interview Wieso sind Konzerte so teuer?
Wie entdeckt man eine Band? Was tut die Plattenindustrie für den Nachwuchs? Warum sind MTV und Viva so tot? – Einige Fragen an Peter Cadera, einen erfahrenen deutschen Musikmanager
Peter Cadera, 53, begann seine Karriere Anfang der siebziger Jahre als Tourmanager in Köln. Nach Stationen als Product- und Promotion Manager bei der Emi Elektrola, Köln, und bei Polydor in London war er acht Jahre Director Artist & Repertoire und Prokurist bei Intercord in Stuttgart, wo er mit Pur, Right Said Fred und Depeche Mode zusammenarbeitete. Danach war er Geschäftsführer der Hamburger Plattenfirmen Castle Communications und PIAS Recordings. Seit 2003 ist er frei als Berater tätig und betreut Projekte für Edel AG in Hamburg und Alma Records, Toronto. Nebenher lehrt er Musikmanagement an der Donau-Universität in Krems, Österreich, und liefert Beiträge zu Musikfachbüchern und Radiosendungen.

Peter Cadera vor dem Hamburger Hafen
Kennen Sie die Top 3 der deutschen Single-Charts, und wie beurteilen Sie die Qualität dieser Hits?
Die Reihenfolge weiß ich nicht, aber dabei sind Xavier Naidoo, Madonna und Melanie C. Die neue Madonna-Single finde ich super, weil sie wieder einen neuen und dringend benötigten Stil geschaffen hat. Die Xavier-Naidoo-Single ist halt eine Xavier-Naidoo-Single. Der Mann hat in Deutschland eine ungebrochene Popularität und zählt momentan zu den bedeutendsten Künstlern. Die Singles vom Ex-Spicegirl Melanie C. finde ich immer gut, weil die Lieder schön poppig und auch die Videos gut gemacht sind.
Sie haben als A&R-Manager die deutsche Band Fettes Brot unter Vertrag genommen, die Fantastischen Vier jedoch abgelehnt. Woran erkennt man die Chancen einer Band, und wie kann man sich täuschen?
Die Fantastischen Vier waren eine der ersten Gruppen, die auf Deutsch zu rappen begannen. Einer von meinen Leuten hat damals davon Wind bekommen. Ich war danach bei einem Konzert in einer Stuttgarter Disko, wo die Fantas vor hundert Mann spielten, die größtenteils ihre eigenen Freunde waren. Der Auftritt und ihre Demobänder haben mich jedoch nicht sonderlich vom Hocker gehauen. Zudem forderten die Jungs extrem viel Geld für eine Band und eine Musikrichtung, die zu der Zeit nicht erprobt war. Ich fand das zu risikoreich. Die Fantastischen Vier gingen dann zu Sony und schafften mit der zweiten oder dritten Platte den Durchbruch. Eine Band zu unterschätzen, das passiert in meinem Job immer wieder. Aber solange man genug Erfolgreiches erkennt und unter Vertrag nimmt, kann man damit leben.
Als man uns die Band Fettes Brot anbot, war deutscher Rap schon populärer. Ihre Bänder überzeugten auf Anhieb und wir boten ihnen sofort einen Vertrag an. Bei meiner ersten Begegnung mit König Boris sagte er: „Peter, wir sind Bravo-kompatibel!“ Das hat mir imponiert, weil sie sich Gedanken über den Umgang mit einem Teenie-Medium machten. Das können nur wenige, wie Die Toten Hosen oder Die Ärzte seit Jahren beweisen. Ein wohlüberlegter Umgang mit diesem speziellen Medium bringt neue Kundschaft. Sehr viele andere Künstler, die sich für sehr glaubwürdig halten, wollen nichts mit der Bravo zu tun haben.
Erklären Sie mal ein Phänomen wie das Techno-Trio Scooter, das es seit zehn Jahren gibt und jetzt wieder auf Tour geht. Warum halten sich diese Musiker so beständig?
Das sind einfach die letzten Ritter des Hardcore-Techno-Pop. Sie holen auf ihre alten Tage Goldplatten und haben Nummer-Eins-Hits in Australien, England und Russland. Solange der Frontmann HP kein Problem damit hat, den Berufsjugendlichen zu geben, wird es sie noch lange geben. Wie die Rolling Stones! Die gehen jetzt auf die Siebzig zu, und es gibt keine Band, die auf Tour so viel Geld verdient. Die Stones machen das mit einer einmaligen und einzigartigen Souveränität. Auch The Who können es immer noch mit einer neuen Band wie den Strokes aufnehmen, wie sie beim Live 8-Konzert letztes Jahr bewiesen haben. Das ist nicht peinlich, wenn die auftreten. Duran Duran sind dagegen richtige Schlafpillen geworden.
