dokumentation Geistiger Jägerzaun

Der Spießer ist das intolerante Gesicht der Normalität - und lebt von der Abgrenzung. Wer verbirgt sich hinter dem Spießer? Eine Analyse

Das Projekt Spießer - Ein Schwerpunkt

Das Projekt Spießer - Ein Schwerpunkt

Spießer machen uns das Leben schwer. Spießer verbieten immer irgendetwas, sie hassen alles Neue und oft auch schon das Ungewöhnliche, sie denunzieren uns bei der Polizei, sie bespitzeln unsere Kinder, sie leben hinter einem buchstäblichen oder geistigen Jägerzaun. Es fällt nicht schwer, täglich auf sie zu stoßen.

Aber was sind Spießer und warum sind sie welche? Zunächst einmal sind Spießer immer die Anderen. Selten bezeichnet sich einer selbst als Spießer, und wenn doch, dann ist wirklich äußerste Vorsicht geboten. Wer sich als Spießer deklariert, tut dies in aggressiver Absicht. Er will dem Vorwurf zuvorkommen und ihn gleichzeitig zurückspiegeln, er will sagen: Die anderen betrachten mich gewiss als Spießer, und daran, dass sie das tun, erkennt man schon, dass es verdächtige Typen sind, die gewiss bald eine Ordnungswidrigkeit begehen.

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>Mit anderen Worten: Der Spießer ruht nicht in sich selbst. Der Spießer ist immer schon gereizt. Der Spießer beruft sich zwar gerne darauf, die Mehrheit der Bevölkerung zu repräsentieren, das heißt, er beruft sich auf die gesellschaftliche Normalität, aber er stellt diese Normalität nicht im Ruhezustand, sondern im Alarmzustand dar. Der Spießer ist das intolerante Gesicht der Normalität. Er rechnet immer schon mit einer ärgerlichen Abweichung, das heißt, auch er braucht den Anderen.

Aber halt! War nicht eben noch der Spießer der Andere? Haben wir Nicht-Spießer nicht gerade mit gereiztem Zeigefinger auf den Spießer gezeigt? Wer ist nun wer? Weil das so schwer zu sagen ist, gibt es eine Theorie, wonach es gerade die Spießer selbst sind, die andere als Spießer bezeichnen. Der Vorwurf läuft in sich selbst zurück. Es handelt sich um einen beiderseitigen Exzess der selbstgerechten Feindbildkonstruktion, und das Selbstgerechte ebenso wie die Sucht nach Feindbildern könnte man just als das – nun eben Spießige bezeichnen.

Das Vexierbildhafte hat seinen historischen Grund. Das Bild des Spießers ist nämlich nicht aus Beobachtung entstanden. Es ist hergestellt worden, und zwar im wesentlichen von den Dichtern der Romantik, mit einem kleinen Vorlauf im 18. Jahrhundert schon unter den Dichtern des Sturm und Drang. Man sprach allerdings noch nicht von Spießern, sondern von Philistern, und dieser Ausdruck kam von den Studenten, die den Bürger so nannten, der keinen Sinn für ihre Späße hatte. Mit anderen Worten: Intellektuelle und Künstler haben sich den Spießer/Philister als Feindbild erkoren.

Es war ein Kampfbegriff, mit dem sich recht gut der Widerstand des Althergebrachten gegen moderne Ideen, gegen Kunst und Philosophie denunzieren ließ. Der Künstler, der keine Heimstatt in der bürgerlichen Gesellschaft fand, befreite seine Außenseiterolle vom Makel, indem er die Schuld daran auf den Normalbürger zurückrollte. Die Strategie war überaus erfolgreich. Das ganze intellektuelle 19. Jahrhundert feierte Exzesse der Spießerbeschimpfung. Sie wurde ein Klischee, das schließlich von den Spießern selbst übernommen und angewandt wurde.

Bis sie sich plötzlich, etwa um die Wende zum 20. Jahrhundert, eines Besseren besannen und den Respekt vor den Intellektuellen verloren. Sie entdeckten das Schwächliche, Lebensferne, der Natur Entfremdete an ihrem alten Feind. Sie hörten auf, ihn zu bewundern. Vor allem aber bemerkten sie, dass er in der Minderheit war, sie aber in der Mehrheit waren. Die Ausnahme erschien nicht mehr als Auszeichnung, sondern als Schaden.

Und so begann der große, oft mörderische antiintellektuelle Exzess des 20. Jahrhunderts, in dem sich links und rechts, Bolschewisten wie Faschisten, einig waren. Wohl versuchten sich immer wieder Intellektuelle in Panik an den Hals des Ungeheuers zu werfen, aber sie wurden alle abgeschüttelt und zertreten. Manche Intellektuelle versuchten sich sogar durch Antiintellektualismus zu tarnen, aber kaum einem ist es gelungen, sich dem Terror zu entziehen.

