KarikaturenWer zeichnet böser?

Der Karikaturen-Streit nimmt immer bizarrere Formen an. Eine iranische Zeitung will nun einen Karikaturen-Wettbewerb ausschreiben – zum Thema Holocaust. von Veit Medik

Dieses Thema wird von den ZEIT online-Lesern intensiv diskutiert

Zerstörte Landesvertretungen, brennende Fahnen, Attacken auf ausländische Einrichtungen – materielle Zerstörungswut prägte bislang die muslimische Reaktion auf die Mohammed-Karikaturen. Glaubt man Farid Mortazavi, dem Grafiker der meistverkauften Zeitung Irans, Hamschahri , soll der Protest nun auch zum Stift greifen. Mortazavi kündigte an, dass seine Zeitung einen Karikatur-Wettbewerb plane, thematisch aber nicht etwa über den Propheten, über Jesus oder Dänemarks Milchprodukte, sondern: „Es wird ein internationaler Karikaturen-Wettbewerb über den Holocaust.“

Wie kommt eine Zeitung auf die Idee, den Konflikt zwischen der dänisch-europäischen Presse und islamistischen Propheten-Advokaten mit dem Holocaust zu verbinden? Sicher, nach Präsident Ahmadineschads wiederholten Relativierungen des Völkermords an den Juden scheint der Vorschlag alles andere als abwegig. Zumindest in Kreisen der zurzeit herrschenden politischen Elite besteht die Überzeugung, globale Probleme könnten immer auf einen jüdischen Ursprung zurückzuführen sein. Auch die Ankündigung einer Konferenz internationaler Holocaust-Leugner machte deutlich, dass antisemitische Propagandaoffensiven zum politischen Mainstream im Iran gehören.

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Ein anderes Motiv scheint aber nun hinzuzukommen. Den Westen mit seinen eigenen Waffen schlagen – das könnte das Motto dieser Initiative sein. In den Worten Mortazavis erkennt man den Wunsch nach einer wahren Meinungsfreiheit-Wettschlacht: „Die westlichen Zeitungen haben die frevlerischen Mohammed-Karikaturen auf der Grundlage der freien Meinungsäußerung gedruckt, jetzt lasst uns sehen, ob sie meinen, was sie sagen, und auch die Holocaust-Karikaturen drucken“, sagte er nach Angaben des arabischen TV-Senders al-Dschasira. Aus den Wettbewerbsteilnehmern sollen am Ende zwölf Gewinner gekürt werden – die dänische Zeitung Jyllands-Posten hatte im September letzten Jahres ebenfalls zwölf Karikaturen veröffentlicht. Als Belohnung winken den Siegern von „Privatpersonen“ gespendete Goldstücke.

Auch die Arab-European-League (AEL), eine in Belgien und Holland ansässige Organisation muslimischer Einwanderer, startete gestern eine Offensive, die in die gleiche Richtung abzielt. Die Organisation bezeichnet sich selbst als „moderate politische und soziale Bewegung“ und hat nach eigenen Angaben inzwischen rund 1.000 Mitglieder. „Nach den Lehrstunden, die Araber und Muslime von Europäern über Meinungsfreiheit und Toleranz erhalten haben, hat sich die AEL dazu entschieden, in das Cartoon-Geschäft einzusteigen, um ebenfalls das Recht auf freie Meinungsäußerung wahrzunehmen“, heißt es in einer Erklärung auf ihrer Website. Die Organisation wolle „systematisch waghalsige Karikaturen veröffentlichen“, um europäische Tabus zu brechen. „Da die Zeit reif ist, Tabus zu brechen und rote Linien zu überschreiten, wollen wir sicher nicht hinterherhinken“, begründete ein Sprecher der AEL das Vorhaben. Den Anfang bildeten Karikaturen, die Adolf Hitler mit Anne Frank im Bett zeigen, die Anzahl jüdischer Opfer in Auschwitz leugnen und die Hochzeit einer Frau mit einem Esel darstellen, unter dem Titel: „Nach der Schwulen-Ehe“.

Im Jahr 2004 war die AEL und besonders ihr Vorsitzender, Diab Abou Jahjah, in die Schlagzeilen geraten. Jahjah hatte sich damals in öffentlichen Diskussionen und in Internet-Foren teils heftige verbale Schlagabtausche mit dem später ermordeten holländischen Filmemacher Theo von Gogh geliefert, nachdem dieser ihn als „Zuhälter des Propheten“ bezeichnet hatte. Kurz nach dem 11. September 2001 hatte Jahjah im Zusammenhang mit den Anschlägen in den USA von einer „süße Rache“ gesprochen.

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