Echolot Der Preis der Reduktion
Die Gefängnistagebücher des Pete Doherty, mehr oder weniger nötige Comebackversuche, alternde Musikmagazine und Marylin Mansons blutige "Alice im Wunderland"-Adaption. Unsere wöchentliche Musikpresseschau

Der Filmemacher Quentin Tarantino hat dem amerikanischen Barden Neil Diamond in seinem Kultfilm Pulp Fiction eine kleine Hommage erwiesen. In einer der schönsten Szenen des Filmes darf Uma Thurman zu Diamonds Klassiker Girl, Youll Be A Woman soon die Hüften kreisen lassen. Zu hören war das Stück allerdings in einer modernisierten Form: die langhaarigen Urge Overkill verliehen der Komposition aus den Sechzigern einen zeitgenössischen Anstrich.
Neil Diamond, der Schmierlappen des Witwentröstergeschäfts ( taz ), meldete sich in der vergangenen Woche mit einem neuen Album zurück. taz und FAZ bejubeln das Ereignis gleichermaßen.
Für taz -Autor Tobias Rapp ist 12 Songs eine in ihrer ganzen Abgefeimtheit fantastische Platte. Rick Rubin , der zuvor Johnny Cash zu einem späten Comeback verhalf, hat auch Neil Diamond seinen Stempel aufgedrückt. Das Rezept sei denkbar einfach: Man reduziere die musikalischen Mittel auf ein Minimum. Nicht umsonst stand bereits auf der ein oder anderen Platte aus den achtziger Jahren, für die Rubin verantwortlich zeichnete: Reduziert von Rick Rubin. Auf 12 Songs funktioniere dieses Verfahren prächtig: 12 Songs ist genau die wunderbare Platte geworden, die sie gerne sein möchte. Ein würdiger Update für die Talente eines Künstlers, der nicht nur ein großartiger Sänger ist.
Ähnlich angetan von der Neuerfindung des in die Jahre gekommenen amerikanischen Musikers ist Tobias Rüther in der FAS .
Neil Diamond setze mit 12 Songs fort, was Johnny Cash nicht mehr fortsetzen konnte: zeitloses Liedgut, eben American Recordings , wie Rubins Plattenserie mit Cash hieß. Cash ist im September 2003 verstorben.
Neben Neil Diamond versuchten sich jüngst auch Barry Manilow und Leo Sayer an einem Comeback. Mit deutlich weniger Erfolg. Diamond sei der einzige unter all den Neubelebten mit einer Zukunft, der einzige, der über die Moden hinauswächst.
Lange nichts zu hören war von Ray Davies . Mit Bruder Dave und der Band Kinks schrieb der Engländer Popgeschichte. In Berlin stellte er nun seiner erstes Soloalbum vor und gab sich bescheiden. SZ und FAZ sind sich einig im Lob für das neue Werk Other Peoples Lives allerdings aus sehr unterschiedlichen Gründen.
Dirk Peitz arbeitet für die SZ die Ausnahmestellung des einstigen Kinks-Sängers heraus. Davies sei der englischste Engländer und einer der Großen der RocknRoll-Geschichte. Der Titel seines Soloalbums könne für sein Gesamtwerk herhalten: Seine Lieder handelten selten von ihm selbst, sondern meist von anderen.
Andreas Obst vermutet hinter diesem Befund in der FAZ das genaue Gegenteil: Wie jeder große Autor schreibe der inzwischen Einundsechzigjährige stets über sich, wenn er vorgebe, von anderen zu erzählen.
- Datum 23.09.2009 - 14:48 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 20. 2. 2006
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