Kinder Wer schaut hin?
Regelmäßige Untersuchungen beim Kinderarzt sollten zur Pflicht werden. Sie würden zur Früherkennung misshandelter Kinder entscheidend beitragen. Ein Kommentar
Geschlagene, gequälte, vergewaltigte oder unterernährte Kinder können sich nicht selbst einen Anwalt nehmen. Sie können den Staat auch nicht auffordern, für Gerechtigkeit zu sorgen. Deshalb muss jemand die Kinder im Blick behalten. Um ihrer selbst willen und für die Gesellschaft, die später dafür aufkommen muss, wenn sie, erwachsen geworden, nicht lebensfähig sind oder möglicherweise selbst zu Gewalttätern werden.
Der Kinderarzt wäre einer, der hinschauen könnte – gäbe es die Pflicht, an den Vorsorgeuntersuchungen teilzunehmen, die bislang freiwillig sind. Hamburg hat eine Bundesratsinitiative für Pflichtuntersuchungen von Kindern begonnen, der sich mehrere Bundesländer angeschlossen haben. Es wird überlegt, das Kindergeld nur dann voll auszuzahlen, wenn der Nachwuchs bei allen Untersuchungen auftaucht.
Bei den so genannten „U“s wird genau hingesehen: Wie entwickelt sich das Kind körperlich und psychisch? Wie spricht es, wie bewegt es sich? Man redet über die Essgewohnheiten und über das Zähneputzen, später auch über Freunde. In Zukunft soll der Arzt gezielt nach Symptomen der Gewalt Ausschau halten. Er kennt das Kind und die Eltern im besten Fall von Geburt an, er kann Krankheiten und Fehlentwicklungen rechtzeitig erkennen. Die meisten Eltern - die Zahlen schwanken je nach Bundesland zwischen 70 und 85 Prozent - bringen deshalb freiwillig ihre Kinder zu den Vorsorgeuntersuchungen, die von der Geburt bis zum fünften Geburtstag angeboten werden.
Diese Eltern fühlen sich nicht kontrolliert, sondern wollen wissen, ob alles in Ordnung ist. Könnte man auch die restlichen Eltern dazu verpflichten, hätte man doppelt gewonnen. Nicht nur Misshandlungen, auch Sprach- und Entwicklungsstörungen, die oft erst vor der Einschulung mit sechs Jahren festgestellt werden, könnten rechtzeitig behandelt werden. Die meisten Untersuchungen (U1 bis U6) finden im ersten Lebensjahr statt. Von der U7 an, die im Alter von zwei Jahren stattfindet, kommen immer weniger Kinder zum Kinderarzt. Und gerade sozial benachteiligte Familien sieht der Arzt oft gar nicht mehr.
Möglicherweise muss die Frequenz der Untersuchungen erhöht werden und viele Ärzte brauchen eine Schulung, um Ängste der Kinder und Ausflüchte von prügelnden Eltern zu erkennen. Es wird Eltern geben, die ihre Gewalttaten verbergen können, indem sie sich beispielsweise vor dem Pflichttermin bremsen und ihre Kinder etwas weniger misshandeln. Sie können das Kind hübsch anziehen und sie können es einschüchtern. Besonders schwierig ist es, sexuell missbrauchte Kinder zu erkennen. Die Opfer weisen selten körperliche Spuren auf, auch wenn sie schon lange Jahre missbraucht werden. Ärztliche Normalbefunde im Kleinkindalter sind die Regel. Vergewaltigt wird die Mehrzahl dieser Opfer von ihren Missbrauchern erst zwischen 10 und 14 Jahren. Körperlich auffällig werden sie meist erst, wenn sie im Teenageralter anfangen sich zu verletzen oder Essstörungen entwickeln.
