"Tal der Wölfe" Allein unter Türken
Unsere Autorin Susanne Gaschke hat sich den umstrittenen Action-Film angesehen. Schockiert war sie nicht - oder lag das an den deutschen Untertiteln?
Um das vorweg zu sagen: Ich gehöre zu den Leuten, die seit dem 11. September 2001 einen Kampf der Kulturen durchaus für vorstellbar halten. Ich glaube, dass sich der liberale, demokratische, aufgeklärte, agnostische, wirtschaftlich erfolgreiche (und dementsprechend selbstzufriedene) Westen nicht einmal ansatzweise klar macht, wie sehr man ihn hassen kann. Und ich glaube, dass die "Empörung", die angeblich gekränkten Gefühle, die ein paar unbedarfte Mohammed-Karikaturen einer dänischen Provinzzeitung hervorriefen, von interessierter islamistischer Seite geschürt und gelenkt wurden. Insofern halte ich nichts von regierungsamtlichen Entschuldigungen für die Presse- und Meinungsfreiheit.
Und insofern war ich natürlich sofort geneigt, den zur Zeit in Deutschland wie in der Türkei heftig diskutierten Film Tal der Wölfe - Irak für ein weiteres Eskalationsphänomen zu halten, passend zu brennenden Botschaften und Fahnen, zu Boykottaufrufen gegen dänische Produkte und zu der Teheraner Unverschämtheit, die deutsche Bundeskanzlerin mit Hitler zu vergleichen. Nun also, dachte ich, ein Propagandastreifen, der auch noch das vielleicht nicht großartige, aber doch ziemlich zivilisierte Zusammenleben von Türken und Deutschen in Deutschland kaputtmacht. Die ersten Berichte jedenfalls lasen sich haarsträubend: Antiamerikanisch, antisemitisch, antichristlich, gewalttätig, aufwieglerisch sei der Film. Und offenbar johlten allenthalben die türkischstämmigen Zuschauer, wenn die amerikanischen Erzbösewichte abgeschossen oder abgestochen wurden.
In der Vorstellung, die ich dann besuchte, um mir meine Vorurteile bestätigen zu lassen, johlte niemand. Der Film läuft in meiner Heimatstadt Kiel in einem ganz gewöhnlichen Multiplex-Kino. Während man auf Einlass zum Tal der Wölfe wartet, kommen kichernde, popcornkrümelnde Mädchen aus Die wilden Hühner . Das Kino ist Teil eines Bahnhofs- Erlebnisgastronomie- Fitnesscenter- und- Bowlingbahnkomplexes und insofern an ein multikulturelles Publikum gewöhnt. Gelegentlich hauen sich hier Jugendliche, aber bisher selten wegen Religion.
In unseren Film (und ja: Der Kassierer guckte ein wenig erstaunt als wir kamen und sagte: "Das ist dieser türkische Film...?") wollten außer uns keine anderen deutschen Muttersprachler - der Umstand, dass man beim Anschauen quasi "allein unter Türken" sei, scheint einige Kritiker ja besonders verstört zu haben. Ich finde ihn allerdings vergleichsweise leicht damit zu erklären, dass der Film noch nicht synchronisiert ist und mit Untertiteln läuft - wenn mich der Inhalt nicht sehr interessiert, sehe ich mir auch nur selten japanische oder chinesische Filme im Original an.
In diesem Fall interessiert nun aber der Inhalt. Und wenn man kein einziges Wort versteht, obwohl es darauf ankommt (eine pädagogisch vermutlich ganz wertvolle Erfahrung), spürt man auf einmal überdeutlich, wie fürchterlich hilflos man ohne Sprache ist. Bilder erklären sich nicht von selbst. Auf die Integrität des Untertiteldichters möchte man sich gern verlassen können.
Ich war mir in diesem Fall nicht sicher. Ich habe den Verdacht, dass für den deutschen Zuschauer unerträgliche Passagen - zum Beispiel jene Szene, die einen mörderischen, Organe stehlenden Arzt angeblich als Juden ausweisen - einfach nicht mit übersetzt worden sind. Aus dem Aussehen und Verhalten, aus dem Spiel des Darstellers ergibt sich dessen Judentum nämlich nicht - da hätte man, in filmischen Klischees, eher an Frankenstein, an den verrückten schwedischen Schurken aus einem James-Bond-Film oder den besessenen Nazi-"Wissenschaftler" gedacht. Solche Unsicherheit an so zentraler Stelle macht es nicht eben leicht, dem Rest des Films (und seinen Untertiteln) ohne grundsätzliches Misstrauen zu begegnen. Und vielleicht sollte man, ohne es selbst ganz genau zu wissen, sagen: Das reicht schon. Aber gehen wir mit jedem rassistischen Klischee, mit jedem hirnrissigen Ressentiment im Reich des Unterhaltungskinos genau so streng um, und vor allem: Gehen wir dagegen vor? Vielleicht sollten wir das, aber dann müssten wir viel Mist anschauen.
