Mein Leben mit Musik Ich tanze Tango
Nur ein Mann, der abwarten und sich ganz der Stille hingeben kann, ist ein guter Tänzer. Der mir das Gefühl geben kann, mich nur höchst ungern loszulassen. – Erfahrungsberichte aus dem tönenden Alltag (4)
„Der Vorhang öffnete sich, er stand auf der Bühne – und schon dieses Stehen war Tanz.“ – Ich habe gelacht, als ich diese Beschreibung des Auftritts eines berühmten Tango-Tänzers hörte. Heute lache ich nicht mehr. Stattdessen sehne ich mich, sobald ich mich auf dem Parkett in die Arme eines Mannes begebe, nach diesem Augenblick des Innehaltens, des spannungsvollen Abwartens, in dem sich mitten im Musikstück ein Solist über jegliche Takte und Tempi hinwegsetzt und einen Ton ins Unendliche ausdehnt. Meist ist es das Bandoneon, dieses kleine Knopfakkordeon, das zunächst mit sanftem Druck und dann, auf den letzten Millimetern, mit roher Gewalt zusammengedrückt wird, um ihm noch ein letztes Seufzen und Ächzen zu entlocken, bis sich sein oft über 70 Jahre alter, in Thüringen hergestellter Blasebalg im Auseinanderziehen wieder mit Luft füllen darf.
Die Rede ist vom Argentinischen Tango. Ich kenne keinen anderen Tanz, der so hingebungsvoll die Pausen zelebriert, keine andere Musik außer dem Jazz, die den Musikern so viel Freiheit zum Tempowechsel lässt. Nicht zufällig versuchen sich viele Jazzer früher oder später an Stücken von Astor Piazzolla, dem berühmtesten Komponisten moderner Tango-Musik.
Gewiss, es gibt die konservativen Tangos, deren Viervierteltakt verlässlich vom ersten bis zum letzten Takt marschiert. Es gibt die Milongas, eine Unterart der Tangos, die mit karibischer Leichtigkeit die schweren Bandoneons und strengen Geigen zu afrikanischen Rhythmen tanzen lassen. Es gibt den Tango-Pop, der sich elektronischer Instrumente bedient. Es gibt sogar den Tango-Walzer mit wiegendem Dreivierteltakt. All diese Formen des Tangos haben mit spannungsvollen Pausen nicht viel zu tun. Doch da gibt es ein paar Stücke, in denen der Wechsel von schneller Bewegung zu zögerndem Verharren den ganzen Reiz ausmacht. Und die sind es, die ich an diesem Tanz, an dieser Musik liebe.
Und ihre Weltläufigkeit: In venezianischen Hinterhöfen, in leeren Fabrikhallen in Buenos Aires, in norwegischen Studentenwohnheimen und in japanischen Tanzsalons bewegen sich allabendlich Menschen mit scheinbar traumwandlerischer Sicherheit zu dieser Musik über Parkett, glattgefegten Beton oder Linoleum – jeder, der ein paar Schritte des Argentinischen Tangos beherrscht, kann solche Orte im Internet finden und hinfahren.
Als ich zusammen mit meinem Partner Tango Argentino zu lernen begann, wollte ich all die schnellen Drehungen beherrschen, die auf der Bühne so gut aussehen. Jene Figuren, bei denen die Frau ihre Beine wie ein Klappmesser zwischen die Beine des Mannes hindurchschießen lässt, sodass man um seine Weichteile fürchten muss. Mich fasziniert das noch immer, vielleicht sogar mehr als früher, weil ich inzwischen weiß, dass solche Figuren nicht die Folge einer Absprache zwischen dem Tänzer und seiner Partnerin sind, sondern der Mann die Frau so führt, dass ihr gar nichts anderes übrig bleibt, als die Beine so kokett hochzuwerfen.
Doch nur ein Mann, der stehen bleiben und abwarten und sich ganz der Stille hingeben kann, ist für mich ein guter Tänzer.
Es gibt die Pausen, in denen ein Stück endet und das nächste noch nicht begonnen hat. Die lassen sich mit höflichem Small Talk überbrücken. Es gibt die unfreiwilligen Pausen, in denen nur ein abrupter Stopp eine Kollision auf überfüllter Tanzfläche verhindert. Es gibt die Pausen, in denen der Mann, dem allein die Führung obliegt, während die Frau sich ganz ihm und der Musik hingeben kann, den Faden verliert, weil ihm gerade Ideen für die weitere Choreografie fehlen – nicht so schön. Doch die Pausen, die ich meine, sind die voller Spannung, Erwartung und Sehnsucht.
Die Pausen, in denen die Musik erst langsamer wird und dann vielleicht für wenige Sekunden ganz schweigt, weil der Solist dem Klang seiner Töne noch nachspürt. Das ist die Gelegenheit, selbst den letzten Schritten nachzuspüren und einen Augenblick zu inszenieren, in dem die Zeit stehen bleibt.
Und die Momente kurz vor und kurz nach einem Stück. Die Sekunden, in denen er, sei es mein Partner oder ein völlig fremder Mann, mit seinem rechten Arm meinen Rücken umfängt (nicht die Hüfte, sondern den Bereich kurz unter den Schulterblättern) und mit seiner Linken meine rechte Hand ergreift. Ein schlechter Tänzer tut dies routiniert oder hastig und schreitet sofort drauflos. Ein guter Tänzer nimmt sich Zeit und verharrt einen Moment, um meine Muskulatur und Körperhaltung, vielleicht sogar meine Stimmung zu erspüren und sich darauf einzustellen. Genau so lange wartet er am Ende eines jeden Stückes, bevor er mich freigibt. Ein guter Tänzer gibt mir das Gefühl, mich nur höchst ungern loszulassen.
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- Datum 29.07.2008 - 15:43 Uhr
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- Quelle ZEIT online 5.2.2006
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Unglaublich schön und wahr. Danke.
eine einfühlsame Philosophie der Pausen, cortes und quebradas. Auch bei genauester entschiedenster Führung lasse ich meiner Tänzerin die Wahl zwischen dem Klappmesser und dem Fächer. Wir leben für den Tango und in ihm - und überleben die Pausen zwischen den Milongas.
Ein wundervoller Artikel der nicht nur von Gefühl, sondern auch von einer gehörigen Portion Mut, das Leben so zu leben wie man möchte, spricht. Gut ab!
Danke für das Kompliment.... eine Frau die sich diesem Gefühl hingeben und es so beschreiben kann sollte jeden Mann mit Stolz erfühlen. Und ihn veranlassen weiterhin sorgsam mit seiner Tänzerin umgehen. Frauen und Männer die Tango als eine Unterart von aerobic verstehen sollten ein entsprechendes Studio aufsuchen.
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