Es wird immer Eltern mit krimineller Energie geben, die ihre Taten vor dem Kinderarzt verbergen können. Viele sind jedoch nicht dazu in der Lage und können identifiziert werden. Schlecht versorgte Knochenbrüche, Fehlernährung oder Entwicklungsstörungen, die auf mangelnde Fürsorge zurück zu führen sind, können Ärzte erkennen. Auch die, die gar nicht kommen, werden registriert und Sozialarbeiter können nachsehen, was schief läuft und Hilfe anbieten.
Famlienministerin Ursula von der Leyen hält Pflichtuntersuchungen für falsch: Sie seien „kein Allheilmittel“ und würden die Menschen in falscher Sicherheit wiegen. Sie will anstelle dessen ein „Frühwarnsystem“ einführen. Schon vor und kurz nach der Geburt eines Kindes soll ein intensiver Kontakt zu gefährdeten Familien aufgebaut werden. Wenn man weiß, dass es Probleme mit Alkohol, Gewalt und Armut gibt – dann sollte man auch versuchen zu helfen, bevor es die Kinder zu spüren bekommen. Nicht nur die Ärzte, auch Hebammen, Erzieher und Lehrer müssten geschult werden, um gefährdete Kinder nicht zu übersehen. Doch all das spricht nicht gegen die Pflicht zu Vorsorgeuntersuchungen.
Steckt hinter der Ablehnung die Angst vor dem Verlust individueller Freiheit, vor der Gängelung durch den Staat? Gerade wenn er sich in Familiendinge einmischt, ist das vielen verdächtig – man denkt an Nationalsozialismus und an die DDR, daran, dass Kinder im Sinne von Ideologien funktionsfähig gemacht werden sollen. Doch darum geht es hier nicht. Es geht um Menschenleben und Menschenwürde. Um die zu schützen, kommt es auch immer zu Einschränkungen. Kaum einer beklagt sich, dass er sein Auto zum Tüv bringen muss. Wer möchte schon, dass gefährliche Schrottkisten unser Leben gefährden? Es gibt die Schulpflicht. Die wenigsten stellen diese Gängelung ihrer Kinder in Frage. Vielleicht finden wir ja ein paar unsinnige Pflichten, die wir für diese eine abschaffen können, – doch die Pflicht, Kinder zur Untersuchung zu schicken, sollte unbedingt eingeführt werden.
- Datum 01.02.2006 - 12:28 Uhr
- Quelle ZEIT online, 28.1.2006
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Natuerlich sorgen 99% der Eltern dafuer dass ihre Kinder bei guter Gesundheit bleiben und in geordneten Verhaeltnissen aufwachsen-Keine Frage.Doch hatten wir in der letzten Zeit immer wieder Berichte von Kindern die getoetet oder misshandelt wurden und zwar von den eignen Eltern.Eine Tatsache die erschreckend und nicht nachvollziehbar ist.Um aehnliche Faelle zu vermeiden waeren Pflicht-Untersuchungen eine Moeglichkeit - allerdings sollten Nachbarn usw auch nicht weg schauen wenn die glauben dass bei gewissen Familien Probleme mit den Kindern gibt.Aber auch Lehrer sollten besser aufpassen und melden wenn sie Grund haben zu glauben dass ein Kind gefaehrdet ist.Kinder sollten sich auch sicher fuehlen zu ihren Lehrern gehen wenn sie Angst haben.Wir muessen alle mehr drauf achten.
