Dieses Thema wird von den ZEIT online-Lesern intensiv diskutiert

Das offizielle Amerika ist sich einig: Die Karikaturen hätten nicht gedruckt werden dürfen. Die Provokation einer religiösen Minderheit, ganz klar. Wäre in Amerika nicht passiert. Mal wieder ein transatlantischer Dissens. Nur diesmal mit verkehrten Rollen: Aus dem "alten Europa" stammen die Stimmen der Unnachgiebigen, die ihre Meinungsfreiheit gegen die Intoleranz verteidigen wollen. Aus der neuen Welt kommen jene, die Religionsfreiheit und Respekt vor Minderheiten betonen. © dpa; Montage: ZEIT online

In der Presse gibt es eine stille Übereinkunft: Die Cartoons werden nicht gezeigt. Nicht in der New York Times und nicht in der Washington Post , nicht in der Los Angeles Times und nicht in der Chicago Tribune . In Chicago trafen sich die Redakteure zu einer längeren Redaktionssitzung. Der Beschluss lautet: "Wir können den Lesern auch klarmachen, worum es geht, ohne die Zeichnungen zu zeigen." Ähnlich argumentiert das konservative Wall Street Journal : "Wir wollen nichts publizieren, das als aufhetzend empfunden werden könnte, wenn es nichts zur Geschichte beiträgt." In klarer Kritik an europäischen Zeitungen wie der ZEIT , die eine oder mehrere Zeichnungen nachdruckten, schreibt die Washington Post : "Keine ernsthafte amerikanische Zeitung würde Zeichnungen von Jesus in Auftrag geben, in denen es nur darum geht, Christen zu ärgern. Und wenn es doch geschähe, so wäre die Reaktion gewiss. Politiker würden sofort zum Kongress pilgern und ein Gewitter würde auf die Übeltäter niedergehen." Was in Dänemark geschah, findet die Post , sei Ergebnis des "religiösen Fundamentalismus, angeheizt durch politischen Fundamentalismus." Es scheint die Pressefreiheit gemeint zu sein. Ein bemerkenswerter Satz.

Das Fernsehen, obwohl angewiesen auf Bilder, reagiert ähnlich. Nichts zu sehen auf CBS, auf CNN nur ein verschwommenes Bild. Nur ABC hat eine der Karikaturen einige Sekunden lang gezeigt. Ein Sprecher des Senders rechtfertigt seinen Arbeitgeber so: "Wir konnten dem Publikum nicht wirklich erklären, worum es in der Kontroverse geht, ohne die Kontroverse zu zeigen."

Die Verblüffung der amerikanischen Journalisten über einen Teil ihrer europäischen Kollegen entspringt dem amerikanischen Verständnis von religiöser Toleranz. Das Land kennt keine Mehrheits-Religion. Es wurde als Staat der Sekten gegründet. Von allem Anfang an mussten alle Bewohner die religiösen Sitten aller anderen Bewohner tolerieren. Heute respektiert die Gesellschaft – Arbeitgeber wie Schulen – religiöse Feiertage aller Religionen. Ramadan spielt im christlichen Teil Amerikas eine größere Rolle als im christlichen Teil Deutschlands - obwohl der Anteil der Muslime in Amerika wesentlich kleiner ist. Ständig sehen sich Offizielle in multi-religiösen Städten wie New York dem Vorwurf der Benachteiligung einer oder mehrerer Gruppen ausgesetzt. Drum tun sie alles, religiöse Aufwallungen zu vermeiden. So erklärt sich der Streit, ob Weihnachten noch Weihnachten heißen darf. Eine entchristlichte Variante, eine "Feriensaison", würde jüdische und afro-amerikanische Feiertage einschließen. Schon heute steht neben Christbäumen vielfach die Menora, um religiöse Vielfalt auszudrücken.