Das ist der düstere Hintergrund des heutigen Spießerbegriffs. Darum ist, bei aller Symmetrie der Ablehnung, das Verhältnis zwischen Spießern und Nichtspießern doch kein Symmetrisches. Die einen sind die Mehrheit, die anderen die Minderheit. Die Mehrheit kann, wenn sie will, die Minderheit tolerieren, die Minderheit ist aber darauf angewiesen, toleriert zu werden. Die Klage über den Spießer, mag sie auch manchmal selbstgerecht klingen, ist doch immer die Klage des Unterlegenen, der sich bedroht fühlt. Und nach Lage der Dinge ist das bevorzugte Opfer des Spießers noch immer der Intellektuelle – wegen seiner Sichtbarkeit. Alle Außenseiter sind gefährdet, aber der Intellektuelle stört öffentlich. Man muss sich den Intellektuellen in diesem Sinne übrigens nicht als Akademiker vorstellen, sondern nur als einen, der Fragen stellt. Der spanische Philosoph José Ortega y Gasset hat den Intellektuellen geradezu als einen Menschen definiert, der das Selbstverständliche in Frage stellt. Das Selbstverständliche aber ist die Heimat des Spießers.

 
Leser-Kommentare
  1. Spießer haben für mich ihren Lebensentwurf in Gießharz fixiert....

  2. Spießer, die rund um die Erdkugel wohl in allen Gesellschaften die Mehrheit bilden, haben Sekundärtugenden wie Ordung, Sauberkeit, Gehorsamkeit und Strebsamkeit oft bis ins Fanatische oder Pedantische verinnerlicht. Beim deutschen Spießer und seine gleichsam spießige Gattin manifestiert sich dies nur an anderen Symbolen und Merkmalen: nicht nur Jägerzaun, sondern auch Bildzeitung, Marschmusik und Schlager, Autowäsche, Angst vor Neuem und Fremdem, sinnlose Rituale, Selbstbejammerung und vieles andere, vor allem am permanenten Verzicht auf Lebendigkeit.

  3. Spiesser sind keine rein-deutsche Erfindung..es gibt sie ueberall und man sollte es nicht so hinstellen als ob man diese Mitmenschen nur in Deutschland findet..Ich schlage den Authoren des Artikels vor ein bischen mehr und weiter zu verreisen.

  4. Wenn ich Ihren Aussagen folge dann kann man nur in Unpuenktlichkeit,Unsauberkeit und Chaos so richtig lebendig sein..WOW...

  5. kb26919 - "Wenn ich Ihren Aussagen folge dann kann man nur in Unpuenktlichkeit,Unsauberkeit und Chaos so richtig lebendig sein..WOW..."

    Ich habe den leisen Verdacht, dass jemand, der eine Äußerung gleich ins Extreme verkehrt und dann mit dem extremen Gegenteil davon reagiert, noch kein Spießer sein muss, aber vielleicht dessen vereinfachte Weltvorstellungen und Denkweisen teilt. Merke: Ein Nichtspießer ist noch lange kein Chaot.

  6. Doch, des isch luschdig zu sehen, wie die intellektuellen ZEIT-Leser sich nach bester Väter Tradition bierernst gegenseitig beschimpfen, sobald das Reizwort "Spießer" gefallen ist. Welcome home in the kindergarten!

    Haben halt den Kleinbürger in sich noch nicht genügend überwunden, also so wird das nix mit der Revolution, gell!!

  7. Es scheint ihre mangelnde Anschlussfähigkeit ist tatsächlich kein Versehen, wie ich zunächst annahm, sondern Programm.
    Ein letztes Mal: Wer hat denn behauptet "Spiessertum wäre ein typisch deutsches Phänomen". Weder im Artikel selbst, noch in einem der dazugehörigen Kommentare steht dergleichen. Ihre gesamte Argumentation beginnt doch damit - entschuldigen sie die Deutlichkeit - im Nichts! Und da endet sie auch. Was nämlich ihre liberal anmutende, dem Vernehmen nach auf mein Schreiben bezogene Antwort angeht: Auch die hat nichts damit zu tun, was ich ihnen geschrieben habe. Es interessiert mich nicht wie sie sind. Einen Tip hätte ich allerdings für sie: Sie müssen einen Text lesen bevor sie sich auf ihn beziehen.

    Abermals freundlichst, der Wiesengrund.

  8. Ich werden diese Idioten Kolumne in Zukunft ignorieren - schulde doch niemandem eine Erklaerung wie mein Denken gestrickt ist...

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  • Quelle ZEIT online 6.2.2006
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