Echolot Sex bis zum Sprühregen
Diese Woche in unserer Musikpresseschau: der Klangveteran Jean-Jacques Perrey, der Jazz in New Orleans, der Erfolg von Pink Floyd, der Rhythm and Blues von Jamie Foxx sowie die Elton-John-Bearbeitung von Tortoise und Bonnie Prince Billy
The Amazing New Electric Pop Sound Of Jean Jacques Perrey hielt 1968, was sein Titel versprach: ein kindlich-verspieltes Experimentieren mit elektronisch generiertem Ausgangsmaterial. Jean-Jacques Perrey , der Schöpfer dieser merkwürdigen Weisen, war beim Avantgarde-Komponisten Pierre Schaeffer in die Lehre gegangen. Von dessen Strenge trennten ihn jedoch Welten. Während Schaeffer in den späten vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die musique concrète begründete, gefiel sich Perrey als musikalischer Clown, der den Klängen der Avantgarde ein Lächeln verpasste. Putzig anzusehende Roboter zierten seine Alben, intergalaktische Weiten lauerten hinter den auf dem Moog-Synthesizer gespielten Melodien. Die Titel sprachen für sich: The Mexican Cactus , The Little Girl From Mars oder The Minuet Of The Robots . Als Space Age Pop begründete seine Kunst ein neues Genre.
Perrey arbeitete mit Tonbändern. Seine Klangschleifen - heute spräche man von Loops - waren handgeknüpft. Das Sampling war noch nicht erfunden.
Der Meister geht mittlerweile auf die achtzig zu, und noch immer macht er Musik. Auf seiner Webseite sieht man ihn an der Seite von Dana Countryman im weißen Kittel: zwei Forscher im Klanglabor. Im Frühjahr soll ein neues Album erscheinen.
Auf dem gerade zu Ende gegangenen Club Transmediale Festival in Berlin gab der weißhaarige Elektropionier sein deutsches Konzertdebüt. "Er kam im goldenen Anzug auf die Bühne und orgelte das Publikum ins Glück", schreibt Andreas Hoffmann in der taz . Hoffmann hat das Konzert besucht und sich mit Perrey über Vergangenheit und Gegenwart der elektronischen Musik unterhalten .
Perrey hat im Laufe der vergangenen 50 Jahre viele Nachgeborene beeinflusst. Englische Bands wie Stereolab oder Broadcast nennen ihn als wichtigen Einfluss, aber auch HipHop-Größen wie Gang Starr oder Ice-T , die in den neunziger Jahren Teile seines Stückes "E.V.A." aus dem Jahre 1970 sampelten. Es ist die späte Ehrung eines Musikers, der in seinem Heimatland immer noch als Geheimtipp gilt. Obwohl französische Musiker wie Jean-Benoît Dunckel und Nicolas Godin alias Air nicht müde werden, die Kompositionen ihres Vorgängers zu preisen. Mit Cosmic Bird haben sie ihm eine Hommage erwiesen.
Das Konzert in Berlin gehorchte einem rührenden Szenario, "wie Perrey im viel zu großen Goldanzug vor eine Menge trat, die den Anspruch Perreys, Menschen mit seiner Musik glücklich zu machen, geradezu verinnerlicht zu haben schien. Es herrschte geradezu Spaßzwang, und bereits vor dem Auftritt wurden seltsame Polonaise-artige Gruppentänze aufgeführt. Perrey hielt sein Maskottchen in die Höhe, einen zerknautschten gelben Stoffelefanten, und legte gemeinsam mit Dana Countryman los. Oder besser gesagt: ließ loslegen. Denn schon bald stellte sich heraus, dass die Ondoline auch fröhlich zwitscherte, wenn Perrey mal wieder den Einsatz verpasst hatte: die hochkomplexe Spaßmusik von Perrey, na ja, sie kam größtenteils vom Band."
Im Gespräch schwelgt der 76-Jährige in Erinnerungen an illustre Zeitgenossen: an den Science-Fiction-Autor Ray Bradbury , den Literaten und Filmemacher Jean Cocteau und die Chanson-Sängerin Edith Piaf . Alle hätten sie ihn ermutigt, sich selbst treu zu bleiben und seinen ungewöhnlichen Stil zu bewahren. Pierre Schaeffer habe ihm gezeigt, "wie man Loops macht" und sei gleichwohl wenig begeistert gewesen von Perreys Verzicht auf den letzten Ernst. "Wenn du humorvolle elektronische Musik machen willst, wirst du damit keinen Erfolg haben." So täuschen sich selbst große Meister hin und wieder.
Was amerikanische Musiker über die Folgen des Hurrikans Katrina denken, war schon auf ZEIT Online zu lesen. Christian Bröcking hatte sich mit einigen Jazzern kurz nach der Katastrophe unterhalten .
Jonathan Fischer ist einige Monate später in die Krisenregion gereist. Unter der Überschrift "Tanzen, um nicht zu weinen" spürt er in der NZZ neuen Initiativen und Stiftungen nach, die sich der Pflege des musikalischen Erbes von New Orleans gewidmet haben.
