nachruf Glanz mit Zwischentönen

Johannes Rau war ein Konsenspolitiker, als der Konsens noch populär war. Er blieb es, auch als der Konsens in Verruf geriet. Zum Tod des Altbundespräsidenten

Wie schlecht es Johannes Rau ging, konnte man ahnen, als vor zwei Wochen sein 75. Geburtstag begangen wurde. Zur Feier, die Horst Köhler, sein Nachfolger als Bundespräsident, für ihn im Schloss Bellevue ausrichtete, erschienen Raus Frau und seine Kinder. Der Geehrte selbst, hieß es, sei zwar in Berlin, aber zu schwach, um zu erscheinen. Die Absage wird ihm schwer gefallen sein, sicherlich. Fünf Jahre stand Johannes Rau an der Spitze dieses Staates. Lange hatte er auf dieses Amt gehofft und darauf hingearbeitet (und auch manchen, der ihm wohlgesonnen war, durch die Hartnäckigkeit irritiert, mit der er dieses letzte Karriereziel verfolgte). Aber mindestens so schwer wie der Verzicht auf jene Feier in Berlin wird ihm die Absage an seine Heimatstadt gefallen sein; der geplante Empfang im Wuppertaler Rathaus musste ersatzlos gestrichen werden.

Dort, im Bergischen Land, wo auch Else Lasker-Schüler und Friedrich Engels geboren wurden, war Rau verwurzelt auf eine Art, die nur noch schwer zu begreifen ist in einer Zeit, in der Flexibilität zählt und Ortslosigkeit der Preis ist für die meisten Karrieren. In Wuppertal ging Rau während der Nazi-Diktatur zur Schule, engagierte sich früh in Bibelkreisen und in der Bekennenden Kirche. Sprache und Duktus seiner Reden haben diese Prägung ein Leben lang bewahrt. Nach dem Krieg begann er in Wuppertal seine Berufslaufbahn als Verlagsbuchhändler und einen politischen Weg, der ihn 1964 erst in den Stadtrat, dann in das Amt des Oberbürgermeisters, kurz darauf in die Landesregierung und schließlich 1999 bis hinauf ins Bundespräsidialamt führte.

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Rau war Sozialdemokrat, keine Frage (auch wenn er zunächst in die Gesamtdeutsche Volkspartei Gustav Heinemanns eingetreten war). Dort, wo er herkam, im Tal der Wupper, konnte man die Folgen der Deindustrialisierung schon besichtigen, als weiter nördlich im Ruhrgebiet die Schlote noch mächtig qualmten. Dennoch: Ein klassischer Sozi war der gläubige Sohn eines Kaufmanns nicht.

1970 wurde Johannes Rau Wissenschaftsminister in Nordrhein-Westfalen. Und vielleicht war die Gründung von fünf Gesamthochschulen (darunter jene in Essen und in Duisburg) und das damit verbundene Bildungsangebot für bis dahin bildungsferne Schichten und Regionen seine nachhaltigste politische Leistung – trotz aller späteren Verdienste und des legendären Rufs als „Landesvater“. Zwei Jahrzehnte lang, von 1978 bis 1998 war Rau Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, länger noch als Helmut Kohl hat er regiert. Seine Partei, die SPD, hat in den achziger Jahren in Nordrhein-Westfalen Triumphe erlebt, doch der Aufbruch im Land, den er selbst mitgestaltet hatte, war längst gewichen.

Der Strukturwandel im Ruhrgebiet nahm unaufhaltsam seinen Lauf, Kohle und Stahl hinterließen mentale und wirtschaftliche Brachen. Rau hat Nordrhein-Westfalen in diesen Jahren ein Gesicht gegeben, mit dem sich viele identifizieren konnten. „Wir in NRW“, der Slogan, den sich die SPD-Strategen ausgedacht hatten, wurde von Hochschullehrern und Bergarbeitern akzeptiert. Und Rau hat eine Sprache gesprochen, die Trost spendete und aufrichtig war, auch wenn die Möglichkeiten der Politik zu helfen sehr begrenzt blieben. Rau ist oft als „Laienprediger“ verspottet worden, und später, als er endlich Präsident war, mochten viele ihm gar nicht mehr zuhören.

