Intelligenz Mehr Hirn mit Fisch

Auf dem Jahrestreffen der amerikanischen Wissenschaftsvereinigung wird wieder darüber diskutiert, wieso das menschliche Gehirn so groß ist. Aus St. Louis berichtet

Das Gehirn des Menschen ist groß. In seinem Umfang ebenso wie in seinen intellektuellen Fähigkeiten. Den nahe liegenden - und in der Fachwelt auch häufig gezogenen - Schluss, dass Hirnmasse und Intelligenz in der Evolution gemeinsam gewachsen seien, den hält der New Yorker Anthropologe Ian Tattersall allerdings für vollkommen irrig. Ohne den voluminösen Apparat unter unserer Schädeldecke wären wir Menschen zwar nie so intelligent geworden, wie wir heute sind. Aber die Tatsache selbst, dass wir ein großes Gehirn haben, sei Zufall. Und ein zwar ein fischiger.

So sehen es auch Tattersalls kalifornischer Kollege Stephen Cunnane und die Kanadierin Kathy Stewart. Auf dem Jahrestreffen der American Association for the Advancement of Sciences in St Louis präsentierten Tattersall und Cunnane nun aufs Neue Indizien dafür, dass die Entwicklung des menschlichen Verstands, seine Sprache und abstrakten Fähigkeiten inbegriffen, nicht evolutionäres Zugpferd einer zunehmenden Hirnmasse waren. Das große Hirn war lange vorher da. Es entstand als Folge eines auf Fischmahlzeiten spezialisierten Speiseplans. Und lag zunächst viele Jahrtausende lang ungenutzt in den Köpfen unserer Vorfahren herum.

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Die Argumente, die Tattersall, Cunnane und Stewart für ihre hübsche These anführen, erscheinen schlüssig. "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass unsere direkten Vorfahren über größere kognitive Fähigkeiten verfügten als moderne Affen", sagt Tattersall. Entfernte hominide Verwandte in Afrika hätten aber schon vor mehr als zwei Millionen Jahren Werkzeuge gebastelt - und das, obwohl ihr Hirn kaum größer war als das eines Schimpansen. Der Neandertaler wiederum brachte es intellektuell kaum weiter - und das, obwohl sein Gehirn fast ebenso groß war, wie das von Homo sapiens.

Warum aber ist das Gehirn der Hominiden dann überhaupt gewachsen? Bereits vor sieben Jahren haben Cunnane und ein Team von der University of Toronto darauf hingewiesen, dass die essentielle Fettsäure DHA - ohne die das menschliche Gehirn sich nicht normal entwickeln kann - hauptsächlich in Schalentieren und Fischen zu finden ist. Und damit am Meer oder an den Ufern von Seen und Flüssen. Der Umzug unserer Vorfahren aus Wäldern und Steppen ans Wasser muss Cunnane zufolge einer der Gründe gewesen sein, warum das Gehirn der Urmenschen immer größer wurde. Kathy Stewarts unterstützt diese Idee, denn frühe Hominide siedelten, ihren Daten zufolge, auch in Afrika vornehmlich am Wasser, und an vielen dieser Orte fand man auch Überreste von Fischmahlzeiten.

Kein zwingender Zusammenhang vielleicht, aber ein hinreichender: Denn die Abhängigkeit eines großen Gehirns von DHA und anderen Nährstoffen aus fischreicher Nahrung konnten sich unsere Vorfahren leisten, das Wasser war voll von Welsen und Krebsen. Viel schlauer wurden sie deshalb nicht. Als Entität, wie Tattersall es nennt, war der Urmensch auch mit ungenutzter Hirnmasse gut genug, um zu überleben. Ebenso gilt das für den anatomisch fortentwickelten Homo sapiens, als dieser mit seinem großen Gehirn vor etwa 150 000 Jahren auf der Bildfläche erschien. Intellektuell hatte er vermutlich nicht viel zu bieten.

Dass Sprache und abstraktes Denken Einzug in unsere brachliegenden Nervenzellen hielten, geschah dann auch eher plötzlich: Tattersall datiert die Geburtsstunde modernen menschlichen Denkens auf etwa 50 000 Jahre zurück. Zuvor habe es zwischen Mensch und Neandertaler keinen entscheidenden Unterschied in den kognitiven Fähigkeiten gegeben, aber dann - vermutlich durch eine genetische Veränderung - wurde das Licht im Oberstübchen von Homo sapiens angeknipst. Sprache und Symbolik entwickelten sich, der Mensch legte sich neue Techniken zu - und fegte seine hominide Konkurrenz von der Bildfläche.

