Gesundheitsreform Erste Kraftprobe

Wie sich die Pharmalobby gegen ein Gesetz zur Kostenkontrolle wehrt

Und. Die drei Buchstaben stehen für einen vertrackten Streit sowie für den ersten Versuch der Großen Koalition, einen Teil des deutschen Gesundheitswesens zu reformieren: die überschießenden Arzneimittelausgaben. Das Gesetz, das am kommenden Mittwoch im Gesundheitsausschuss des Bundestags abschließend verhandelt und schon im April wirksam werden soll, ist zwar mitnichten die große Reform , die Angela Merkel für dieses Jahr angekündigt hat. Eher ist es eine Fingerübung für die Abgeordneten von Union und SPD dafür, auf welche Weise sie sich späterhin einigen könnten. Aber es geht durchaus um etwas, nämlich um rund drei Milliarden Euro.

Um diese Summe sind die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Medikamente von Januar bis September 2005 gestiegen. Während alle anderen Ausgabenposten nur moderat um 3,3 Prozent zunahmen, wuchsen die Arzneimittelkosten um 19,1 Prozent. Sie machen fast neunzig Prozent des gesamten Kostenzuwachses des vergangenen Jahres aus. Inzwischen geben die Kassen mehr Geld für Medikamente aus als für die ärztliche Behandlung.

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Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte deshalb schon im Dezember einen Gesetzentwurf vorgelegt, mit dem die Kosten begrenzt werden sollen. Unter anderem will sie die Festbeträge für Generika, also günstige Nachahmerpräparate, senken und auf diese Weise einen Wettbewerb um niedrigere Preise einleiten. Stiege der Anteil der besonders günstigen Medikamente auf 20 Prozent, könnten die Krankenkassen 300 Millionen Euro im Jahr sparen, bei einem Anteil von 30 Prozent sogar 800 Millionen, das zumindest ist die Hoffnung.

Festbeträge gibt es schon seit 1989. Sie geben eine Höchstgrenze an, bis zu der die gesetzlichen Kassen die Ausgaben eines Patienten erstatten. Verlangt ein Hersteller einen höheren Preis, muss der Patient die Differenz dazugeben. Das war bisher allerdings selten der Fall, weil auch die Produzenten teurer Medikamente sich an den Festbeträgen orientieren, um keine Marktanteile zu verlieren. 

Doch die Tücke liegt wie immer im Detail. Beispielsweise im "und". In Paragraph 35 des Sozialgesetzbuchs V wird geregelt, für welche Medikamente die Festbeträge gelten. Und auch, für welche nicht, beispielsweise für "Arzneimittel mit patentgeschützten Wirkstoffen, deren Wirkungsweise neuartig ist und die eine therapeutische Verbesserung" bedeuten.  Im nun diskutierten Entwurf steht jedoch: "deren Wirkungsweise neuartig ist oder die eine therapeutische Verbesserung" bedeutet. Fragt man Mitglieder des Gesundheitsausschusses, will niemand diese Änderung. Wem hilft auch eine neuartige Wirkungsweise, wenn sie die Therapie einer Krankheit nicht verbessert? Nun, der Pharmaindustrie. Die nämlich könnte dann Arzneien teurer verkaufen, die zwar neu sind, deren bessere Wirkung aber nicht nachgewiesen ist.

Eine Lappalie, könnte man denken, die sich leicht ausräumen lässt. Hätte man es im Gesundheitswesen nicht mit mächtigen Mitspielern zu tun. Beispielsweise mit Arzneimittelherstellern, die einer Bundesregierung schon einmal ein Gesetz abkauften, dass zu ihren Ungunsten ausgefallen wäre. So geschehen 2002 , als die Pharmaindustrie den Krankenkassen 200 Millionen Euro überwies, nachdem die rot-grüne Regierung ihren Plan fallen gelassen hatte, die Medikamentenpreise per Ukas um vier Prozent zu senken.

Gerade verbesserte Arzneimittel, Analogpräparate und Neuentwicklungen haben den Kostenanstieg des vergangenen Jahres verursacht, sagt der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe. Oft sind diese Präparate jedoch nicht besser als eingeführte Mittel.

Leser-Kommentare
  1. 1. Schade

    aber die Politik scheint immer mehr erpressbar und immer weniger gewillt dem wirklich mit Mut und Willensstärke entgegen zu treten.

    Dies ist nur einmal mehr ein Beispiel dafür. Der Energiesektor und der mangelhafte Wille an einer ECHTEN Reform im Bereich Steuern und Renten zeigen auch dies mal wieder nur all zu deutlich.

    Und immer auf dem Rücken der Wähler. Für die eigenen Interessen und die der zahlungskräftigen Lobbyverbände wird gern mal ein Sturm im Wasserglas der Presse hingenommen. Wenn es um die wirklichen Interessen der Mehrheit und er Zukunft des Landes geht, wird nur dann was getan, wenn der Wähler sich nicht wehren kann. Ansonst wird ihm genau das selbe Verhalten unterstellt, welches unsere "Führungsstarken" Politiker selbst vorführen.

  2. 2. \N

    Der Artikel legt den Finger auf die Wunde.

    Es ist derzeit unklar, ob die erheblich gestiegenen Kosten für Medikamente tatsächlich in den meisten Fällen zu einer Therapieverbesserung geführt haben.

    Für die Therapie großer Volkskrankheiten werden neue Substanzen angeboten, die in Studien bessere Heilung in Aussicht stellen. Oft handelt es sich um Studien, die von den Pharma-Firmen durchgeführt oder gesponsort wurden.