Leser-Kommentare
  1. 2. \N

    @ BobBeamon

    wer schreit, hat immer recht. Offenbar habe ich es nicht verstanden, Ihnen klarzumachen, dass meine Kritik einer ganzen politischen Klasse gilt.

    Angenommen, Sie hätten mich in ruhigem Ton gefragt, ja wenn Sie schon Johannes Rau für in einer ganz wesentlichen Frage für gescheitert halten, wie werden Sie erst die Nachrufe auf, nun, die Herren Kohl und Genscher kommentieren?
    Eben. Die würden dabei gar nicht gut wegkommen, fürchte ich, aber liegt das denn an mir?

    Weiter war mein Vorwurf gegen Johannes Rau nicht, dass er gegen eine besser geeignete Kandidatin kandidiert hat, sondern dass er den Augenblick seines Rückzugs von der politischen Bühne versäumt hat. Mein Vorwurf ist, dass Johannes Rau nicht begriffen hat, dass seine Zeit vorbei war, oder, zugespitzter, dass er nicht verstanden hat, dass der Augenblick seines Triumphes tatsächlich der seiner entscheidenden Niederlage war.

    @ woschinski

    ich betrachte es nicht als meine Aufgabe, Missverhältnisse schönzureden. In dieser Hinsicht bin ich einem Versuch der Versöhnung schwer zugänglich. Wenn Kritik für Sie bereits Spaltung ist, vielleicht liegt da der Fehler nicht ausschliesslich bei mir.

    Die leeren, aufgeblasenen Worthüllen, nun, mehr als Worte will ich hier nicht machen, kann ich auch gar nicht. Es war meine Absicht, Kritik zu üben und meine Kritik zu begründen. Wenn Sie der Auffassung sind, dass die Amtszeit des Bundespräsidenten Johannes Rau von besonderer, geradezu kühner Tatkraft, klarer, heller Einsicht in den gesellschaftlichen Wandel durch Vereinigung und weltweite Märkte und dessen zukünftige Herausforderungen gerade für Deutschland sowie einer durch hervorragende Gesundheit mögliche Arbeitsleistung herausragt, nun, vielleicht liegt der Irrtum auch bei mir.

    Für Ihren Hinweis darauf, dass ich den Namen von Frau Professor Schipanski falsch geschrieben habe, bedanke ich mich sehr. Sie haben mir so die Möglichkeit gegeben, meinen Fehler einzugestehen. Diesen bedauere ich, der Vorwurf der Peinlichkeit oder auch der Flüchtigkeit trifft mich zu Recht.

    Bei der Bewertung meiner Äußerungen bitte ich ebenfalls um Genauigkeit: Ich weise es von mir, die Kandidatin idealisiert zu haben, oder gar zu verehren. In meinem Kommentar habe ich über ihre Person und ihre Fähigkeiten kein Wort verloren, dies war nicht Gegenstand meiner Erörterung.

    Schon wieder so viele Worte, was soll das nur werden.

    Nun, ich habe bereits weiter oben nochmals dargelegt, wo und in welchem Punkt ich das Versagen von Johannes Rau - stellvertretend für die politische Klasse der Bonner Republik - verorte.

    Gut, dass Sie mich nicht gefragt haben, also, AuchEiner, wie stellen Sie sich denn Politik vor? Klar werden da informelle Absprachen getroffen, klar werden da Posten geschoben, Gelder versagt oder gewährt, manchmal auch verschwendet, geht doch gar nicht anders. Bundespräsident will jeder werden, der noch etwas Ehrgeiz im Alter hat. Ist doch gut so, so soll es auch sein, und ein paar schöne Worte sind der Zuckerguss oben drauf, manche können noch nicht mal das, schönreden meine ich.
    Aber davon war in den Nachrufen nicht die Rede.