Wie real ist das Klischee vom Produzenten, der sich in Karaokebars herumtreibt und Talente entdeckt? Schicken Nachwuchsbands wirklich noch Demobänder?
In Karaokebars gehe ich nicht. Klar findet man da mal jemanden, der gut singen kann. Aber es gibt zu viele Karaokebars, so viele Talentscouts gibt es gar nicht. Bei Edel Records bekomme ich täglich zehn bis zwanzig neue Demobänder und Künstlerangebote auf den Tisch. Die Wahrscheinlichkeit, in diesem Stapel etwas Gutes zu finden, gleicht der Stecknadelsuche im Heuhaufen, weil die meisten dieser Leute ihre Musik ungefiltert im Kinderzimmer, am Klavier oder im Proberaum aufnehmen. Deutlich verlässlicher sind Quellen wie befreundete Musiker, Musikverleger oder Produzenten.
- Datum 08.02.2006 - 12:28 Uhr
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- Quelle ZEIT online 7.2.2006
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über Umsatzeinbrüche in der Musikindustrie?
Mein Vorredner wavetable hat es auf den Punkt gebracht: entlarvend!
Was mich wundert, warum steht dieser Artikel unter der Überschrift: Wieso sind Konzerte so teuer?
Fehlt da ein Teil vom Interview oder gibt man sich mit der Antwort zufrieden, dass die Rolling Stones mit so einem gewaltigen Tross anrücken und der nun mal kostet.
Warum sind Konzerte auch von kleineren Bands so teuer?
Warum schnellen bei der gleichen Band die Eintrittspreise von 15 in 2-3 Jahren auf das Doppelte an? Obwohl sie nicht bekannter sind, nicht mehr Menschen hingehen, nicht mehr CDs verkauft werden?
Ist das vielleicht Marktwirtschaft? ;-)
Interessante Ambivalenz: Cadera findet die poppigen Top 3 der deutschen Charts gut und zieht nicht in Erwägung, durch junge Bands neue Impulse zu setzen. Zugleich empfiehlt er altklug den Radiostationen "nicht nur auf Einschaltquoten zu achten" damit man im Auto von Hamburg nach München auch mal was anderes zu hören bekommt als immer nur den Einheitsbrei seiner Plattenfirma.
Peter Cadera entspricht zu hundert Prozent dem Klischeebild eines typischen, in Schubladen denkenden Plattenfirmen-Menschen. Fraglich, ob er der richtige Gesprächspartner ist auf der Suche nach Antworten darauf, was die Plattenindustrie für den Nachwuchs tut.
Danke für dieses entlarvende Interview, ich habe herzlich gelacht! Wenn da fast im gleichen Atemzug einerseits kritisiert wird, dass heutige Musik zu brav wäre, andererseits aber offen zugegeben wird, dass es zumindest den Major-Labels zu riskant erscheint, neue, kreative Künstler aufzubauen und im Zweifel (?) auf tendentiell konservative, abgehalfterete, aber jedenfalls "getestete" Stars aus den Achtzigern oder früher zurückgegriffen wird, dann muss man sich schon an den Kopf fassen.
Ich glaube auch nicht, dass die Künstler schuld daran sind, dass es angeblich 150.000-200.000 Euro kostet, um jemanden aufzubauen; diese Suppe haben sich die Majorlabels IMHO selbst eingebrockt. An den Produktionskosten des Produkts selbst liegt es mal mit Sicherheit nicht, denn die sind seit Anfang der Neunziger rapide gefallen. Wobei natürlich die Frage zu stellen wäre, ob die Musik für Manager wie Cadera überhaupt das Schlüsselprodukt ist, welches uns verkauft werden soll.
Glaubwürdigkeit erlangt man bestimmt nicht dadurch, wenn man im Vorfeld abklärt, ob ein neuer Act Bravo-kompatibel ist oder nicht. Aber vermutlich *musste* dieser Konflikt früher oder später ausbrechen, denn nicht nur ich bin der Meinung, dass Musik/Lebensgefühl/Authentizität/Kunst mit Marktgesetzen nicht oder nur bedingt vereinbar ist.
Grüsse,
Tomas
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