„Der Vorhang öffnete sich, er stand auf der Bühne – und schon dieses Stehen war Tanz.“ – Ich habe gelacht, als ich diese Beschreibung des Auftritts eines berühmten Tango-Tänzers hörte. Heute lache ich nicht mehr. Stattdessen sehne ich mich, sobald ich mich auf dem Parkett in die Arme eines Mannes begebe, nach diesem Augenblick des Innehaltens, des spannungsvollen Abwartens, in dem sich mitten im Musikstück ein Solist über jegliche Takte und Tempi hinwegsetzt und einen Ton ins Unendliche ausdehnt. Meist ist es das Bandoneon, dieses kleine Knopfakkordeon, das zunächst mit sanftem Druck und dann, auf den letzten Millimetern, mit roher Gewalt zusammengedrückt wird, um ihm noch ein letztes Seufzen und Ächzen zu entlocken, bis sich sein oft über 70 Jahre alter, in Thüringen hergestellter Blasebalg im Auseinanderziehen wieder mit Luft füllen darf. BILD

Die Rede ist vom Argentinischen Tango. Ich kenne keinen anderen Tanz, der so hingebungsvoll die Pausen zelebriert, keine andere Musik außer dem Jazz, die den Musikern so viel Freiheit zum Tempowechsel lässt. Nicht zufällig versuchen sich viele Jazzer früher oder später an Stücken von Astor Piazzolla, dem berühmtesten Komponisten moderner Tango-Musik.

Gewiss, es gibt die konservativen Tangos, deren Viervierteltakt verlässlich vom ersten bis zum letzten Takt marschiert. Es gibt die Milongas, eine Unterart der Tangos, die mit karibischer Leichtigkeit die schweren Bandoneons und strengen Geigen zu afrikanischen Rhythmen tanzen lassen. Es gibt den Tango-Pop, der sich elektronischer Instrumente bedient. Es gibt sogar den Tango-Walzer mit wiegendem Dreivierteltakt. All diese Formen des Tangos haben mit spannungsvollen Pausen nicht viel zu tun. Doch da gibt es ein paar Stücke, in denen der Wechsel von schneller Bewegung zu zögerndem Verharren den ganzen Reiz ausmacht. Und die sind es, die ich an diesem Tanz, an dieser Musik liebe.

Und ihre Weltläufigkeit: In venezianischen Hinterhöfen, in leeren Fabrikhallen in Buenos Aires, in norwegischen Studentenwohnheimen und in japanischen Tanzsalons bewegen sich allabendlich Menschen mit scheinbar traumwandlerischer Sicherheit zu dieser Musik über Parkett, glattgefegten Beton oder Linoleum – jeder, der ein paar Schritte des Argentinischen Tangos beherrscht, kann solche Orte im Internet finden und hinfahren.

Als ich zusammen mit meinem Partner Tango Argentino zu lernen begann, wollte ich all die schnellen Drehungen beherrschen, die auf der Bühne so gut aussehen. Jene Figuren, bei denen die Frau ihre Beine wie ein Klappmesser zwischen die Beine des Mannes hindurchschießen lässt, sodass man um seine Weichteile fürchten muss. Mich fasziniert das noch immer, vielleicht sogar mehr als früher, weil ich inzwischen weiß, dass solche Figuren nicht die Folge einer Absprache zwischen dem Tänzer und seiner Partnerin sind, sondern der Mann die Frau so führt, dass ihr gar nichts anderes übrig bleibt, als die Beine so kokett hochzuwerfen.

Doch nur ein Mann, der stehen bleiben und abwarten und sich ganz der Stille hingeben kann, ist für mich ein guter Tänzer.