Projekt Spiesser Leben wie ein EisbrecherSeite 2/2

Nur Jugendliche haben ein Recht darauf. In dieser Phase der Selbstfindung sind Selbstüberhöhungen, Allmachtsfantasien und ein gewisser Lebensstilfaschismus von der Natur offenbar zwingend vorgesehen. Aus dem Mund einer dreißigjährigen oder noch älteren Person dagegen wirkt der Spießervorwurf nicht besonders aufgeweckt. In diesem Alter hat man normalerweise begriffen, wie wandelbar die Vorstellung vom richtigen Leben ist, wie vielen bewussten und unbewussten Einflüssen wir ausgesetzt sind, wie dumm es ist, stolz zu sein auf das, was man zufällig geworden ist oder zufällig tut oder zufällig glaubt und dass schon morgen der gehäkelte Autolenkradschoner oder die Mitwirkung in einer Volkstanzgruppe der, wie wir Fünfziger-Jahre-Typen gern sagen, letzte Schrei sein kann. Denn das sind die Spielregeln des modernen Kapitalismus. Alles fließt, vor allem das Stilgefühl.

Aber was ist zum Beispiel mit den Hausmeistern, die wie Schäferhunde darauf achten, dass jeder in ihrem Reich sich an die fucking Regeln hält, egal, ob jemand sich gestört fühlt oder nicht? Was ist mit den Damen, die in Schwaben jede Woche das Treppenhaus auf korrekte Ausführung der Kehrwoche überprüfen? Was ist mit den Typen, die, besonders oft in Berlin, lieber einen Unfall bauen, als auf die Vorfahrt zu verzichten?

Diese Leute gehören meiner Ansicht nach in die gleiche Begriffs-Schublade wie Menschen, die spät in der Nacht laute Techno-Musik hören, wie fanatische Nichtraucher oder rücksichtslose Raucher, wie Vegetarier oder Grünteetrinker, die jedem Fleischesser oder Weinliebhaber Bekehrungsvorträge halten. Diese Leute sind nicht geschmeidig. Ihre soziale Intelligenz ist schwach entwickelt. Sie durchfahren das Leben wie ein Eisbrecher, mit Krawumm immer geradeaus, den eigenen Prinzipien hinterher, die sie niemals in Frage stellen, getragen von dem unerschütterlichen Gefühl des Rechthabens. Sie sind Rechthaber.

Meinetwegen können Sie diese Leute auch Spießer nennen, obwohl ich es falsch finde. Ich möchte, gerade in diesem Punkt, kein Rechthaber sein.

Ein Aquarium hatte ich schon als Kind. Mit dem Schrebergarten aber war es so, dass im vergangenen Sommer die Berliner Stadtmagazine meldeten: „Schrebergärten galten früher als spießig. Neuerdings gelten Schrebergärten bei den Opinion Leaders und in der Lifestyleszene als heiß, trendy, geil und hip.“

Da hatten wir den Garten bereits seit drei Jahren. Du brauchst nur einfach ruhig am Ufer des Lebens sitzen zu bleiben. Alles, was du tust, treibt irgendwann als Trend an dir vorüber.

 
Leser-Kommentare
  1. Wunderbar, Ihre Glosse. Bin ganz Ihrer Meinung, sehr geehrter Herr Martenstein. Freue mich auf mehr. In diesem Sinne, Grüße, Gert Feltes, Düsseldorf

  2. ... und ganz besonders der letzte Satz.

  3. Lebensstilfaschismus-wunderbarer Ausdruck!!Und zwar gerade wenn es sich um die Klientel ahndelt, die sich den Antifaschismus auf die Fahne geschrieben haben.

  4. 4. \N

    Na ja.. Toleranz zu leben wird vom Autor auf eigenartige Weise interpretiert.

    Der Kontext Vegetarismus, Teetrinken und Nichtrauchen entspringt übelsten Schubladen.

    Auch finde ich den Vergleich unpassend, denn viele Menschen sehen den Umstand, dass der Mensch Tiere gefangenhält um sie zu töten und zu essen, und dies obwohl der Mensch physiologisch nicht zur Ernährung mit Fleisch gezwungen ist, als unmoralisch und unethisch an. Eine andere Liga als Rauchen/Nichtrauchen, Tee/Weintrinken.

    Der Autor versucht vielmehr, den Individualismus aufgrund eigener Erfahrung abzuwerten (Patchwork-Lifestyle aufgrund der Unabänderlichkeit des "Schonmal dagewesenem") und dieses Destillat des eigenen Lifestyles auf gleiche Stufe mit demjenigen aller anderen (Un-)Individualisten zu stellen.

    Er irrt. Nicht jeder der den Lebensstil des Anderen nicht gut findet ist ein Spiesser, es gibt viele Menschen mit anderen Interessen als Interieur (Aquarium), Mobilität (cooler Oldtimer) und Freizeit (Erdbeerfeld/Schrebergarten; 3 Jahre bevor´s alle cool fanden angeschafft, das ist dem Autor eine Erwähnung wert). Der Mensch, das zoon politicon, ist Nichts ohne den Menschen. Und nur im Austausch untereinander kann er sich entwickeln. Spiessig fände ich, mit dem offensichtlichen Anderssein (des Selbst und der Anderen) nicht zurechtzukommen.