Die Tipitina's Foundation verschafft obdachlos gewordenen Musikern ein Zuhause und auch neue Instrumente. An der Gleichgültigkeit der Stadt dem Jazz gegenüber habe sich trotzdem wenig verändert. New Orleans bringe Jahr für Jahr "Dutzende hochtalentierte Nachwuchsmusiker hervor, die sie erst anerkennt, nachdem sie in der Fremde zu Ruhm gelangt sind. So erging es bereits Louis Armstrong oder Mahalia Jackson - beides musikalische Alchimisten, die kollektiven Schmerz in ekstatische Musik umzusetzen verstanden, indem sie den Blues zum Tanzen brachten."
Irvin Mayfield habe in diesem Geist All The Saints geschrieben, "eine Jazz-Suite, die der Trompeter mit seinem 17-köpfigen Orchester gerade in der örtlichen Christ Church Cathedral uraufgeführt hat." Nach dem Auftritt zog Mayfield zusammen mit dem Trompeter-Kollegen Kermit Ruffins und der Young Tuxedo Brass Band durch die Stadt. Für Mayfield sei bereits die erste dieser Paraden nach dem Sturm Katrina eine Offenbarung gewesen. "Als die Bläser Standards wie Lil'Liza Jane oder We Shall Not Be Moved in die von ausrangierten Kühlschränken, Hausrat und Schutt gesäumten Straßen schmetterten, habe er tiefer als je zuvor die Essenz der Musik seiner Heimatstadt begriffen: Dancing To Keep From Crying " - Tanzen, um nicht zu weinen.
Ordentlich die Verkaufszahlen angekurbelt haben die für einen Auftritt wiedervereinten englischen Bomast-Liebhaber Pink Floyd im vergangenen Jahr. Live8 bescherte Waters und Co kurzzeitig Steigerungsraten von mehreren hundert Prozent. Von einer wirklichen Wiedervereinigung blieb die musikalische Öffentlichkeit glücklicherweise verschont. Im Gespräch mit Welt -Mitarbeiter Josef Engels erweist sich Pink-Floyd-Schlagzeuger Nick Mason als Fan der britischen Gitarrenhoffnung Arctic Monkeys . Diese Band sei eine der Bands, die in die Fußstapfen von Pink Floyd treten könnte. Den Hang zum Eskapismus, den man seiner eigenen Band immer vorgeworfen hat, verteidigt Mason rückblickend. "Obwohl wir sehr eng mit der Psychedelic-Bewegung und dem Londoner Untergrund verbunden waren, hatten wir eine nur sehr geringe politische Motivation. Wir wollten eine Rockband sein."
Mit einer ganzen Reihe peinlicher Versuche von Schauspielern, sich als Musiker einen Namen zu machen, beschäftigt sich Uwe Schmitt in der Welt . Jüngstes Beispiel sei Jamie Foxx . Der folge Hollywoood-Größen wie Eddie Murphy , Don Johnson oder Bruce Willis. Im Unterschied zu diesen habe er allerdings Erfolg. Mehr als 1,5 Millionen Mal habe sich seine unter Rhythm & Blues firmierende CD innerhalb eines Monats verkauft - wozu auch die illustren Gäste der CD beigetragen haben mögen. Neben Snoop Dog und Kayne West hat Foxx Mary J. Blige für sein Album gewinnen können. Künstlerische betrachtet ist das Ergebnis eher bescheiden. "Es hätte viel schlimmer kommen können" zähle - so Uwe Schmitt - noch zu den besseren Kritikerurteilen. Alle Stücke handelten von Sex. "Foxx will Sex an allen denkbaren Orten (Bäder bevorzugt), in allen erprobten Stellungen, mit allen gängigen Metaphern (hübsch etwa der Sprühregen aus der Scham in Storm - je nach der Version, für die ganze Familie sprachgereinigt oder mit dem Qualitätssiegel Strong Language/Sexual Content versehen."
Der Versuch anspruchsvoller Musiker, Stücke von Elton John, Bruce Springsteen und einigen anderen in eine neue Form zu bringen, erscheint avantgardistisch im Vergleich dazu. Vor allem, wenn es Bonnie Prince Billy und Tortoise sind, die bislang nicht gerade als Elton-John-Fans in Erscheinung traten. Auf dem Album The Brave And The Bold ( Domino/Rough Trade ) bearbeiten der Cowboy und die Experimentierer allerlei Fremdkompositionen. Herausgekommen ist ein großartiges Album. Dies findet jedenfalls Ulrich Rüdenauer in der FR . Das Elton-John-Stück Daniel verdeutliche die Herangehensweise des Projektes am besten. Während Daniel bei Elton John "in einem Flugzeug gen Spanien davonschwirrt, wird er nun bei Tortoise/Bonnie Prince Billy in einer knarrenden Maschine durchgerüttelt und von einem Mann besungen, auf dessen Stimmbändern sich die Narben finden lassen, die auch bei Elton Johns Titelhelden nicht heilen wollen: 'Do You Still Feel The Pain Of The Scars That Won't Heal' , wimmert Will Oldham herzzerreißend, während die Band den Gesang basslastig grundiert und mit einem rostig-schnarrenden Quietschen begleitet. Vom Original ist diese Version so weit entfernt, dass sie Nähe herstellt - eine Nähe, die einem angesichts des schmalztriefenden Images von Elton John gar nicht mehr möglich schien."
- Datum 15.02.2006 - 12:29 Uhr
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- Quelle ZEIT online 13.2.2006
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