Mein Leben mit Musik Ich tanze TangoSeite 2/2

Es gibt die Pausen, in denen ein Stück endet und das nächste noch nicht begonnen hat. Die lassen sich mit höflichem Small Talk überbrücken. Es gibt die unfreiwilligen Pausen, in denen nur ein abrupter Stopp eine Kollision auf überfüllter Tanzfläche verhindert. Es gibt die Pausen, in denen der Mann, dem allein die Führung obliegt, während die Frau sich ganz ihm und der Musik hingeben kann, den Faden verliert, weil ihm gerade Ideen für die weitere Choreografie fehlen – nicht so schön. Doch die Pausen, die ich meine, sind die voller Spannung, Erwartung und Sehnsucht.

Die Pausen, in denen die Musik erst langsamer wird und dann vielleicht für wenige Sekunden ganz schweigt, weil der Solist dem Klang seiner Töne noch nachspürt. Das ist die Gelegenheit, selbst den letzten Schritten nachzuspüren und einen Augenblick zu inszenieren, in dem die Zeit stehen bleibt.

Und die Momente kurz vor und kurz nach einem Stück. Die Sekunden, in denen er, sei es mein Partner oder ein völlig fremder Mann, mit seinem rechten Arm meinen Rücken umfängt (nicht die Hüfte, sondern den Bereich kurz unter den Schulterblättern) und mit seiner Linken meine rechte Hand ergreift. Ein schlechter Tänzer tut dies routiniert oder hastig und schreitet sofort drauflos. Ein guter Tänzer nimmt sich Zeit und verharrt einen Moment, um meine Muskulatur und Körperhaltung, vielleicht sogar meine Stimmung zu erspüren und sich darauf einzustellen. Genau so lange wartet er am Ende eines jeden Stückes, bevor er mich freigibt. Ein guter Tänzer gibt mir das Gefühl, mich nur höchst ungern loszulassen.

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Leser-Kommentare
  1. 1. !

    Unglaublich schön und wahr. Danke.

  2. 2. \N

    eine einfühlsame Philosophie der Pausen, cortes und quebradas. Auch bei genauester entschiedenster Führung lasse ich meiner Tänzerin die Wahl zwischen dem Klappmesser und dem Fächer. Wir leben für den Tango und in ihm - und überleben die Pausen zwischen den Milongas.

  3. Ein wundervoller Artikel der nicht nur von Gefühl, sondern auch von einer gehörigen Portion Mut, das Leben so zu leben wie man möchte, spricht. Gut ab!

  4. Danke für das Kompliment.... eine Frau die sich diesem Gefühl hingeben und es so beschreiben kann sollte jeden Mann mit Stolz erfühlen. Und ihn veranlassen weiterhin sorgsam mit seiner Tänzerin umgehen. Frauen und Männer die Tango als eine Unterart von aerobic verstehen sollten ein entsprechendes Studio aufsuchen.

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  • Quelle ZEIT online 5.2.2006
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  • Schlagworte Musik | Tango | MIT | Solist | Thüringen | Buenos Aires
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