Frankreich "Zu Hilfe, Voltaire"

Wie ein Verleger mit der Meinungsfreiheit umgeht: Weil er die Mohammed-Karikaturen aus Dänemark veröffentlichte, wurde der Chefredakteur von „France Soir“ entlassen

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Schon seit Monaten drohte dem Blatt die Zahlungsunfähigkeit, und den letzten Termin für die Vorlage eines Sanierungsplans hatten die Gerichte auf den 31. Januar datiert. Doch statt sich um die Notrettung seines Blattes zu kümmern, hat der Eigentümer der Boulevardzeitung France Soir jetzt in einem Akt von Selbstentleibung seinen Chefredakteur entlassen. Als einzige französische Zeitung hatte France Soir am Mittwoch die bereits in Dänemark heftig umstrittenen Karikaturen mit islamkritischen Motiven veröffentlicht. „Ja, man darf Gott karikieren“, lautete die Überschrift, die Chefredakteur Jacques Lefranc im besten Glauben an die Meinungsfreiheit über die zwölf Zeichnungen gesetzt hatte.

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Da ist der ägyptisch-französische Verleger Raymond Lakah aber anderer Meinung. „Aus Respekt vor den Glaubensrichtungen und den Überzeugungen eines jeden Individuums“, so seine Begründung, hat er sich gestern von seinem Chefredakteur getrennt. Zugleich veröffentlichte er eine Entschuldigung gegenüber der muslimischen Gemeinde in Frankreich.

Doch die Redaktionsmannschaft gibt nicht klein bei. In ihrer heutigen Ausgabe titeln sie „Zu Hilfe, Voltaire, sie sind verrückt geworden“ und fragen in einem Editorial, warum das Abbildungsverbot des Propheten auch für Nicht-Muslime gelten solle: „Kann man sich eine Gesellschaft vorstellen, in der man die Verbote aller Glaubensrichtungen zusammenaddiert? Was bleibt dann von der Meinungsfreiheit.“ Und die Antwort gibt das Blatt selber: „Wir kennen eine solche Gesellschaft: Es ist das Iran der Mullahs.“

Für große Verwunderung sorgt zudem, dass der Rektor der Großen Moschee von Paris nun Öl ins Feuer gießt. Bislang galt Dalil Boubakeur, der zugleich Präsident des Zentralrats der französischen Muslime ist, als eindeutig mäßigende Kraft, die jeden muslimischen Separatismus bekämpfte. Doch jetzt nennt der algerische Arzt die Karikaturen „eine schwere Provokation“ und sieht hinter ihrer Veröffentlichung „eine von Rassisten und Fremdenfeinden angezettelte Aktion.“ Als erste Reaktion aus den Maghreb-Staaten hat jetzt Marokko die Auslieferung von France Soir verboten.

Nicht erst seit den Vorstadt-Krawallen vom vergangenen November liegen die Nerven der muslimischen Gemeinde in Frankreich ziemlich bloß. Murrend hat man akzeptiert, dass die französische Regierung den libanesischen Hetz-Sender al-Manar aus dem französischen Satellitenprogramm verbannt hatte. Und vor kurzem war der bekannte schwarze Komiker Dieudonné wegen antisemitischer Äußerungen verklagt worden. Mit großer Sorge beobachten die Franzosen nun im aktuellen Karikaturen-Streit, dass mit dem Zentralrat der Muslime jene Kraft ausfällt, die bislang bei derartigen Konfrontationen für Besänftigung gesorgt hatte.

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  • Quelle ZEIT online, 2.2.2006
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