  2. ch erinnere mich noch gut an eine wunderbare Karrikatur von Greser & Lenz in der FAZ, in welcher Johannes Rau nach seiner Pensionierung Holz hackte mit dem sinnigen Untertitel: "Endlich spalten, statt versöhnen !"

    Sein Lebenswerk war vom Übervater Gustav Heinemann bestimmt. Das ist schön und tragisch zugleich, weil Johannes Rau doch immer etwas von einem Eleven blieb. Einer, der nie auf´s Ganze gehen konnte, der sich verpflichtet sah den eigenen Bindungen gegenüber. Die sollten sich - durchaus als sinnvolle, wertstiftende entpuppen. Dennoch scheint er Wuppertal, mit dem kleinen Horizont und der gemütlich warmen Enge, der quietschenden Schwebebahn und dem rheinischen Protestantismus immer wieder als Gepäck mitgenommen zu haben - sogar bis ins preußische Berlin.

    Was beeindruckte war seine unerschütterliche Gewißheit, mit dem Rausschmiß von Joseph Beuys aus der Düsseldorfer Kunstakademie das Richtige getan zu haben. Was berührt war seine lebendige Verbindung zu Israel und dem Judentum. Gerade da hat sich ausgezahlt, was die Ev.Kirche mühsam hat buchstabieren müssen: Geschwister sind udn bleiben beide. Dass er als erster deutscher Nachkriegspolitiker vor der Knesset hat reden dürfen, verblaßt angesichts anstehender Veränderungen in NahOst zu einem Polarid Foto.

    Zuletzt hat er Heinemann durch seine Hochzeit und das für ihn Happy-End seiner Bundespräsidentenschaft beerbt. Das war sein Lebensuhrwerk. Dennoch hätte es von Größe gekündet, wenn er Hildegard Hamm-Brücher den Vortritt gelassen hätte, so mußte Angela Merkel als erste Frau in hohem Amte reüssieren, vom Intermezzo der Bundestagspräsidentin Süßmuth mal abgesehen. Darin blieb Johannes Rau dem letzten Jahrhundert ganz verhaftet. Er brauchte das Licht und den Spiegel der Politik, nicht frei von Eitelkeiten.

    Dennoch hat er - ganz anders als unser Bruder Leichtfuß Köhler - die Menschen erreichen können. Wenn auch auf eine etwas eigene Art: nie wusste man, ob er nun wirklich mit sich oder dem Volk redete, immer blieb zuletzt das Gefühl sinniger Selbstsuggestion, wie einer, der erst durch eigenen Glauben seinen Sätzen Gewicht und Gehalt schenken konnte. Darin war er meisterhaft und unnachahmlich. Darin hatte er Bestand - wohl eher im Habitus als in der Substanz seiner Worte.

    Sein Abschied vollzog sich sichtbar langsam. Es war für alle tröstlich, kein erneutes öffentliches Sterben erleben zu müssen. Ich hoffe, dass sein Leiden kurz war; hoffe, dass sein Tod eine Erlösung wurde. Die Ahnung seines Abschiedes hatten alle schon. In den Schubladen sind die Nachrufe schon fertig.

    Christina Rau, geb. Delius und Enkelin von Gustav Heinemann gilt mein aufrichtiges Beileid. Wuppertal hat einen großen Sohn verloren. Deutschland trauert zu recht. Dennoch wünschte ich an seiner Beerdigung die Bachkantate: Ich freue mich auf meinen Tod. Eine so unvergeßlich schöne Arie samt Oboe tröstet und trägt - über Welten hinweg.

  3. ...ist, dass in den vorangegangenen Kommentaren zwei wirklich gute Nachrufe waren (von Lesern wie mir, also Nicht-Profis, Laien eben), waehrend ich den (wahrscheinlich fuer Geld abgelieferten) professionellen Nachruf des ZEIT-Autoren nicht so beeindruckend fand. Etwas oberflaechlich irgendwie.

