Presseschau "Ja, aber"

Die europäischen Pressestimmen zu den Mohammed-Karikaturen pendeln zwischen Verständnis und Prinzipientreue. Alain-Xavier Wurst kommentiert das aktuelle Meinungsbild

Viele Muslime fühlen sich aufgrund der Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten in ihrem Glauben verhöhnt. Die Europäer sehen in dem Abdruck der Karikaturen vor allem einen Ausdruck von Meinungsfreiheit. Ewiger Kulturkampf, endloses Missverständnis? Kaum eine Zeitung europaweit, die sich heute mit diesem Thema nicht beschäftigt. Wie auch in Deutschland sind die Kommentare hin- und hergerissen, zwischen dem Recht auf Pressefreiheit und dem Verständnis für die wütende Reaktion vieler Moslems.

„Es war dumm, sie zu veröffentlichen, aber die Zeitung hat das Recht, dies zu tun,“ schreibt die Financial Times. „In einer Zeit wachsenden religiösen Glaubens und zunehmender Politisierung, müssen sich alle Religionen öffnen hin zu einem breiten Spektrum von Meinung und Analyse; Satire ist eine Form von Analyse,“ erklärt die FT. Der Guardian dagegen sieht die Angelegenheit nicht so einfach, man ist fast überrascht, dass eine britische Zeitungen die Meinungsfreiheit relativieren könnte: „Wie für andere Prinzipen ist die Meinungsfreiheit durch ihren Kontext gestaltet,“ schreibt der Guardian in seinem Leitartikel. „Es ist eine Sache zu behaupten, das Recht zu haben, Bilder vom Propheten zu veröffentlichen. (...) Es ist aber eine andere Sache, dieses Recht auf die Probe zu stellen, besonders wenn es viele Muslime verletzen würde.“ Zudem wäre es "auch nicht angemessen, beispielsweise eine anti-semititische Karikatur dieser Sorte zu publizieren, wie es in Nazi-Deutschland alltäglich war.“

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Die italienische Stampa brauchte keine derart übertriebenen Weckrufe, um ihre Verstimmung zu äußern: „Es ist schwer zu verstehen, was diejenigen sich gedacht haben, die diese den Islam und die Gefühle von Millionen von Männern und Frauen in der Welt verachtenden Karikaturen gezeichnet und veröffentlicht haben: Wollten sie die Leser zum Lachen zu bringen?“ fragt Enzo Bianchi. „Aber wie kann man darüber lachen, das Liebste eines anderen Menschen zu verletzen?“ La Repubblica dagegen beharrt auf der Pressefreiheit. „Im Namen der Freiheit müssen die Kommunikationsmittel frei sein, alle Nachrichten zu verbreiten, auch diejenigen, die den Mächtigen unbequem sind."

Alle großen Tageszeitungen Italiens haben die Zeichnungen veröffentlicht – und die Chefredakteure sind immer noch alle im Amt. Nicht so in Frankreich, wo die „Mohammed-Affäre“ an Brisanz gewonnen hat, nachdem der Chefredakteur von France-Soir gefeuert wurde, weil er die Bilder nachgedruckt hatte. Inzwischen hat auch Libération einige der Bilder publiziert.

Der Karikaturist von Le Monde hat seinerseits die Botschaft der 68er „Es ist verboten zu verbieten“ dem Thema angepasst. In ungewöhnlicher Breite steht auf der ersten Seite eine Mohammed-Figur, die nur aus Streifen besteht, die aus dem Satz „ich darf nicht Mohammed zeichnen“ gebildet werden. Wie im Fall des Guardians merkt man auch bei Le Monde eine zweideutige Haltung, gemäß dem Motto „Ja, aber.“ Erst erklärt uns die Zeitung, dass „wie bei Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie, die Meinungsfreiheit hier an ihre Grenze stößt, die von den Gesetzen und der Justiz bestimmt ist.“ Und sie erinnert daran, dass 2005 eine Werbekampagne für eine Kleidungsmarke verboten wurde, weil zwölf Frauen und ein Mann in erotischen Posen das Abendmahl von Da Vinci nachbildeten und Christen sich davon verletzt fühlten. Gleich danach aber: „Ein Muslim kann von einem Bild von Mohammed schockiert sein, vor allem wenn es boshaft gemeint ist. Aber eine Demokratie darf eine Meinungspolizei nicht einsetzen – es sei denn, um die Menschenrechte mit den Füßen zu treten.“ Eine klare Stellungnahme zu diesem Thema, nur drei Monate nach den Unruhen in den Banlieues, kommt bei der links-liberalen Zeitung offenbar noch zu früh.