    Unabhängige Studien können sich nicht Viele leisten.
    Im Bereich der Psychiatrie werden neue Substanzen vom Typ der SSRI und der atypischen Neuroleptika massiv beworben. Führende Lehrstuhlinhaber konnten hierfür gewonnen werden,
    unabhängige differentielle Urteil gibt es wenige. Wenn diese publiziert werden, z.B. in Form von Meta-Analysen, die nur einen partiellen oder geringen Vorteil atypischer NL in der Größenordnung von 10 % zeigen, treten sofort die bezahlten Protagonisten in Erscheinung und üben massive Kritik, so kürzlich in European Archives of Psychiatry und Clinical Neuroscience.

    In der Studie von Liebermann et al. fand sich kein entscheidender Vorteil der atypischen Neuroleptika vergleichen mit der älteren Vergleichssubstanz.

    Die Macht der Pharma-Lobby ist riesig. Sie mischt mit bei der Lehrstuhlbesetzung, finanziert die ärztlichen Weiterbildungen (CME-System), wo die neuen Substanzen beworben und günstig dargestellt werden. Der Service umfaßt offensichtlich auch die Lieferung von Manuskripten an die Protoagonisten, Publikationsgarantie in guten Journals eingeschlossen.

    Es gibt Kenner der Szene, die die Meinung vertreten, die großen deutschsprachigen Psychiatrie-Lehrstühle (z.B. München, Bonn, Wien) seien von der Pharma-Industrie unterwandert.

    • neodoc
    • 04.02.2006 um 16:09 Uhr

    Das Dilemma in der Auseinandersetzung um die Kosten von Medikamenten: wenn konsequent alle Wirtschaftlichkeitsreserven ausgeschöft werden, indem ausschließlich Generika verordnet werden, wenn grundsätzlich nur altbewährte Wirkstoffe eingesetzt werden, dann wird die (noch) forschende Industrie endgültig abgewürgt.
    Neben vielen Pseudoinnovationen vollzieht sich der Fortschritt doch nicht nur in großen Schritten, auch kleine Verbesserunen können für den Patienten spürbar sein (z.B. bessere Verträglichkeit bei gleicher Wirkung).
    Wenn Chirurgen momentan Schwierigkeiten haben, genügend Magenoperationen für ihren Facharzt zusammenzubekommen, dann liegt es eben auch an einer Innovation: an Medikamenten, die bei Magengeschwür in Kombination so wirksam sind, dass sich eben viele Operationen erübrigen !
    Wir wollen heute nicht mehr mit der "Medizin des letzten Jahrtausends" behandelt werden, sondern nach dem aktuellen Stand mediziinischen Wissens. Das ist legitim, es gehört auch zu den Berufspflichten des Arztes, aber es kostet auch Geld.
    Die Konsequenz ist, dass eine Kostenstabilität nur um den Preis zu haben ist, auf weite Teile des Fortschrittes verzichten zu müssen. Das hat schon W.Krämer in senem beachtenswerten Buch "Die Krankheit des Gesundheitswesens. Die Fortschrittsfalle der modernen Medizin" verdeutlicht.

    Anders ausgedrückt: wenn wir weiterhin einen Fortschritt in der Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten haben wollen, müssen wir höhere Kosten akzeptieren.
    Wünschen wir uns stabile Kosten, müssen wir Abstriche an der Qualität machen.

    D.Schmitz,Wolfsburg

  3. Es kann nicht verwundern, daß die Lobbyisten die Sache der Wirtschaft vertreten.
    Die Kostenexplosion hat aber doch damit zu tun, daß die manchmal krampfhaft bemühte Partnerschaft von Arzt und Patient, eine Mär ist – mehr nicht!
    Da aber der Standart-Patient wohl wissentlich dumm gehalten wird, keine Rechnung nie nicht, wird er für die von und durch ihn verursachten Kosten – hier Medikamente – nicht wirklich berührt. Denn nicht er, so mag es ihm erscheinen, die KASSE zahlt es doch!

    Die Fußtruppe der Industrie, die Kinkenputzer, rennen den Ärzten vermutlich immer noch die Bude ein. Was aber die den Halbgöttern in weiß als Neuestes Forschungsergebnis anpreisen, ist vermutlich oft alter Wein in neuen Schläuchen: Patentauslauf umsatzträchtiger Präparate;
    da m u ß was nachgelegt werden!
    So betrachtet sind Pharmareferenten, so nennen sich die Arzt-Besucher wohl, ganz überwiegend Umsatz-Pusher!
    Der Arzt, der sich zu Vorstudien neuer Mittel – mit seinen Patienten – einbringt, wird belohnt.
    Das kann in bar erfolgen; eventuell wird er aber auch zu einem 'hochwissenschaftlichen Symposium' eingeladen. Das Umfeld solcher Veranstaltungen zeichnet sich meistens durch ein gehobenes Ambiente aus. Und weil das Umfeld wichtig ist, wird man – mit Frau/Mann/Partnerin/Partner – eher nach Marbella oder Sylt einladen, als nach Wanne-Eickel oder Gifhorn.
    Was dann in der Summe als 'hohe Forschungskosten' verbucht wird, hat in anderen Branchen einen schlichteren Namen: PODUCT-PLACEMENT, PRODUCT-PROMOTION!

    Schade, der Normal-Patient, der all das bezahlt – weil auch das was 'der Staat' dazutut, dem Bürger/Patienten aus der Brieftasche genommen wurde – bleibt ahnungslos ...!

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