presseschau Pragmatische Mäßigung

Vielleicht ist der Sieg der Hamas nicht nur schlecht. Adrian Pohr kommentiert das aktuelle Meinungsbild

Die Schattenseite des Demokratisierungsprozesses im arabischen Raum zeigt sich nach den Wahlen in Palästina: Die Unliebsamen, ja sogar die Gefährlichen, haben gewonnen. Der Wahlsieg der Hamas ängstigt die deutschen Kommentatoren. Von „Schock“, von „Albtraum“, von „Schande“ ist die Rede. Bild weiß sogar, dass es jetzt „brandgefährlich“ werde mit einem ins Terror-Feuer pustenden iranischen Präsidenten, einer Art geistigem Verwandten der Hamas.

Für den Sieg der Hamas gibt es Gründe. Tomas Avenarius glaubt in der Süddeutschen Zeitung , dass viele den Friedenprozess als gescheitert betrachten, weil Israel seine Siedlungen in der Westbank weiter ausbaue, der Anti-Terror-Zaun der Landnahme diene und trotz der Teilrückzüge aus Gaza und Westjordanland Israel die Kontrolle über die Palästinensergebiete keinesfalls aufgebe. Zum Zweiten sei die Wahl eine „innenpolitische Protestwahl“ gewesen. „Gegen Chaos, gegen Korruption und politischen Stillstand.“ Eine Einschätzung, die von den meisten Kommentatoren geteilt wird. Doch Avenarius zählt noch einen dritten Grund auf: „Der Erfolg der ‚Grünen’ spiegelt eine Tendenz in der arabischen Welt wider: die Politik wird islamisiert.“

Anzeige

Wie also steht es um den Friedensprozess im Nahen Osten unter dieser neuen palästinensischen Führung? Zwar lesen sich einige Kommentare, als sei dies das Ende der Hoffnung, doch andere Schreiber geben sich ungewohnt optimistisch. Die Berliner Zeitung sieht in dem Wahlsieg der Hamas eine Chance, weil sie sich weitgehend an den Waffenstillstand gehalten habe. Der Tagesspiegel erinnert an die einst terroristische PLO, deren Machtgewinn zu einer Mäßigung geführt hat. Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung hofft auf Pragmatismus: „Programmatischer Radikalismus ist eine Sache, die Realitäten an Ort und Stelle sowie in einer vernetzten Welt sind eine andere, zumal wenn man regieren muss."

Die tageszeitung ist voll des Lobes: „Respekt vorweg. Es war die fairste und demokratischste Wahl, die bislang in der arabischen Welt stattgefunden hat.“ Sie sei ein beispielloser Erfolg „für ein besetztes und traumatisiertes Land“. Auch die Aussichten auf Frieden schätzt die taz als gut ein: „Von allen islamistischen Organisationen ist die Hamas die berechenbarste. Und die anpassungsfähigste.“

So hoffen viele Nahostexperten auf eine Einbindung der Hamas in den Friedensprozess. Auch Angela Merkel will den Dialog fördern. Ihre Reise in die Palästinensergebiete am Montag hat sie trotz des Wahlergebnisses nicht abgesagt.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle ZEIT online 27.1.2006
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Autoren abonnieren RSS-Feed
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Israel | Iran
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service