Der Preis, den wir bis heute dafür zahlen: Wer nicht am Wasser lebt, muss sich seinen Fisch auf anderem Wege besorgen. Denn unser großes Hirn konnte zwar Jahrtausende lang ohne Intellekt auskommen. Aber unser Intellekt ist auf ein großes Gehirn angewiesen - und das will gut gefüttert sein.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Artikel vermittelt das Bild, es hätte Unterschiede in den Fähigkeiten von Mensch und Neandertaler gegeben. Hier schreibt Tattersall: "vermutlich durch eine genetische Veränderung - wurde das Licht im Oberstübchen von Homo sapiens angeknipst". Der Neanderthaler heißt Homo sapiens neanderthalensis, also meint Tattersall auch den Neanderthaler, wobei dann zwischen Homo sapiens sapiens und Homo sapiens neanderthalensis kein Unterschied in den intellektuellen Fähigkeiten bestanden hätte. Selbst in der Welt- und Kulturgeschichte der Zeit wird der Neandertaler folgendermaßen beschrieben: "Die Bedeutung des Neandertalers in der stammesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen wurde erst zögernd erkannt und ist noch heute nicht restlos geklärt. Der während der letzten großen Kaltzeit lebende Homo sapiens neanderthalensis errichtete zeltartige Wohnbauten mit Feuerstellen, stellte Kleidung her und ernährte sich von der Jagd." Meine Vermutung: Vielleicht ist der Neandertaler gar nicht verschwunden und lebt ganz munter unter uns. Schauen Sie sich doch mal Ihren Nachbarn an.

  2. In dem Artikel wird behauptet, das der Neandertaler trotz großen Gehirns nicht weiterentwickelt war als Menschenaffen. Ich bin zwar in dem Gebiet Laie, aber anderen Veröffentlichungen nach konnte der Neandertaler mit Feuer umgehen, benutzte Waffen und setzte komplexe Jagdstrategien (bsp. zur Mammutjagd) ein. Das ist sicherlich kein Vergleich zu Menschenaffen.

    Auch der zwingende Zusammenhang von großem Gehirn und Fisch will mir nicht wirklich einleuchten. Es gab und gibt viele Nomadenvölker, die fast ausschließlich in sehr trockenen Gebieten leben und praktisch nie an Fisch kommen. Den Behauptungen dieses Artikels zu folge dürften diese Völker keine Überlebenschangsen haben.

    • lef
    • 20.02.2006 um 14:20 Uhr
    3. -

    Die These, dass unser größeres Gehirn von Fischmahlzeiten stammt, ist mir jeden Falls wesentlich sympathischer, als die bisherige,
    die nämlich, dass der Urmensch mit Hilfe der Fähigkeit, Steine als Instrument zu benutzen, Schädel und Knochen aufklopfen konnte - von bereits abgenagten Kadavern wohlgemerkt! - und dadurch an fetthaltigere Gehirne und Knochenmark kam.

    Ansonsten ist diese These auch nur eine Vermutung.

  3. 4. \N

    Viele Lebewesen ernährten und ernähren sich von Fisch. Haben sie alle solche leistungsfähige Hirne?
    Es mag in der Entwicklung des Menschen vielleicht eine Rolle gespielt haben, aber bestimmt war sie nicht das ausschlag gebende Merkmal. Wenn Evolution wirklich so komplex ist, wäre es wahrhaft ein Witz, sollte es bloss am Fisch liegen. ;-)

  4. Lesen Sie doch auch mal bei "www.pm-magazin.de"
    Anscheinend wird ein besonders entwickelter präfrontaler Kortex benötigt um geschickt Lügen und Täuschen zu können.

    Sind die "Bluffer" die Sieger in der Evolution?

    Allemallachen ...

  5. Thunfisch ist gut fürs Gehirn wegen der vielen Delphine, die mitgefangen werden.

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  • Quelle ZEIT online, 19.2.2006
  • Kommentare 6
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