Berichten kann ich, daß ich persönlich einen 'Fall' erlebt habe: 1982 wurde ein Kind unter schwierigen Umständen geboren. Die Mutter war Raucherin und Alkohlikerin. Das Geburtsgewicht war 1.100 Gramm. Aufgrund der damals bestehenden gesetzlichen Vorschriften (Vater und Mutter waren beide Witwer im mittleren Alter, aber nicht verheiratet) war der Vormund das staatliche Jugendamt (auch damals eine personell gut ausgestattete Behörde). Dem Kleinkind wurde bei der Entlassung aus der Klinik (nachdem es lange im Brutkasten gelegen hat) ein sehr präziser Behandlungsplan und auch Kontrolltermine für die Nachsorge beim Kinderarzt mitgegeben. Aufgrund vorhandener Defizite hätte auf Anraten der Klinikärzte auch eine frühkindlidhe Förderung zwingend stattfinden müssen. Behandlung, Frühförderung und Kontrolle durch den Kinderarzt erfolgte nicht. Das Kind verwahrloste (u.a. sozialer Minderwuchs), auch unter den Augen von Opa und Oma sowie sämtlicher Nachbarn und der Kindergärtnerin (der selten besucht wurde, weil Mama bis Mittags schlief). Der gesetzliche Vormund hat sich um die Entwicklung dieses ihm anvertrauten Kleinkindes nicht gekümmert. Als die Verwahrlosung sich auch in der Öffentlichkeit darstellte, ab einem Alter von etwa 5 Jahren etwa, habe ich mich mit Erfolg - eher zufällig -um das 'Problem' kümmern können. Als ich in der Sache u.a.. ein persönliches Gespräch mit dem Jugendamtleiter (aktives CDU-Mitglied) geführt hatte, konnte ich erfahren, daß in Baden-Württemberg das Recht der Eltern besonders gewürdigt würde und die Jugenämter stets sehr zurückhaltend agieren! Die gesetzliche Vormundschaft sei für das Jugendamt nur eine Formsache. "Uns ist Nichts aufgefallen."(Es fanden innerhalb von vier Jahren drei Kontrollbesuche statt.). Von einem Behandlungsplan und Defiziten sei auch Nichts bekannt gewesen. Es gilt auch hier: Armes Deutschland. Meine Aufforderung an Politiker, Behördenleiter und Sozialarbeiter lautet: Jugendamtsmitarbeiter raus aus den Büros, raus auf die Straße, ..., hin zu den Problemfällen, ..., rund um die Uhr! In New York haben die Sozialarbeiter z.B. kein eigenes Büro. Das würde auch bei uns den Menschen helfen, die Kosten senken, die Effizienz erhöhen, ...
Wer hier nach Deregulation schreit, muss erstmal einen Vorschlag machen, wer sonst, wenn nicht der Staat bzw. ein von ihm Beauftragter, die Garantenstellung für die körperliche Unversehrtheit der Kinder übernimmt, deren Eltern dies nicht tun. Selbstverständlich hat jede Regelung das Problem an der ein oder anderen Stelle zu kurz zu greifen, auf solche Regelungen aber wegen deren partieller Unzulänglichkeiten ganz zu verzichten ist MENSCHENVERACHTEND! Früher gab es Besuch vom Jugendamt sowie Einschulungsuntersuchungen für alle - davon ist nicht viel übrig.
Bezeichnend ist an diesem Vorschlag übrigens auch, dass es wohl in erster Linie mal wieder darum geht, die staatliche Verantwortung abzuschieben, hier die Kosten an die KV, die Arbeit an die Ärzte.
Eine Alternative ist kostenlose Kinderbetreuung ab 2 oder 3 Jahren, die erreicht dann auch große Teile der gefährdeten Kinder, die in kostenpflichtigen Kindergärten meist nicht gesehen werden. Die diagnostische Sensitivität von 4 Stunden täglich bei einer Erzieherin im Vergleich zu 1/2 Stunde jährlich beim Kinderarzt ist sicher höher. Den Rest kann ja dann das Jugendamt besuchen.
eine Pflicht, die jetzt wegen der jüngsten aktuellen Fälle diskutiert wird, stellt alle Eltern unter Generalverdacht. Das würde mir nicht gefallen.
Der wichtigste Satz in dem Artikel lautet: Eltern mit krimineller Energie wird es immer geben.
Der Ansatz von Frau Leyen, Familien frühzeitig vor und nach der Geburt stärker zu betreuen, gefällt mir besser. Eine Pflicht darf das aber auch nicht werden.
Völlig richtig !
Wir dürfen Gängelung nicht zu Lasten unserer Kinder definieren.
Ein sogenanntes "Frühwarnsytem" schliesst im übrigen
Pflichtuntersuchungen nicht aus.
