Kolumne Angie, spring!

Das verlangen auch all jene von der Kanzlerin, die eine klare Entscheidung von ihr sofort kritisieren würden – wenn auch aus den gegensätzlichsten Gründen

Die deutsche Öffentlichkeit, hervorragend vertreten durch uns Journalisten, erscheint derzeit wie eine Menschenmenge, die um ein leeres Schwimmbecken steht und zuschaut, wie eine Frau zögernd auf dem Zehnmeter-Brett steht. "Nun spring doch!", rufen sie alle. Aber wenn sie es täte, würden alle Zuschauer sagen: "Das wusste man doch, dass dies schief gehen musste!" Doch sobald man anfängt, über die Gründe zu reden, versteht keiner mehr den anderen.

Nun spring’ doch, Angie!, hört man allerorten. Ja, außenpolitisch ist sie gut. Aber wo bleibt der feste Durchgriff in der Innenpolitik? Jeder will, dass sich etwas tut; aber möglichst so, dass sich für ihn nichts ändert. Und wehe, die Regierung fällt eine klare Entscheidung! Dann ist gleich die größere Hälfte der Wähler dagegen, obwohl doch eigentlich die Hälften wenigstens gleich groß sein müssten.

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Doch wer beschuldigen will, sollte wenigstens die Lage der Handelnden (oder Zögernden) verstehen. Also: Diese große Koalition ist zustande gekommen, weil wir Wähler als Masse niemandem ein eindeutiges Mandat geben wollten. Wir selber sind es, die kein entschiedenes Handeln wollten. Das ist übrigens der Unterschied zur ersten Großen Koalition von 1966 bis 1969. Damals kam die Elefantenhochzeit nicht wegen eines aus der jeweils anderen Sicht verkorksten Wahlergebnisses zustande. Sondern – nach einem Wahlsieg der liberal-konservativen Koalition aus Union und FDP ein Jahr zuvor – weil die Beteiligten innerlich davon überzeugt waren, eine Neuausrichtung sei notwendig. Und weil dies selbst der Union so wichtig erschien, dass sie dafür sogar eine Regierungsbeteiligung der bis dahin verteufelten Sozialdemokraten in Kauf nahm.

Dieses Mal aber taten sich zwei Lahme zusammen. Die SPD-Granden waren durch ihre Partei gelähmt worden, die Spitzenkandidatin Angela Merkel durch das Ausbleiben der schon als sicher vereinnahmt geglaubten Wähler paralysiert.

Gestaltungsmehrheit oder Verzögerungsbündnis, dynamische oder statische Große Koalition – das war von Anfang an die Frage. Nun ist ein scheinbar statischer Block daraus geworden. Das, obwohl schon die ruppige Verlängerung der Lebensarbeitszeit von 65 auf 67 Jahre alles andere als unbedeutend ist, ebenso die Föderalismus-Einigung. Gleichwohl hat beides die SPD fast überfordert.

Leser-Kommentare
    • SMunk
    • 20.02.2006 um 19:26 Uhr
    1. Angst

    Die Bundestagswahl hat dieses Ergebnis gezeitigt, weil sich die Menschen vor den tiefgreifenden Veränderungen, die unabweisbar anstehen, fürchten und mit einer Kopf-in-den- Sand-Mentalität jeder politischen Richtung einen eindeutigen Auftrag verweigert haben.
    Aus meiner Sicht zeigen sich aber wenigestens die Akteure der großen Koalition, die hoffentlich niemand bewußt wollte, den Herausforderungen gewachsen.
    Beide Seiten suchen nach akzeptablen Lösungen für große Probleme wie Demografie, Wirtschaft, Gesudheitswesen etc. wobei aber derjenige, der deutlich die größeren Härten für alle Bürger beschwört auf längere Sicht den schwarzen Peter haben wird. Die Menschen begreifen nicht, dass jeder einzelne von uns die Pflicht hat an den aktuellen Problemen durch eigene Beiträge zu Lösungen beizutragen. Unsere Schwierigkeiten sind nicht die einer politischen Klasse sondern der Gesamtgesellschaft.

  1. Aus dem Artikel ist ja Besorgnis herauszulesen! Nun haben wir diesen tollen "Überflieger" Merkel und - nichts passiert! Die Arbeitslosigkeit ist unverändert. Die Bedrohungslage ungleich höher als in Alt-Kanzler Gerhard Schröders Regierungszeit, geschuldet der unverantwortlichen "Säbel-Rasselei" mit Merkels Lieblings-"Politiker" Bush. Diese "Kanzlerin" ignoriert ganz einfach die Innenpolitik -und die Bürger sind langsam bitterböse erwacht. Das deutsche Volk ist leidensfähig und löffelt verzweifelt an der selbst eingebrockten Suppe, vor allem die, die sich nicht erwehren können. Der Rest redet sich die Lage schön und ist nicht gewillt endlich laut genug TATEN einzufordern!

