berlinale Snow Cake
Einfühlsames Drama um eine Autistin, von der man viel lernen kann
Kritik: Es gibt Themen, die von Natur aus so düster und schwer klingen, dass man es sich eigentlich nicht vorstellen kann, dass ein Film darüber auch unterhaltsam oder stellenweise sogar lustig sein könnte. Doch Regisseur Marc Evans beweist, dass es möglich ist: seine Linda ist eine großartige Persönlichkeit, von der Alex wichtige Lektionen für sein eigenes Leben lernt
Sigourney Weaver und Alan Rickman sind eine hervorragende Besetzung für die beiden Hauptrollen des Films. Völlig überzeugend versenkt sich Sigourney Weaver in ihre Rolle der Autistin Linda, die in ihrer eigenen kleinen Welt lebt, in der nur ihre Gesetze gelten. Sie ist extrem pedantisch und sauber; sie erträgt es nicht, wenn ein anderer Mensch ihre Küche betritt. Alan Rickman spielt diesen anderen Menschen, der wider Willen in Lindas Reich gerät und nicht mehr hinausfindet. Eigentlich ist er auf dem Weg nach Winipeg, um dort mehr über seinen toten Sohn zu erfahren, den er nie kennen gelernt hat, aber um den er immer noch trauert. Als Vivienne stirbt, muss er zum zweiten Mal trauern. Das verbindet ihn mit Viviennes Mutter, der Autistin, die ihre Gefühle krankheitsbedingt nicht zeigen kann.
Marc Evans gelingt in seinem Film ein schwieriger Balanceakt zwischen dramatischen, lustigen und befreienden Momenten, was alles andere als einfach ist. Da hüpft etwa Linda ausgelassen auf ihrem Trampolin oder isst Schnee, was bei ihr ein euphorisches Glücksgefühl auslöst. Diese Beispiele hat Drehbuchautorin Angela Pell nicht etwa erfunden. Sie selbst hat einen autistischen Sohn, der diese Vorlieben besitzt, und der sie zum Schreiben des Buchs inspirierte. Am Ende des Films wird Alex weiterfahren, aber er hat sich geändert. Er hat die unbedingte Sympathie eines Menschen erfahren, vor dem er sich nicht rechtfertigen musste, der an das Gute in ihm bedingungslos glaubte. So kann er seine Schuldgefühle und seine inneren Dämonen überwinden.
Evans hat großartiges Szenen gefunden, um die überbordende Phantasie Lindas zu zeigen: so spielen die beiden etwa „Scrabble“, aber nach Lindas ganz eigenen Regeln: es gelten Comicsprache und erfundene Worte, zu denen man eine eigene Geschichte erzählen kann. Linda wächst über sich hinaus. Sie erzählt voller Begeisterung über die Selbstbefreiung eines Menschen aus seiner Gefangenschaft, die mit dem Wort „dazlious“ endet, das er ganz leise vor sich hinhaucht.
Linda tanzt sich frei auf der Trauerfeier ihrer Tochter, und im Tanzen gelingt es ihr, Vivienne auf wundersame Weise nahe zu sein. Ganz am Ende wird Alex weiterfahren nach Winipeg. Nicht ohne vorher seine alte Brille abzusetzen, sich eine coole Sonnenbrille auf die Stirn zu setzen und leise und verheißungsvoll „dazlious“ zu murmeln. Ein Zauberspruch für den, der daran glaubt.
Nana A.T. Rebhan
- Datum 15.02.2006 - 12:29 Uhr
- Quelle arte 10.2.2006
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