Ehrlicher in ihrem Zweifel ist die Neue Zürcher Zeitung (NZZ): „Die Frage, ob die Zeichner der Zeitung Jyllands-Posten mit ihrem teils lustigen, teils plumpen Karikaturen die Würde des Propheten Mohammed und der Muslime tatsächlich, wie viele behaupten, verletzt haben, ist nicht leicht zu beantworten.“ Trotz der Ungeschicktheit der Bilder verweist die NZZ auf das, was der richtige Kampf sein sollte: „Auf arabisch-muslimischer Seite sind die Reaktionen maßlos ausgefallen. Sie stehen in keinem Verhältnis zu den Harmlosigkeiten der dänischen Karikaturisten. Wenn die arabischen Massen doch nur das starke Engagement aufbringen könnten bei der Verteidigung ihrer Grundrechte, die von ihren Regimen in nur allzu vielen Fällen mit Füßen getreten werden.“

In der Tat: Am Donnerstag stürmten Palästinenser das Büro der EU im Gaza-Streifen und heute demonstrierten hunderttausende Muslime weltweit gegen Mohammed-Karikaturen. „Wir könnten bald mit einer neuen Rushdie-Affäre konfrontiert werden – hoch drei“, warnt daher die Financial Times. Einige Parallelen lassen sich ziehen. Zuerst ein bescheidener Protest mit wenig Aufmerksamkeit, dann eine Hetzkampagne, mit Demonstrationen und Initiativen auf internationaler Ebene. Und am Ende entwickelt sich eine Art Wettbewerb, wer in der muslimischen Welt die schärfste Kritik äußert. Der Islamwissenschaftler Gilles Kepel erinnert in Libération an den politischen Kontext, in dem die Anti-Dänemark- und Anti-EU-Kampagne stattfinden: „Heute, nach dem Wahlsieg der Hamas, versuchen alle arabischen Staaten zu beweisen, dass sie die Ersten sind, um den Glauben zu verteidigen.“

 
Leser-Kommentare
  1. Hier treffen Hilflosigkeit, Wut und Unverständnis zweier Seiten zusammen und bilden einen Mix, der „normalen Umgang“ fast unmöglich macht. Und wer glaubt, es gehe nicht um Grundwerte, erliegt einem gefährlichen Irrtum. Dies kann man an spektakulären Ereignissen in Deutschland, die vom „Ehrenmord“ bis hin zur Abtreibung per Fußtritt reichen“ genauso ablesen, wie am Alltagsleben in muslimischen Ländern. Abwenden kann sich der Westen wegen seiner Ölabhängigkeit nicht. Es ist trotzdem an der Zeit, auch in Deutschland eine breite und offene Diskussion wie weit wir gehen müssen zu führen, bevor gesundes Volksempfinden, das Überhand gewinnt.

  2. In dem Maße, wie der Islam politische Ziele mit politischen Mitteln oder auch Gewalt verfolgt, ist er derselben kritschen Betrachtung und Debatte wie alle anderen politischen Bewegungen unterworfen. Nur weil seine Ideologie auf religiöser Doktrin beruht, darf er über Kritik nicht erhaben sein, auch wenn sie als anstößig empfunden wird. Die Reaktion diverser arabischer Innenminister zeigt, wie weit ihre Auffassungen von einem modernen, demokratischen Staatsverständnis entfernt sind. Ween jede politische Gruppe, die sich in ihrer Ehre verletzt fühlt, einen kollektiven Wutanfall bekäme und mit heiligem Krieg drohte, würde unsere Zivilisation zum Erliegen kommen.