    • shs
    • 17.02.2006 um 10:28 Uhr

    Erst einmal: Das ist eine sehr schöne Glosse! Inhaltlich ist das Gesellschaftsphänomen jedoch gar nicht mehr so brisant. Ich selbst bin Schwabe und erinnere mich sehr gut an die scharfen Regeln und die Nachbarn, die ununterbrochen an ihren Vorhängen zupfen um nachzusehen, was die üblichen Verdächtigen so treiben. Später bin ich dann nach Köln gezogen und die größere Stadt bringt auch mehr Freiheit und Anonymität mit sich. Aber das wahre Gesicht der Anonymität ist: Egal! Ich wohne in einem 12-Parteien-Haus in der Kölner Innenstadt, in dem niemand den anderen kennt. Der Zustand des Treppenhauses interessiert niemanden. Der Sondermüll (Farben, Lacke, Elektroschrott, ...) wird einfach in die Tonne gehauen und so wird auch mal ein Computer-Monitor in die Mülltonne gepresst. Und so weiter. Ich will sagen: Spießer oder nicht ist doch gar nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass die Menschen ihren Lebensstil frei leben und dabei auf die Mitmenschen und die Umwelt achten. Kurz: Dass nicht alles egal ist!

  5. herrjeh... die herrschaften kommentatoren sind ja außer sich. betroffener hund bellt, was?! was für eine bizarre aufführung. sich gerade nach einer solchen kolumne noch besonders ernst zu nehmen, seine kleine mickymausidee für ein universum zu halten, welches für den fortbestand der menschheit von enormer wichtigkeit wäre... welcher karikaturist ist es denn, der sich diese figuren ausdenkt? ich finde spießer köstlich. und veganer auch. tiere jedoch: für mich nur mit soße.

    • iceman
    • 14.02.2006 um 17:11 Uhr

    Ein Spannungsverhältnis zwischen Avantgarde und dem daraus entstehenden Mainstream (=Spießertum) gibt es, seit es Menschen gibt:
    Trends Gegentrends; Konquista Rekonquista;
    Päpste Gegenpäpste; Nationalismus Multikulti;
    Multikulti hoffentlich bald so etwas wie "Neo-Rationalismus".

    In der Arena des Welttheaters stehen sich der Spießer und der Held gegenüber.

    Der Spießer ist der mit dem verengten Weltbild, dem tiefen Tunnelblick.
    Er existiert in der Figur des selbstzufriedenen
    Häuslebauers, der Couch-Kartoffel oder des Vereinsmeiers. Er dümpelt im ethnisch zentrierten "mir-san-mir" dahin - aber auch im seicht-libertären Fahrwasser des:
    "Wat dem een sien Uhl, is däm anern sien Nachtigall".
    Es gibt also eine breite Variation an Spießern.

    Der Held hingegen ist die personifizierte self-fulfilling prophecy.
    Er/sie (auch "es": Lassie, Donald Duck) ist Visionär, Gründungsfigur, Mythos, Leitstern oder Antipode in einem. Der Held ist interessanter als der Spießer, weil er seltener vorkommt. Auch er wechselt häufig die Gestalt.
    Es gibt ihn in "tragisch", "komisch", "gescheitert", als Lichtgestalt oder Schreckgespenst der Weltgeschichte.
    Die Bandbreite des Helden reicht vom Religionsgründer, minderjährigen Tenniswunder oder der asiatischen Pop-Ikone, bis hin zum Grabmahl des unbekannten versoffenen Altkommunisten oder dem sich selbst fenestrierenden Schlagersänger. Das heldenhafte ist das EXTREME.

    Der Spießer hat eine statistisch höhere Lebenserwartung, dem Helden wird schon mal in die Brust oder in den Kopf geschossen.
    Während der Spießer Energiesparlampen benutzt, brennt die Kerze des Helden an beiden Enden.

    Stellen sich zwei Fragen (für den Spießer!):

    a. Was bin ich, Held oder Spießer?
    b. Brauchen wir neue Helden?

    Antwort zu a. Ich wär gern der Held, aber ... na ja.
    Antwort zu b. Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!

  6. Der Autor hat das Wesen des Spießertums nicht verstanden. Spießertum ist nicht das fehlen sozialer Intelligenz, sondern deren kleinlich-egoistische Anwendung.

    Spießig ist nicht der Querulant und Prinzipientreiter, der
    sich überall unbeliebt macht, spießig sind all die Konformisten, die sehr gut begriffen haben, welches die im jeweiligen Moment gerade herrschenden "Trends" sind und dabei vor allem eines nicht ertragen: Wenn andere den ganzen Zirkus einfach nur ignorieren wollen.

    Spießer sind diejenigen, die immer und überall den Gruppendruck herstellen; nichts macht sie so agressiv wie wenn irgendjemand in ihrer Umgebung sich unabhängig verhalten möchte.

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