- Datum 22.02.2006 - 12:29 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 23.2.2006
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Zwischen beschwichtigungspolitischen Statements à la "der Film ist doch gar nicht so gewaltverherrlichend u. islamistisch" einerseits und Boykottaufrufen andererseits bewegt sich die aktuelle Rezeption des türkischen Filmes "Tal der Wölfe" in Deutschland. Wundert diese immer in allen Richtungen extrem diskutierte Debatte denn überhaupt ? Nach wie vor fehlt in der Diskussion um Absetzung des Filmes und verheerender plakativer Kritik das wichtigste überhaupt: nämlich die inhaltliche Auseinandersetzung mit den im Film nachgestellen Ereignis der Folterung in Abu Ghraib und des Irakkrieges im allgemeinen. Noch vor ein paar Wochen wurden die Migranten türkischer Herkunft mit Parolen wie "Berufsempörte" beschimpft. Der Damoklesschwert hing über uns als es um die Presse. u. Meinungsfreiheit während der Karikaturdebatte ging. Die aktuelle übersteigerte Empörung die allerseits über diesen Film verlautbar wurde, offenbart nun eine Hypokrisie sondergleichen. Mein persönlicher Aufruf an dieser Stelle ist, sich den inhaltichen Fakten zu stellen und über die anti-amerikanische Polemik hinweg, Fakten u. Gegenstand des Filmes zu diskutieren.. anstatt mit FSK und anderen Absetzungsdrohgebärden Ablenkung der inhaltichen Aussagen des Filmes einzuleiten. Die Ablenkungstaktiken sind leider zu transparent.. als das man diese abnehmen könnte...
Mir fehlt momentan, da ich im (amerikanischen) Ausland bin, die Möglichkeit, mir den Film selbst anzusehen. Den bisherigen Reviews in der deutschen Presse war hauptsächlich Entsetzen über die anti-amerikanischen/-semitischen/-westlichen Inhalte zu entnehmen, und der vorliegende Artikel von Susanne Gaschke tut da sehr gut, da er auch Facetten des Films erwähnt - wie etwa den "guten" Amerikaner, und den terrorismusabstinenten Scheich - die anderswo bisher nicht erwähnt wurden. Wahrscheinlich aus gutem Grund, deutet dies doch auf eine relative Selbstreflektion von Seiten der Filmemacher hin. Nicht dass man deswegen sofort die Existenz eines sicherlich beinharten Antisemitismus im Nahen Osten bezweifeln müsste, aber den Film selbst setzt dies schon in ein anderes Licht; immerhin darf man vermuten, dass allzu einfache Schwarz/Weiß Einteilungen auch im Kino des Orients keinen überzeugen - warum sonst sollte man solche Charaktere einbauen? Ein Mindestmaß an Nachdenklichkeit wird "uns im Westen" also doch zugestanden; und das ist doch schon mehr als man an Gutem aus einem stupiden Ballerstreifen erwarten kann. Das letzte Wort hat ein Amerikaner, Oliver Wendell Holmes, zitiert nach L. Menand: "It is easy to condemn unwarranted uncertainty in others; we are always confident that people we disagree with would be improved by a little self-doubt." Ob diese Botschaft popularisierbar ist, weiss ich nicht; aber ich denke, dass der Film ohnehin im von Frau Gaschke erwähnten Strom des halbverstandenen und -wahrgenommenen untergehen wird.
susanne gaschke hat es sehr schön beschriebn.
ein ziemlich dämlich/hohler film, der durchaus mit klischees spielt und diese bedient.
tja, diesmal sind es eben die "anderen" die als bösewichter dargestellt werden. so what??
das ist die gelegenheit für alle lehrkräfte, mit den jugendlichen (die türksich/islamischen ja besonders angetan sein sollen)den film anzuschauen und danach eine saubere diskussionsrunde zu führen und den film als actionspektakel zu erkennen.
mehr aufregung ist der film wirklich nicht wert.
die politiker sind ja erst sensibel darauf geworden, als es angebliche massenbegeisterung von türkischen jugendlichen gegeben haben soll, die allah ist gross usw. jubelten.
die meisten von denen können mit sicherheit nicht mal arabisch lesen geschweige den sie haben einen bezug nach antolien.
die sind hier aufgewachsen und leben von den erinnerungen ihrer eltern.
also, schön geschmeidig bleiben und die kirche bzw. die moschee schön im dorf lassen und nicht wie die vollpfosten der cdu/csu das abendland und europa am abgrund stehn sehen.
da könnte die bundeswehr sicher gut helfen. z.b. die kinos besetzen!
wo ist schäuble??