    Ist natuerlich nur Geschmackssache, klar. Aber komisch doch schon, oder?

  4. Der Artikel wird "Bruder Johannes" nicht gerecht. Außerdem enthält einige sachliche Fehler. Sie kennzeichnen die Unkenntnis des Schreibers von der Zeit und dem Leben unseren Johannes.
    Klaus Pantroja.

  5. 6. \N

    Wo so viel Licht ist, könnte da nicht auch Schatten sein? Wäre dieser Schatten nicht nur der Schatten eines Mannes, eines Politikers der alten Bundesländer, sondern der Schatten einer ganzen politischen Klasse, und noch mehr, der Bonner Republik insgesamt?

    Sonderbarerweise, oder besser: Es wird seinen tieferen Grund haben, dass in den Nachrufen der Leitmedien der Republik auf die meiner Meinung nach entscheidende Tatsache nicht hingewiesen wird: Johannes Rau war der letzte Bundespräsident der Bonner Republik. Das Ende seiner Amtszeit markiert die Einsicht in den alten Bundesländern, dass die Zeiten der alten Bundesrepublik oder der Bonner Republik, die Zeiten des des rheinischen Kapitalismus und der Deutschland AG nunmehr Geschichte sind und wir in Zukunft in den Zeiten der Berliner Republik leben, leben müssen.

    Mit dem Ende der Amtszeit von Johannes Rau als Bundespräsident gehen anderthalb Jahrzehnte der Selbsttäuschung der alten Bundesländer zu Ende. Spät genug, doch immerhin, mag der eine, leider! der andere sagen. Die Frage, warum es dazu kommen konnte, wurde und wird nicht gestellt, aus gutem Grund nicht: Es hätte die feierlichen Nachrufe des Altbundespräsidenten Rau vielleicht gestört. Und noch mehr: Ist denn das verbreitete Lob für den Dahingegengenen nicht auch die Selbstvergewisserung der an seinem Grab stehenden, dass sie noch leben, mehr noch, dass sie, indem sie Johannes Rau gedenken und ihm mehr als je zu Lebzeiten loben, sie dieses Lob vor allem sich sich selber spenden?

    Denn, sicher war Johannes Rau zu Lebzeiten nicht allein und sicher hatte er auch gute Gründe, so zu tun, als sei da mit der Wende, eigentlich mit dem Rückzug der Sowjetunion aus ihrem europäischen Glacis, nichts weiter geschehen, was Anlass zu einem Umdenken geben müsste.

    Vielleicht wird eine angemessene Würdgung dieser Umstände erst dann möglich sein, wenn eine neue Generation soweit ist, zu erkennen, mit welchen Lasten sie von ihren Vorderen, einer politischen Klasse, die mit den Namen Rau oder Kohl gekennzeichnet, aber nicht erschöpfend beschrieben werden kann, beschwert wurde. Denn, die politische Elite der alten Republik hatte durchaus ein Interesse daran, dass diese Fragen nicht gestellt wurden, nicht gestellt werden. Oder ist es vorstellbar, dass einer wie Hans-Dietrich Genscher noch immer in irgendwelchen Hinterzimmern der Macht die Fäden zieht, während ein Herr Dr. Kohl in seinem Bungalow (das ich deshalb so ausdrücklich erwähne, weil "der Bungalow" das Symbol der arrivierten Wirtschaftswunder-Gewinner aus der Zeit Ende der 50-er, Anfang der 60er- Jahre war, und das ich als Beleg und Indiz dafür nehme, dass der genannte Herr geistig diese Zeit nie verlassen hat. Das aber hat uns regiert, Schande über uns!) seine Memoiren pinselt.

