Presseschau Huntingtons Rückkehr
In deutschen Zeitungen wird der "Kampf der Kulturen" wieder aufgegriffen und kaum kritisiert. Adrian Pohr kommentiert das aktuelle Meinungsbild
Samuel Huntington macht wieder die Runde. Seine simplifizierende These des „Kampfes der Kulturen“ – Westen gegen Islam – wurde anscheinend durch die Terroranschläge von New York, Madrid und London gedeckt. Jetzt randalieren viele Araber gegen westliche Symbole, empört über die kritischen Mohammed-Karikaturen. Nicht wenige Kommentatoren greifen nun wieder Huntingtons apokalyptische Rhetorik auf.
Die Süddeutsche Zeitung bemerkt, dass Huntington dieser Tage „zum Propheten des neuen Zeitalters“ erhoben werde. Das Hamburger Abendblatt beschwört den „Kulturkampf“ herauf, in dem der Westen keinesfalls seine Werte preisgeben dürfe. Die Abendzeitung München verdächtigt die „Islamisten, denen jedes Mittel recht ist, sich Zulauf zu verschaffen“, den „’Kampf der Kulturen’ ganz bewusst schüren“ zu wollen. Die Bild-Zeitung spricht über die brennenden Fahnen als einem „Fanal“ und zieht die kulturelle Trennlinie auf sumpfigen Gelände: „Hier die aufgeklärten Gesellschaften des Westen, Menschenrechte, Toleranz und Freiheit – dort islamische Fanatiker, gelenkt von Regimes, die in westlichen Gesellschaften oft eine Bedrohung ihrer Macht sehen.“
Auch die konservative Rheinische Post sieht einen unüberwindbaren Spalt zwischen Islam und Westen: „Hier prallen nicht miteinander vereinbare Staats- und Religionsauffassungen aufeinander.“ Um das Bild noch zu verschlimmern: „Es droht eine lange, ernste Krise zwischen dem Islam und der frei denkenden und handelnden westlichen Welt.“ Selbst die einst gegenöffentliche taz benutzt im Leitartikel das Wort „Kulturkampf“ - ohne eine kritische Reflexion.
Die Westdeutsche Zeitung weiß sogar, wie dieser Kampf gewonnen wird – immerhin durch Mäßigung. Nur derjenige sei in einem „Kampf der Kulturen“ überlegen, der erst einmal überlege. Denn: „Allzu leicht erliegt man der Versuchung, sich von den hässlichen Bildern brennender Fahnen und Botschaften selbst radikalisieren zu lassen, statt souverän zu bleiben.“
Am Ende findet sich bei der konservativen Welt mit Tariq Ramadan eine Stimme, die sich gegen das Bild des Kulturkampfes wehrt: „Was im Herzen dieser Geschichte auf dem Spiel steht, ist, inwieweit die einen und die anderen frei und rational (gläubig oder atheistisch) sein können und - zugleich - vernünftig. Denn der Riß, der sich aufzutun scheint, verläuft nicht zwischen dem Westen und dem Islam, sondern zwischen denen, die - in beiden Universen - im Namen einer Religion und/oder einer vernünftigen Vernunft maßvoll erklären können, wer sie sind und für was sie stehen, und jenen, die von exklusiven Wahrheiten, blinden Leidenschaften, Vorurteilen und hastigen Schlußfolgerungen getrieben werden.“
- Datum 08.02.2006 - 12:28 Uhr
- Quelle ZEIT online 6.2.2006
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