Schulden
Freispruch fürs Handy?
Jugendliche leihen sich eher Geld für Snacks oder Kleider als für die überhöhte Handyrechnung. Verbraucherschützer warnen dennoch vor Nepp mit Klingeltönen und SMS-Chats
Schauergeschichten gibt es unzählige. Da ist zum Beispiel dieser 16-Jährige aus Ludwigshafen. 3.500 Euro soll er seinem Mobilfunkanbieter überweisen. Für einen einzigen Monat. Sein Vater stürmt in die Beratungsstelle der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, schreit von Betrug und Abzocke. Die Verbraucherschützer wollen der Handyfirma mit Klage drohen und basteln an einem geharnischten Brief. Bis der 16-Jährige kleinlaut gesteht, dass er sich in einen Erotik-Chat verirrt hatte, eine schlüpfrige Unterhaltung per SMS, bei der jede Kurznachricht mehrere Euro kostete. Da kommt man dann nicht mehr raus, sagt Beraterin Tamina Barth von der Verbraucherzentrale. Der Vater musste die 3.500 Euro bezahlen. Dass Chat-Spielchen, Klingeltöne und blinkende Display-Logos viel Geld verschlingen, das überblicken die Jugendlichen oft nicht, sagt Barth.
Vollkommen übertrieben nennt der Bielefelder Soziologie-Professor Elmar Lange solche Darstellungen. In seinen Augen haben Zeitungen und Fernsehmagazine dem Handy Unrecht getan. Es sei gar nicht die erste Quelle für Schulden von Jugendlichen. In einer Umfrage unter 1.000 10- bis 17-Jährigen hat Lange herausgefunden, dass die Jugendlichen sich eher Geld für Fast Food, Kleidung, Partys oder Computer-Software leihen als für die Handykosten.
In der Umfrage gaben sechs Prozent der Befragten an, sie hätten sich Geld geliehen, das sie nicht gleich zurückzahlen konnten. Im Schnitt beliefen sich die Schulden gegenüber Verwandten und Freunden auf 72 Euro. Allerdings mit großen Unterschieden: Die Hälfte der verschuldeten Jugendlichen hatte sich weniger als zehn Euro geborgt bei sieben Prozent der jungen Schuldner läpperten sich die Ausstände dagegen auf 100 bis 950 Euro. Doch nur acht Prozent gaben an, sich wegen der Mobilfunkkosten verschuldet zu haben. Die Kontrolle der Handykosten greift größtenteils, folgerte Lange bei der Vorstellung der Studie in Berlin.
Sehr zur Freude der Vertreter des IT-Branchenverbands Bitkom und des Verbandes der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM), die die Studie zusammen mit dem Schuldenregistrierer Schufa in Auftrag gegeben haben. Das Handy-Problem sieht Lange vor allem deshalb gelassen, weil die Mobilfunkanbieter probate Kostenbremsen anböten. 80 Prozent der Jugendlichen nutzten Prepaid-Karten, mit denen sie nur ein vorab bezahltes Guthaben abtelefonieren können. Dazu gebe es inzwischen spezielle Jugendtarife, bei denen die Eltern teure Sonderrufnummern sperren können.
Die Studie kommt für die Telekommunikationsunternehmen wie gerufen, sagt Helga Springeneer, Referentin für Finanzdienstleistungen beim Verbraucherzentrale-Bundesverband. Anfang Februar hat das Bundeswirtschaftsministerium einen Entwurf für ein neues Telekommunikationsgesetz vorgelegt. Die Verbraucherschützer forderten Nachbesserungen, unter anderem mehr Transparenz für Mobilfunktarife.
Einen Freispruch für den Dschungel der Handytarife und Klingelton-Abos sieht Springeneer in Langes Studie keineswegs: Dass die Jugendlichen sich bei Freunden eher Geld für einen Burger borgen als für die Handyrechnung, überrascht mich nicht. Das ändere nichts an den hohen Mobilfunkkosten vieler junger Leute: In der Liste der Ausgabeposten stehe das Handy immerhin auf Rang zwei, hinter Snacks und Getränken. Dabei sei noch gar nicht eingerechnet, dass viele Eltern zusätzlich Geld für das Mobiltelefon des Nachwuchses ausgeben, kritisiert Springeneer. Außerdem: Auch wenn das Handy für die meisten Jugendlichen kein Grund für Schulden ist für die wenigen hoch verschuldeten Jugendlichen kann es dennoch eine wichtige Ursache des Ruins sein.
- Datum 22.2.2006 - 12:29 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 22.2.2006
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Ich neige dazu der Schule die Hauptschuld an diesem Disaster zu geben. Jeden Klingelton kann man kostenfrei im Internet herunterladen. Leider scheinen LehrerInnen nicht sehr technikbewandert zu sein, keine Einweisung in den Computerraum zu haben, oder haben sie einfach keine Lust sich mit der Materie zu beschäftigen?
Ganz abgesehen von der Tatsache, dass es seit Jahren einen Vibrationsalarm gibt.
Zu SMS sei angemerkt, dass die Daten über einen "Seitenkanal" übermittelt werden. Hier werden auch Informationen wie `Standort und Bewegung´ in den Funkzellen übertragen. Da dieser Kanal immer überträgt, entsteht den Providern keine zusätzlichen Kosten. Und sie verdienen Milliarden. Nur mal so nebenbei bemerkt.
Ist es wirklich inzwischen Aufgabe der Schule, zu vermitteln, wie man vernünftig mit Technik und Geld umgeht? Mir haben das meine Eltern (erfolgreich) beigebracht... Natürlich kann man die Schüler darauf hinweisen, aber Schuld ist die Schule definitiv nicht. (ich bin 21)
dass die Schule zur Rekrutierung von Arbeits- und Verbrauchermaterial der Industrie dient, stimme ich dem zu. Schule sollte aber auch dazu dienen den Kinder die Selektion von Informationen zu vermitteln. Wenn man sich nur auf die Eltern verlässt, werden (konsum)tradierte Werte schwerlich überwundern werden.
\N
Da scheinen aber einige stumme! Lehrer um den Blog zu laufen.
sollte man Kindern den Umgang mit Geld erklaeren ABER auch vorleben..Wir machen das mit unserem 5 jaehrigen Enkel,der bekommt eine gewisse Summe pro Woche die er entweder ausgeben kann oder sparen kann fuer groessere Anschaffungen -wenn sein Taschengeld weg ist muss er warten bis zur naechsten Woche und wir merken wie er immer oefter seine Cents zusammen halten will da er ein bestimmtes Spiel oder Buch kaufen moechte...Je frueher, je besser!
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