Ich denke die Türken in Deutschland sind bis auf wenige Ausnahmen viel zu angepasst um sich von diesem Film aufstacheln zu lassen.
Eigentlich glaube ich es nicht wirklich: Wie bleibt eigentlich in der hitzigen und mit mehr oder weniger heißen Bekenntnissen zur Meinungs- und Pressefreiheit geführten Diskussion eben das was ebendiese auszeichnet: Tiefe, differenzierte Analyse, unterschiedlichste Perspektiven zur Erhellung der Situation? Gerade die ZEIT, die so klug mal soziologisch, psychologisch, philosophisch und anthropologisch und wie auch immer daherkommt will den Kampf der Kulturen in einem Kieler Kino ausrufen! Statt wie ich es als Leser erwarten würde, nicht nur eine oberflächliche Beschreibung all der Geschehnisse, die sich spannen zwischen 11.september und dänische Karikaturen. Wo ist denn bitte die Presse, die nicht nur mal Verständnis für die eine oder die andere Seite kundtut, sondern die versucht auseinander zublättern, worum es hier eigentlich geht? Die spekuliert, erhellt, abtastet, analysiert, beschreibt, wo denn da die Unterschiede sind (außer im Umgang mit bestimmten darstellungen in Karikaturen), welche wirklich wesentlich sind, worin sich die muslimische Welt im Inneren unterscheidet, welche Strömungen wie einzuschätzen sind.
Statt dessen Kreiseln auf der Oberfläche auch in einer Hintergründe liefern wollenden Zeitung wie der ZEIT.
Wenn schon Kampf, worum geht der denn bitte? Doch nicht um ein paar Karikaturen. Wozu wurden alle gravierenden Konflikte/Kriege/Krisenherde dieser Welt sieben mal herunterdekliniert, um bei einer neuer sich in aller Deutlichkeit abzeichnenden Krise wie Hans-Guck-in-die Luft zu tun und (lieber ins Kieler Kino zu gehen, als fände sich da Wahrheit).
Ob diejenigen, die jetzt nach Zensur schreien, den Film "Midnight Express" in ihrer DVD oder Videosammlung haben, das wäre doch mal interessant zu erfahren :]
Zu den Zeiten, als Stallone, Chuck Noris und Schwarzenegger mit dem M2-Maschinengewehr im Hüftanschlag Dutzende Vietnamesen, Araber, Russen und ... abgeknallt haben, da hat sich niemand aufgeregt. Weil nun die "Guten", d. h. die amerikanischen Boys etwas schlecht weg kommen, da regen sich plötzlich die Leute auf.
Soll man doch den Türken den Spass lassen, die US-Boys (die selbstlos in Abu Greib, Afghanistan und auf Guantanamo Sanatorien errichtet haben) mal als die Bösen hinzustellen. Gleiches Recht für alle.
Bereits John Wayne hat in Filmen - die inzwischen als Klassiker gelten - die Zivilisation von betrunkenen, feigen und marodierenden Indianer massenweise befreit. Keiner der Pietisten, die jetzt so laut nach Verboten rufen, hat sich jemals über Filme aufgeregt, in denen die "Anderen" als die Bösen hingestellt wurden.
Gleiches Recht für alle.
Habe den Film 2 Mal gesehen, habe immer noch nichts rassistisches und antisemitisches feststellen können.
Im Tiefen sprechen Sie und die Cem Özdermis usw. mit der
Psychologie des weissen Mannes, egal auf welcher politischen Seite Sie stehen!
Bitte einmal die treffende Krtik des Filmexperten unten
lesen:
Als überzogen und unverantwortlich hat der katholische Filmexperte Josef Lederle die Diskussion um den türkischen Film "Tal der Wölfe - Irak" bezeichnet. "Der Film mag anti-amerikanisch sein wie unsere Actionfilme anti-russisch oder anti-arabisch sind. Aber er ist nicht anti-zionistisch und nicht volksverhetzend", sagte der Redakteur der Zeitschrift "film-dienst" gegenüber der Nachrichtenagentur KNA. Die Diskussion sei unverantwortlich und offensichtlich eine Revanche für den Karikaturen-Streit. Hier meldeten sich "Leute zu Wort, die weder mit dem Genre noch mit dem spezifischen Film vertraut" seien (24.02.2006 12:13:32)
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