AFRIKA Da staunen die Mzungus

Wie geht man aus in Uganda? Schauen wir mal nach im Half London, einem der populärsten Clubs des Landes: Es gibt Gospels, es wird gekreischt und gebaggert, und DJ Howard hofft auf Fortschritt durch Musik. – Lesen Sie unsere Reportage und hören Sie, wie’s klingt

Der Musiker Chameleon. Hören Sie durch einen Klick aufs Bild ins Half London hinein: Musik aus dem Club und DJ Howard im Interview

Der Musiker Chameleon. Hören Sie durch einen Klick aufs Bild ins Half London hinein: Musik aus dem Club und DJ Howard im Interview

Sie lächeln sich verschwörerisch an: die Mzungus – das sind die mit der weißen Haut. Viele gibt es hier nicht davon. Vielleicht sind es 6 Mzungus unter 1.000 Clubgästen. Mich eingeschlossen. Manche übersetzen das Wort Mzungu als „Europäer“ oder „Weißer“, andere als „Idiot“. Wahrscheinlich stimmt alles ein bisschen. Ein Mzungu mit Basecap läuft an mir vorbei und schaut mich an, als gehörten wir zusammen – bloß, weil wir beide weiß sind. Ich kenne ihn aber nicht. Ich bin mit James, Ben und Charles hier, keine Mzungus, Ugander. Howard steht an den Turntables.

Wir sind im Half London, einem der populärsten Clubs in Ugandas Hauptstadt Kampala. Berühmt ist er wegen des Baums. In Berlin stünde so ein Exemplar im Botanischen Garten, hier windet sich die Bar drumherum. Cocktails hinter Borke. Die Dancehall-Bässe wummern von rechts, HipHop kämpft dagegen an, von links. Howard legt für die größere Menschenmenge auf, zweimal die Woche.

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Er ist 25 Jahre alt und am Tage Student, Informatik. Aber die Musik war eigentlich schon immer da – seine Karriere begann, als er 15 war. Damals stand er noch hinter dem Mikro. Später wechselte er an die Plattenspieler. Auf dem Podest stehend, den Kopfhörer an einem Ohr, die Hand auf der Rille. Ein DJ-Klischee aus Fleisch und Blut, alle schauen zu ihm auf, bewundernd. Es bekommt nur kleines Geld, aber die Frauen fahren ab auf ihn.

Der Club wird voller und voller, alle treten sich auf die Füße, schwitzen, trinken und haben Spaß. Alkohol ist woanders billiger – im Club mit Baum kostet ein Bier zwei Dollar, ein Cocktail vier oder sogar fünf. Ein Betrunkener stolpert in unsere Runde, entschuldigt sich und lallt mich an: „I love you!“ Ja, ja, schon klar. Irgendwann ist alles nur noch Sprachenbrei. Englisch, Luganda und Kisuaheli, alles in einem Song.

Meine Luganda-Sprachkenntnisse beschränken sich auf die Worte: „Ki kati!“ Das heißt „Hallo“. Englisch ist die Amtssprache, die seit dem Ende der Kolonialisierung 1962 blieb. Luganda ist die Sprache, mit der die Kinder in Uganda aufwachsen. Die Sprache der Baganda, eines ostafrikanischen Volkes. Und Kisuaheli dient der Verständigung über die innerafrikanischen Grenzen hinweg. Eine Sprache für Tansania, Kenia und Uganda. Sie ist die Handelssprache der ostafrikanischen Gemeinschaft.

Niemand im Half London steht unbeteiligt mit einem Getränk herum, um andere zu beobachten. Es gibt schließlich genug zu tun: tanzen, anbaggern, trinken, den Weg zum Klo finden, singen oder gleich knutschen und fummeln. Die Filmmusik dazu ist die Musik Gottes. Gospel wird in Uganda nicht nur in den Kirchen gespielt, er läuft auch in den Clubs: Praise the lord! Jesus loves you!

Ich stehe zehn Meter von der Toilette entfernt – hin zu kommen dauert zehn Minuten. Keiner entschuldigt sich, wenn er anderen auf die Füße tritt. Jemand schüttet Bier über die Menge, niemand schimpft. Es ist, als wollte Uganda beweisen, wie vollendet es dem afrikanischen Klischee entspricht: laut, chaotisch, unhöflich. Dabei locker, heiß, lustig und entspannt. Die Nacht gibt alles. DJ Howard auch. Er legt einen Charthit auf. Die Menge kreischt und zuckt.

Das Intro klingt, als hätte jemand eine einzige Taste auf seiner Heimorgel angetippt. Bing, bing, bing. Das könnte auch die Anfangsmelodie einer afrikanischen Vorabendserie sein. Aber dann fängt Chameleon an zu singen, und sogar meine europäischen Ohren freuen sich über Jamila .

Der Song wurde nominiert, Uganda in den gesamtafrikanischen Charts zu repräsentieren. Das Lied handelt von Jamila, die von ihrem Mann verprügelt wird. Er wirft ihre Sachen aus dem Fenster, schreit sie an. Chameleons Stimme klingt, als würde er über die große Liebe singen.

Howard glaubt, dass ein Lied wie dieses etwas verändert. Endlich denke jemand über die Jamilas nach, nicht nur in Uganda, in ganz Afrika. Die Jamilas würden langsam als Opfer gesehen, nicht als Schuldige, die ihren Mann in den Wahnsinn getrieben haben. Wenigstens in der Hauptstadt Kampala und den anderen großen Städten. Auf den Dörfern bleibe alles beim Alten, erstmal.

Chameleon ist einer der erfolgreichsten Sänger in Uganda, wenn es darum geht, über Unangenehmes zu singen, über Aids, Armut, und den Bürgerkrieg im Norden. Die Tanzenden verehren den Sänger. Sie reißen ihre Hände hoch und singen mit. Jeder kennt Jamilas Geschichte. Es bleibt ein Gefühl von Afrika. Probleme gibt es, wir müssen darüber reden, aber dabei kann man ja auch tanzen…

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