ZEIT online: Herr Nowak, Sie haben heute den Vereinten Nationen ihren vernichtenden Bericht zu Guantánamo vorgelegt. Gab es dort Folter? Wenn ja, wie sah sie aus?

Manfred Nowak: Ja, es gab Folter. Vor allem während des Transportes in das Lager. Gefangene wurden – wie auch Fotos zeigen – in Stresspositionen gehalten. Sie bekamen Kapuzen aufgesetzt, hatten das Bewusstsein verloren. Das war klare Folter. Im Lager selbst gab es Sondereinsatztruppen, die exzessive Gewalt einsetzten. Auch hinsichtlich der Zwangsernährung von Hungerstreikern gibt es klare Aussagen von Häftlingen und Anwälten, dass Methoden verwendet wurden, die unnötigerweise schwere Schmerzen und Qualen verursacht hatten. Den Leuten wurden Schläuche unter großen Schmerzen in die Nasen gesteckt. Das war medizinisch nicht notwendig, sondern nur noch reine Qual.

ZEIT online: Wurde auch bei Verhören gefoltert?

Manfred Nowak: Da bin ich zurückhaltender. Der Level der „erniedrigenden Behandlung“ wurde zweifellos überschritten. Die UN-Folterkonvention und der Pakt über bürgerliche und politische Rechte wurden zweifellos verletzt. Aber die Folter in Guantánamo ist sicher nicht mit den Bildern von Abu Ghraib vergleichbar.

ZEIT online: Was ist das Neue an Ihrem Bericht?

Zum ersten Mal kommen fünf unabhängige Inspektoren der UNO zu dem klaren Ergebnis, dass die USA das Völkerrecht eindeutig verletzten. Es gibt kein unabhängiges Verfahren, das Recht auf Gesundheit und Religionsfreiheit wird nicht in dem Maße garantiert wie es vorgeschrieben ist. Die Anti-Folterkommission wurde verletzt und die Haftbedingungen sind untragbar. Die USA sind mit ihrer Position in der Staatengemeinschaft völlig isoliert.

ZEIT online: Was soll geschehen?

Manfred Nowak: Jetzt muss man endlich einen Ausweg finden. Die Leute in Guantánamo werden ja völlig willkürlich festgehalten. Die USA müssen sie entweder freilassen oder vor ein unabhängiges Gericht stellen. Doch bis jetzt sind erst neun Häftlinge so genannten Militärkommissionen vorgeführt worden. Die Verfahren vor diesen Militärgerichten entsprechen aber keineswegs dem „fair trial“-Gebot. Diese Kommissionen sind nicht unabhängig. Das hat bereits der US-Supreme Court festgestellt.

ZEIT online: Die US-Regierung wirft Ihnen nun Einseitigkeit vor. Sie hätten das Lager ja gar nicht besucht und nur Beweise vom „Hörensagen“ verwendet.

Manfred Nowak: Es ist die alleinige Verantwortung der USA, dass wir nicht nach Guantánamo konnten. Die US-Regierung hatte uns in ihrer Einladung ausdrücklich verboten, mit Häftlingen zu sprechen. Doch ohne Häftlingsinterviews ist eine umfassende Inspektion nicht möglich. Das ist auch die Position der USA, wenn es um andere Länder, etwa China, geht. Uns nun vorzuwerfen, wir hätten nicht mit Häftlingen gesprochen, geht also wirklich zu weit! Solche Argumente war ich von demokratischen Regierungen nicht gewöhnt. Im Übrigen haben wir vor allem einen rechtlichen Bericht erstellt. Die Fakten, die unserem Report zugrunde liegen, sind ja nicht umstritten. Viele Anordnungen, die wir analysiert haben, kamen ja von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld selbst. Und vieles haben wir aus öffentlich zugänglichen Dokumenten.

ZEIT online: Haben Sie mit Ex-Häftlingen gesprochen.

Manfred Nowak: Ja, wir haben ehemalige Gefangene in Großbritannien, Frankreich und Spanien aufgesucht. Und wir haben mit Anwälten gesprochen. Wir haben natürlich auch die Antworten berücksichtig, die uns die US-Regierung auf unseren Fragebogen gegeben hat. Alles wurde sorgfältig recherchiert.

ZEIT online: Welche Details über Guantánamo waren für sie am erstaunlichsten?

Manfred Nowak: Was mich sehr erstaunt hat, war die Art und Weise der Zwangsernährung - und die Kältefolter. Darunter haben die Häftlinge am meisten gelitten. Ständig zu frösteln, das war für die meisten viel ärger die Hitze.