Man sollte darueber nachdenken allen Kindern schon bei der Geburt einen Gesundheitspass zu geben,aehnlich wie den Muetter-Pass fuer Schwangere.Dann sollten halb-jaehrlich Untersuchungen angeordnet werden und bei der Einschulung muesste dieser Pass vorgelegt werden -auch Zahnarzt Besuche sollten Pflicht sein fuer Kleinkinder.Durch Profilaxe kann viel Geld gespart und moeglicher Weise auch Leben gerettet werden.Dabei muss ich auch zugeben dass die meisten Eltern sicherlich auch aus eignem Antrieb dafuer sorgen dass ihre Kinder bei guter Gesundheit sind..
Bin mir nicht ganz sicher, ob die Vorsorge-Pflicht gut ist, aber: Der Vorschlag von der Leyens ("Schon vor und kurz nach der Geburt eines Kindes soll ein intensiver Kontakt zu gefährdeten Familien aufgebaut werden.") ist EKELHAFT! Als wenn man an irgendetwas erkennen könnte, ob ein Elternpaar zu Kindesmisshandlungen neigt! Wie auch immer diese Kriterien aussähen, sie währen eine UNVERSCHÄMTE DISKRIMINIERUNG der Betroffenen!!!
In Finnland gibt es auch solche Untersuchungen bei Kleinstkindern. Sie finden halbjährlich statt und sind ziemlich umfangreich.
Es ist letztlich die einzige Möglichkeit, den Zustand und die Entwicklung von Kindern ein wenig zu kontrollieren. Denn man kann nicht alle potentiellen Problemfamilien zu den Jugend- und Gesundheitsämtern schicken. Würde man das tun, würde man ganze Straßenzüge und Stadtviertel in Bewegung setzen. Das meiste Elend verbirgt sich im Dunkeln.
Je früher Defizite festgestellt werden, desto kostengünstiger und effektiver können sie gelöst werden (egal ob es sprachliche oder körperliche Probleme sind) - das rechnet sich mit Sicherheit.
Allein schon die Filterung (und anschließende Förderung) von Kindern ohne Deutschkenntnisse wäre äusserst wertvoll (und zwar für die Gesellschaft wie auch für das Individuum).
Ferner denke man an Augenkrankheiten oder Haltungsschäden, die man sonst nicht erkennt.
Und schwer mißhandelte Kinder hätten eher eine Chance, aus ihrem Elend herauszufinden.
Frau von der Leyen, die davon nicht viel hält, benutzt eine irrationale Argumentation. Sie lehnt eine Maßnahme ab, weil sie glaubt es gäbe eine bessere (das Spielchen kennt man schon aus anderen Diskussionen).
Sie fordert ein "Frühwarnsystem" mit Ärzten, Hebammen, Eziehern und Lehrern. Okay, spielen wir das mal durch:
- DER KINDERARZT fängt morgens früh an zu arbeiten und verläßt um 19:00 die Praxis. Dann setzt er sich in´s Auto und rast mit überhöhter Geschwindigkeit zu den Familien Mayer, Kunz und Schmitt, um deren Kindern noch eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen.
- DIE HEBAMMEN bilden einen Freundeskreis mit all den Familien, denen sie zur Geburt verholfen haben. Folgen: Jede Hebamme nimmt irgendwann an 70 bis 80 Kindergeburtstagen im Jahr teil und verschickt zu Weihnachten 70 bis 80 kleine Aufmerksamkeiten.
- ERZIEHER und LEHRER:
Gerade darum geht es eben nicht, daß die Probleme der Kinder erst dann auffallen, wenn sie bereits in Schule oder Vorschule sind.
Frau von der Leyen soll ihr Frühwarnsystem ruhig installieren. Aber sie sollte keinesfalls Leuten in den Arm fallen, die einen etwas weniger weltfremden Ansatz suchen. Es ist schade, daß es der Pragmatismus immer wieder so schwer hat in Deutschland.
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