    Eigentlich lässt sich das Leben von Johannes Rau auf einen Augenblick kondensieren: Er, Johannes Rau hatte einmal in seinem Leben die Chance, ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, das verstanden worden wäre: Indem er, auf die Kandidatin Frau Prof. Dr. Schimpanski verweisend, auf seine eigene Kandidatur als Bundespräsident verzichtet hätte.

    Diese Chance hat Johannes Rau vertan, nein, nicht vertan, er hat sie nicht genutzt. Im schlimmsten Fall: bewusst nicht genutzt.

    Vielleicht war Johannes Rau von sich überzeugt, überzeugt, einfach der bessere zu sein. Immerhin, er war damals der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, solch Leute wie Frau Prof. Schimpanski kamen zu ihm, weil sie etwas von ihm wollten, und wurden ihm gegenüber bittlich und nicht umgekehrt. Vielleicht war er auch Politiker genug, um zu erkennen, was Frau Schimpanski aus Sicht der CDU war: Eine Verlegenheitskandidatin, aufgestellt, um einem anderen denkbaren Kandidaten die Blamage der Niederlage zu ersparen.

    Vielleicht war im Vorfeld der Kandidatenkür der damaligen Regierungsparteien bereit zuviel an Intrigen und Absprachen investiert worden, schliesslich ging es auch darum, eine Machtposition vorzuzeigen und zu beweisen, dass die Regierungskoalition noch immer in der Lage war, auch in der Bundesversammlung eine Mehrheit hinter sich zu bringen. Dies könnte bedeuten, dass Johannes Rau bereit war, sich um seiner Karriere willen instrumentalisieren zu lassen. Dies würde dann zur Frage führen, inwieweit er sich bereits früher instrumentalisieren ließ.

    Vielleicht ging es darum, den bisherigen Landesvater in ein Amt zu loben, das ihn selbst unangreifbar machte, um damit seiner Partei und seinem Nachfolger etwas Ruhe zu verschaffen. Denn langsam kamen die alten Lasten zum Vorschein: Die als Flugaffäre bekannte Vorteilsgewährung durch die WestLB, die sonderbaren Geschäfte der WestLB im Zusammenhang mit der Preussag und der Friedr. Flender AG, schliesslich die Durchstechereien im Zusammenhang mit einem Herrn Trienekens. Nicht, dass Johannes Rau diese Dinge betrieben oder gar mehr als andere betrieben hat. Aber sie geschahen in seiner Zeit und wurden durch Mitglieder seines Kabinetts oder Angehörige seiner Partei betrieben.

    Vielleicht war es ganz einfach so, dass die bisherigen Wasserträger selbst die Führung übernehmen wollten, um ein Bild aus der Welt eines ehemaligen SPD-Ministers zu nennen, der heute vergessen ist: Zu Unrecht, denn auch ein Graf Pilati wäre geeignet, als Symbol für den Willen zur Macht und die damit einhergehenden Deformationen dargestellt zu werden.

    Vielleicht war einer dieser Gründe, vielleicht war es ein Gemenge von all diesem, vielleicht war es auch ganz anders:
    Wie auch immer und aus welchen Gründen auch immer, der Augenblick für diese Geste wurde nicht genutzt und Bruder Johannes zeigte so augenscheinlich, dass ihm im entscheidenden Moment die Karriere über manches andere ging. Dies lässt sich gewissermassen als Symbol oder als typisch für einen gewissen Protestantismus unserer Tage verstehen, gesetzte, arrivierte BürgerInnen, die sich in schönen, dabei zugleich billigen Worten, in verbalem Radikalismus, und einer rücksichtslosen Fernstenliebe nicht genug tun können, solange der eignene Status ungefährdet ist. Übrigens ist diese Spielart von Protestanten nicht auf das kirchliche Umfeld beschränkt, die weltliche Spielart gebärdet sich oft noch unverschämter.