    • OttoN
    • 05.02.2006 um 16:08 Uhr

    "NZZ am Sonntag" aus Zürich

    "Der entfesselte Mob zeigt seine verletzten religiösen Gefühle, indem er dänische Flaggen verbrennt, und die eingeschüchterten Kommentatoren versichern eilig, die Freiheit der Kunst und der Rede seien nur relative Werte. Das sind sie aber nicht. Es sind Grundwerte, die in jedem demokratischen Staat selbstverständlich sein müssen - und die es nicht nur aus 'würdigem' Anlass zu verteidigen gilt. Die Qualität der Karikaturen steht nicht zur Debatte. Satirische Angriffe auf religiöse Inhalte sind oft geschmacklos; doch die Zeiten, da sie verboten waren und ihre Urheber verfolgt wurden, liegen gottlob hinter uns. Diesen historischen Prozess hat der Islam noch vor sich. (...) Es geht nicht an, dass wir aus Furcht, Kalkül oder einem ominösen Kultur-Relativismus von unseren Grundwerten abrücken."

    Dem ist nichts hinzuzufügen.

    • xy137
    • 05.02.2006 um 10:52 Uhr

    Nichts fürchten totalitäre Ideologen so sehr wie den politischen Witz. Wer kennt sie nicht, die befreiende Wirkung des Lachens? Wer erst einmal herzlich über etwas gelacht hat, fühlt sich davon auch gleich etwas weniger bedroht. Das ist der Grund, warum diese Zeichnungen radikale Islamisten auf der gesamten Welt zur Weißglut treiben. Die Terrorplaner vom 11.9., von Madrid, London etc. wollen uns in Angst und Schrecken versetzen. Und was tun wir? Wir machen uns über sie lustig.

    • AlMaBu
    • 03.02.2006 um 22:23 Uhr

    Die Entrüstung der muslimischen Massen wird von undemokratischen Regimen orchestriert und ist somit im Sinne einer möglichen Beleidigung irrelevant. Kaum einer der Aufgeregten hat die Karrikaturen gesehen, es ist inzwischen eine wahre Massenpsychose, aber ist das unser Problem? Doch wohl eher nicht! Hunderte kommen durch Behördenpannen und Schlampereien bei der Hadsch, der Pilgerfahrt mach Mekka um, kein Grund zum Protest! Vermutlich über Tausend ertrinken beim Untergang eines Seelenverkäufers im Roten Meer, Protest? Nada! Selbstmordattentäter die Muslime töten, Protest? Ach, lassen wir das... Diese "Schweinefleischfressenden Ungläubigen Dänischen Hunde" sind es, die Protest auslösen. Fakt ist: Für Inszenierungen muss man sich wahrhaftig nicht entschuldigen, ausser man ist Claudia Roth. Aber vielleicht ist dies ein mediales Vorspiel auf die USA-Israel-EU / Iran-Konfrontation die ja angeblich im März kulminieren soll.

  3. Diese Krawalle wegen der Karikaturen hat laengst alles Mass verloren.Wenn man bedenkt dass in vielen muslimischen Laendern die Wirtschaft am Boden ist,Arbeitslosigkeit,Armut und fehlen jeder Perspektive den Tag beherrschen dann muss man sich ueber die angewandte Gewalt und Energie doch wundern und fragen warum wird diese Kraft nicht fuer was Produktives benutzt? Oder verlangt das mehr als nur Muskelkraft und was anderes kann man nicht.Ich werde den Verdacht nicht los dass dieses ganze Palaver von anderen Notstaenden ablenken soll.

  4. Wenn jetzt die Regierungen in den Laendern wo die Leute auf die Strassen randalieren und behaupten man haette ihre Religion beleidigt in Zukunft alle Hilfszahlungen aus Europa,wo die 'Schweinefleisch-Fresser'leben und so eine verwerfliche Kultur haben,ablehnen DANN koennen sie mich ueberzeugen dass diese Krawalle nicht politisch motiviert und angestachelt wurden.Aber sie werden auch trotz der Karikaturen weiterhin gerne vom EURO-Tropf Gelder einkassieren.

    • Anonym
    • 05.02.2006 um 9:06 Uhr

    Was war dumm? Die Karikatueren zu veroeffentlichen?

    Stoert das die Boerse??

    Es ist laengst an der Zeit, dass die muslimische Welt sich mit ihrer Haltung zur Gewalt, Selbstmordattentaten, Unterdrueckung anderer Meinungen auseinandersetzt!

    Alles, was ich von dort vernehme, ist Geschrei, Gejohle, Anklage an den Westen.

    Ein Muslim, der an Allah glaubt, kann nichts falsch machen, denn er glaubt ja an den wahren Gott!

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  • Quelle ZEIT online, 3.2.2006
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