    Zornige Grüße aus Berlin

    • jost68
    • 21.02.2006 um 14:49 Uhr

    Erstaunlich ist schon, wie sich die Bewertung der Bundespolitik in den Medien verändert hat.
    Selbst als "Gegner" von Schröder muss man anerkennen, dass er etwas bewegen wollte. Trotzdem wurde er von der Presse stets scharf kritisiert, dass seine Schritte nicht groß genug und die Einschnitte nicht tief genug seien.
    Merkel wird nun erstaunlicherweise dafür gelobt, dass sie genau diese großen Schritte nicht macht. Vorsichtig sei sie eben.
    Auch das ständige Schielen auf die nächsten Landtagswahlen war ein Kritikpunkt an der Schröderschen Regierung.
    Die Zurückhaltung Merkels wird nun erstaunlicherweise damit begründet, dass sie natürlich(!) die nächsten Wahlen im Blick haben müsse.
    Erstaunlich auch, dass im Moment Politik von den SPD-Ministern gestaltet wird, die dafür dann aber "Prügel" beziehen.
    Verkehrte Welt. Da habe ich mir von der Wahl etwas anderes erwartet.

    • fpeter
    • 20.02.2006 um 14:35 Uhr

    Die Sprechblasen machen andere:

    Der zweite Leser-Kommentar (Bienban) zeigt, wie überaus treffend sowohl Robert Leichts Artikel wie auch der erste Leser-Kommentar (dunnhaupt) sind. Die deutsche Sprechblasen-Gemeinde ist auf Angela Merkel nicht gut zu sprechen, da die Kanzlerin dankenswerterweise dieser Gemeinde nicht angehört. Dies ist der kleine feine Unterschied zur Situation der vergangenen Jahre.

    80% der Deutschen genießen derzeit eine Kanzlerin mit Format! Der deutsche Wähler und Bürger wird sich Mühe geben müssen, vergleichbares Format zu beweisen? Einige Möglichkeiten dazu bieten sich demnächst.

  2. Wer im Herbst ernten will, muss im Frühjahr säen. Um dem Hic Rhodus... und fools... blabla etwas hinzuzufügen. Dummerweise, erntet man lieber als das man sät. Genauso blöd ist, dass der Acker Deutschland fast nur noch abgeerntete Stoppelfelder aufweisst. Was nützen denn die kleinen vorsichtigen Schritte über Brachland, wenn sie nicht zum Traktor führen, mit dem dann mal richtig geackert wird?

    Genug der Sprechblasen, ich hoffe, dass, nachdem sich Fr. Merkel Zeit genommen hat (einen Regierungsapparat zu bedienen muss man lernen) und die Außenpolitik als Testpilot für einen originären zielgerichteten Regierungstil erfolgreich genutzt hat, die Landtagswahlen im März nicht als Entschuldigung missbraucht werden, um den Stillstand in der Innenpolitik zu rechtfertigen.

    Tempus fugit, sage ich dazu nur, und Deutschland verdient eine bessere Regierung als das Wahlvolk entschieden hat.

  3. Wir wissen doch, daß Merkel nicht gesprungen ist. Noch nicht einmal vom Drei-Meter-Brett. Sie kann es nicht. Sie kann nur kleine Schritte. Auch wissen wir, daß sie dazu neigt, zu haspeln, zu stottern und zu stolpern. Als Kanzlerin ist sie bisher weitgehend 'abgetaucht' geblieben. Wohl aus Angst, Fehler zu machen und diese öffentlich diskutiert zu sehen. Nur, wir brauchen wirklich einen Regierungschef, der springt, große Schritte macht und sich nicht im Bundeskanzleramt versteckt. Die Bürger haben bei der Bundestagswahl eine klare Entscheidung gegen Merkel getroffen: '45 minus 10' und 29,6 Prozent. Sie sind nicht in der Verantwortung für Fehlbesetzung im Kanzleramt. Die deutschen Verleger-Journalisten schon. Armes Deutschland.

  4. Frau Merkel ist weise, sich nicht von Rechten und Linken in das leers Schwimmbassin boxen zu lassen. Die Koalition ist das genaue Spiegelbild des Wahlresultats und basiert auf der Unschluessigkeit der Waehler. Nicht umsonst heisst das Sprichwort "Fools rush in, where Angels fear to tread."
    In der Politik wie auf der Boerse ist es manchmal ratsam,
    sich etwas zurueckzuhalten. Frau Merkels Politik der kleinen Schritte ist haargenau, was wir im Moment brauchen.

    • rawe64
    • 20.02.2006 um 20:24 Uhr

    ...und es wird keine "A...bombe" wie bei ihrem Vorgänger.

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