FILM 003½ für 007

Harry Palmer war der aufmüpfige Spion aus der Arbeiterklasse. Michel Caine spielte ihn 1965 in "The Ipcress File" und gab eine künstlerische Alternative zu James Bond. Doch er versank in den Archiven. Dabei hätte er das Zeug, den zunehmend ratlosen Agenten seiner Majestät zu retten

Kein Bond-Girl, kein Skript: Der Stern, der bislang über der Produktion des 21. James-Bond-Films Casino Royale leuchtete, scheint kein günstiger zu sein. Während die Dreharbeiten mit Daniel Craig als sechstem 007 Anfang des Monats in Prag begannen, stand noch nicht einmal die übrige Besetzung fest, derweil sich Autor und Produzenten das offenbar unfertige Drehbuch hin- und herschoben.

Sind dies Zeichen der Ratlosigkeit, wie ein weithin erschöpftes Genre am Leben erhalten werden kann? Die Filme sind mit Stunts, Tricks und Pyrotechnik hochgezüchtet und längst zum gigantischen Franchise-Vehikel mutiert. Die erfolgreichste Film-Serie aller Zeiten sucht die Zukunft in der Vergangenheit. Doch Regisseur Martin Campbell kündigt den jüngsten Film als "düsterer, mit mehr Charakter, weniger Gadgets" an. Ihm dient der erste Bond-Thriller, Casino Royale von 1953, als Vorlage. Mit dem erweckte der britische Schriftsteller Ian Fleming den Agenten mit der "Lizenz zum Töten" und einer Vorliebe für Martinis einst zum Leben.

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Wie schon in frühen Bond-Jahren die künstlerische Alternative aussah, ließ sich zuletzt im Kino des Britischen Filminstituts in London anschauen, wo ein wenig bekannter Leinwand-Agent gefeiert wurde: Palmer, Harry Palmer. Gespielt von Michael Caine hatte er 1965 seinen ersten Auftritt in The Ipcress File (der deutsche Verleihtitel lautete Ipcress - Streng geheim ), den es nun in neuer Film- und mittlerweile auch in würdiger DVD-Fassung gibt.

Palmer, die Erfindung des Autors Len Deighton, war - bis auf die Schwäche für Frauen - der komplette Anti-Bond: Er stammte aus der Arbeiterklasse, man hörte ihm die niedere Herkunft am Akzent an, er war ohne seine dicken, schwarzumrandeten Brillengläser halbblind, ein Sergeant (und kein Commander), aufmüpfig, sarkastisch, gegen Autoritäten und Establishment eingestellt, ein Mann, der - shocking! - selbst kochte und im Supermarkt damals so exquisite Dinge wie Dosenchampignons einkaufte.

Auf den ersten Blick war Palmer ein klassischer Niemand. In der Romanvorlage hatte der Spion wider Willen noch nicht einmal einen Namen. Den dachten sich erst Hauptdarsteller Caine und Produzent Harry Saltzman gemeinsam aus: Harry Palmer. Die langweiligste Kombination, die ihnen einfiel.

Bemerkenswerterweise war es fast das halbe Bond -Team, das The Ipcress File drehte. Neben dem Produzentengespann Saltzman und Albert Broccoli komponierte John Barry, Erfinder der Bond-Titelmusik, den großartigen Soundtrack . Der in den 1930er Jahren aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflohene Berliner Ken Adam, bei Bond sonst für die futuristischen Sets zuständig, entwarf die Kulissen. Adam machte der Kontrast zu Bond sichtlich Spaß: So platzierte er den britischen Inlandsgeheimdienstchef vor einer hohen, leeren Fensterfront an einem kargen Schreibtisch, daneben stellte er ein Feldbett auf - alles meilenweit entfernt von bondmäßigen Geheimdrehtüren und blinkenden Weltkarten.

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    • Quelle ZEIT online, 15.2.2006
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