In meinem Buch Die fremde Braut habe ich aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland berichtet, über Zwangsheirat, arrangierte Ehen und Frauen geschrieben, denen ihre Familien die elementarsten Rechte verweigern. Das Buch hat eine heftige öffentliche Diskussion ausgelöst, weil es gegen eines der bestgehüteten Tabus der türkischen Gemeinschaft verstieß – es machte das Schicksal der gekauften Bräute öffentlich, die mitten in Deutschland ein modernes Sklavendasein führen.

Jetzt werfen mir 60 Migrationsforscher aus Instituten in Hamburg, Köln und Bielefeld vor, ich hätte mit meinem Buch die Beachtung bekommen, die eigentlich ihnen zustehe. Kurios daran ist, dass gerade diese Kritiker aus der gut ausgestatteten Welt der öffentlich finanzierten Migrationsforschung kommen. Sie hätten in den vergangenen Jahrzehnten Zeit, Mittel und Gelegenheit gehabt, die Frage von Zwangsheirat, arrangierten Ehen, Ehrenmorden, Segregation und dem Islam zu untersuchen. Sie hätten die Fragen stellen können, die ich gestellt habe. Sie haben es nicht getan, weil solche Fragen nicht in ihr ideologisches Konzept des Mulitkulturalismus passte. Damit haben sie aber auch das Tabu akzeptiert und das Leid anderer zugelassen. Foto: Ronald Wittek dpa/lsw/lbn BILD

Die Unterzeichner bestreiten nicht die Existenz von Zwangsheiraten, sehen diese aber als eine Art “Heiratsmarkt“, der sich der europäischen Abschottungspolitik verdankt. Gibt es also keine Zwangsheirat in Anatolien? Hat Europa eine Bringschuld gegenüber Ländern, die der EU beitreten wollen? Oder ist es nicht umgekehrt so, dass bestimmte Bedingungen in diesen Ländern erfüllt sein müssen, bevor sie der EU beitreten können?

„Wenn es keine transparenten Möglichkeiten für Einwanderung gibt,„ so schreiben die Migrationsforscher, “nutzen die Auswanderungswilligen eben Schlupflöcher“. Das soll doch wohl heißen, die Europäer sind für die Menschrechtsverletzungen in Kurdistan und für den Zwang zur Ehe im Islam verantwortlich. Die Unterzeichner bestreiten keineswegs die Existenz von Ehrenmorden, doch „dafür gibt es bekanntlich Gesetze“. Für mich offenbart sich darin ein merkwürdiges Selbstverständnis der unterzeichnenden Migrationsforscher. Offensichtlich verstehen sie ihren Beitrag zu gesellschaftlicher Aufklärung und zur Integration nicht so, dass solche kriminellen Praktiken verhindert werden, sondern sie wollen sie bestenfalls „in ihrem Entstehungskontext“ erklären können. Da habe ich in der Tat ein anderes Verständnis von meiner Aufgabe als Migrationsforscherin. Ich möchte mit meinen Arbeiten zur Integration beitragen und habe deshalb auch keine Probleme damit, mit dem Innenminister der Bundesrepublik, dem Bundesamt für Migration und anderen Stellen zusammenzuarbeiten. Und wenn sie kritisieren, ich hätte „Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt“, dann empfehle ich Ihnen Werner Schiffauers Studie Die Migranten aus Subay , in der er anhand von acht Schicksalen über „die Türken in Deutschland“ Schlüsse zieht. Ein Standardwerk Migrationsforschung.

Nach Max Weber ist alles Handeln „Mittel zum Zweck“. Ich verstehe deshalb auch, dass sich die 60 Migrationsforscher die Mühe machen, einen Brief zu schreiben. Sie haben Angst um ihre Forschungsmittel, sie merken, dass sie nicht mehr unwidersprochen vom unaufhaltsamen Weg der Migranten in die Moderne schwätzen können, denn inzwischen hat auch der letzte Bürger, Politiker und Entscheidungsträger gemerkt, dass diese Institute der Integrationspolitik seit Jahren einen Bärendienst erweisen.

Für mich sind es gerade diese Migrationsforscher, die seit 30 Jahren für das Scheitern der Integrationspolitik verantwortlich sind. Die Politik hat viel zu lange auf sie gehört. Die Unterzeichner beanspruchen, sich „auf Erkenntnisse zu stützen“, die „auf rationale Weise gewonnen wurden“: auf den Tisch damit!