhaften Gene zu korrigieren und das Primatenhirn zu optimieren. Wäre es nicht schön den Agressionsfaktor zu dämpfen und mehr Intelligenz in den Kopf zu bekommen? Ja sogar verschüttete und inaktive Gehirnregionen zu aktivieren. Welch ein Humanfaktor! Allerdings stellt die Kontrolle dieser Technologien die Gesellschaft vor einer Herausforderung. Wer darf Kontrolliern? Die Reichen und die Schönen? Die Mächtigen, die gern willfährige Sklaven-Humanroboter hätten?
    Ein schwieriger Fall, aber angesichts der Explosionsartigen vermehrung der Probleme auf diesem Planeten ist es angebracht diese Technologie zu überdenken und positiv im Humanen Sinne zu bestimmen. Ansonsten sind die nächsten 50 Jahre der Menschheit ausserordentlich risikoreich.

  2. Der Text läßt ein persönliches Erlebnis in ganz neuem Licht erscheinen.

    Besonders diese Feststellung hat mich ziemlich nachdenklich gemacht:

    ““Unabsichtlich haben die Neurochirurgen solche Effekte bereits bei Parkinsonkranken erzeugt, berichtete Tatagiba in Berlin vor dem Ethikrat: Unter dem Einfluss der elektronischen Hirnsonden verbesserte sich nicht nur die Bewegungsfähigkeit der Kranken gewaltig.“““

    Tatsächlich kenne ich so einen "Parki" und musste eine mir völlig unerklärliche Wesensänderung erleben.
    Von einem guten Freund und Geschäftspartner zu einem in jeder Hinsicht amoklaufenden Soziopathen. Geschäftliche Absprachen, Freundschaft und sogar eine Ehe sind nach so einem Eingriff vor die Hunde gegangen! Das gibt mir ziemlich heftig zu denken! Eine beängstigende Perspektive auf die damaligen Ereignisse...........

    Aber von so etwas Persönlichem abgesehen, interessiert mich das Thema Mensch-Maschine in allen Facetten, weil es ja letztlich immer zu den grundsätzlichen Fragen der Existenz führt. Link zu meinem WebLog
    www.chefarztfrau.blogspot.com/2006/03/praktische-theologie-im-zeitalter-der.html
    Gruß
    CAF

  3. Der Text läßt ein persönliches Erlebnis in ganz neuem Licht erscheinen.

    Besonders diese Feststellung hat mich ziemlich nachdenklich gemacht:

    ““Unabsichtlich haben die Neurochirurgen solche Effekte bereits bei Parkinsonkranken erzeugt, berichtete Tatagiba in Berlin vor dem Ethikrat: Unter dem Einfluss der elektronischen Hirnsonden verbesserte sich nicht nur die Bewegungsfähigkeit der Kranken gewaltig.“““

    Tatsächlich kenne ich so einen "Parki" und musste eine mir völlig unerklärliche Wesensänderung erleben.
    Von einem guten Freund und Geschäftspartner zu einem in jeder Hinsicht amoklaufenden Soziopathen. Geschäftliche Absprachen, Freundschaft und sogar eine Ehe sind nach so einem Eingriff vor die Hunde gegangen! Das gibt mir ziemlich heftig zu denken! Eine beängstigende Perspektive auf die damaligen Ereignisse...........

    Aber von so etwas Persönlichem abgesehen, interessiert mich das Thema Mensch-Maschine in allen Facetten, weil es ja letztlich immer zu den grundsätzlichen Fragen der Existenz führt. Link zu meinem WebLog
    www.chefarztfrau.blogspot.com/2006/03/praktische-theologie-im-zeitalter-der.html
    Gruß
    CAF

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service