    Johannes Rau war Ministerpräsident zu einem Zeitpunkt, als die Gelder noch flossen, reichlich flossen, die Deutschland AG in ihrer Blüte stand, und die Republik es sich leisten konnte, die Basis des Bruder Johannes durch Mittelzuweisungen ruhig zu stellen. Für diejenigen, denen der Begriff "Kohlenpott" nichts mehr sagt: Das war zu der Zeit, als die nationale Energiepolitik in der Erhaltung des Steinkohlebergbaus gipfelte, finanziert aus dem sog. Kohlepfennig der Kunden der Energieversorger. Durch diese Abgabe wurde der damals schon unrentable Steinkohlenbergbau am Leben erhalten, mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass so auch die Funktionäre der IGBE ihre Daseinsberechtigung hatten, und im Gegenzug die Partei des damaligen Ministerpräsidenten Rau an der Macht hielten. Das, was verschämt als Stukturwandel im Ruhrgebiet bezeichnet wird - das Bundesland Nordrhein-Westfalen hatte dafür fünfundzwanzig oder gar fünfunddreißig Jahre und anfangs, ja noch bis zur Vereinigung Mittel ohne Ende. Eigentlich wurden diese Bemühungen nur durch die Bestrebungen übertroffen, die Existenz Berlins zu gewährleisten. So wurde denn auch der rheinische Klüngel noch von der Berliner Wirtschaft übertroffen, eine beachtliche Leistung. Andere Bundesländer, die ihren Strukturwandel zu einem späteren Zeitpunkt bewerkstelligen mussten, hatten weniger Zeit und weniger Geld dafür.

    Mir fehlen die internen und intimen Kenntnisse der Macht, um sagen zu können, dass Johannes Rau in seiner Zeit als Ministerpräsident die Grundlagen für all die Durchstechereien, Mauscheleien, Absprachen, den Filz, den Klüngel gelegt hat, für den das Bundesland Nordrhein-Westfalen bis heute berühmt ist. Nach meiner Aufassung wird es wohl so gewesen sein, wie es oft sein mag: Gerade Dunkelmänner brauchen für ihre dunlen Geschäfte ein Aushängeschild, einen möglichst ehrlichen Menschen, der in seiner Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit nicht danach fragt, wie es diejenigen treiben, die ihn benutzen. Allerdings, wer es in der Landespolitik zum Ministerpräsidenten bringen will, muss da schon bereit sein, die eine oder andere Konzession zu machen. Erstaunlich, dass dies bis heute nicht thematisiert wird.

    Was für mich bleibt:
    Johannes Rau, ein Biedermann, der in die Fußstapfen eines noch größeren, zu ihm verwandten, vor ihm getreten ist. Ein Schönwettersegler in Zeiten schönen Wetters. Einer, der den Biedermann vor der Folie schamloser Klüngelei und Durchstecherei gab, der er letzlich selbst seinen Aufstieg verdankte. Als er schliesslich das Ziel seiner Anstrengungen erreicht und das höchste Staatsamt innehatte und nicht schlechter als andere vor ihm ausfüllte, war er zum Symbol einer vergangenen Zeit geworden, der seine Hilflosigkeit, sein Unverständnis, auch sein körperliches Unvermögen hinter Worten versteckte, weil er nichts mehr zu sagen hatte.

    Insofern ließe er sich auch als ein Symbol eines bundesrepublikanischen Politikbetriebs verstehen, der den veränderten Zeiten nicht mehr angemessen ist. Dass allerdings diese neuen Zeiten so sind, dass man sich nur mit Wehmut an die alten erinnert, ist leider auch Schuld derer, die seinerzeit diese Politik betrieben haben.

  6. 7. \N

    \N

  7. 8. wage

    Ein Politiker,der noch eine fundierte moralische Grundeinstellung hatte und diese zum Maßstab seines Handels machte. Der Konsens im Handeln wird in Zukunft ein Schlüssel zur Lösung unserer Probleme sein, vorausgesetzt Wirtschaft und Politik besinnen sich auf ihre Verantwortung für die Gesellschaft.

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  • Quelle ZEIT online 27.1.2006
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