Mehr Hamburg als hier geht eigentlich kaum. Gut, man hätte sich mit Horst Fascher auch direkt auf der Reeperbahn treffen können. Doch seinen alten Laden, den „Star-Club“, gibt es längst nicht mehr – und so ist der „Old Commercial Room“ direkt im Schatten des Michel sicher nicht die schlechteste Adresse, um sich mit einem zu treffen, der in Hamburg Musikgeschichte geschrieben hat. Draußen wirbt eine Tafel, dass es hier Labskaus zu essen gibt, goldmedaillengekrönt. Drinnen herrscht holzgetäfelte Gediegenheit, durch labyrinthische Gänge geht es in das Gastzimmer, das Fascher für das Gespräch hat reservieren lassen. Dass dort auch noch ein Shanty-Chor vom Band singt, mutet beinahe als ein Klischee zu viel an. Hier der boxende Fascher zum Hören: Ein ZEIT online-Interview auf St. Pauli© privat BILD

Zumal Horst Fascher mit dem heimattümelnden Gedudel nie viel anfangen konnte. „ Let the good times roll “, heißt seine Biografie, die sich – natürlich – vor allem um Faschers Zeit mit den Beatles dreht. Aber es wird auch deutlich, dass er mit seinem „Star-Club“ damals eine kleine Revolution anstoßen wollte: Hier sollte nicht nur der heißeste Beat der Stadt gespielt werden, hier wollte man auch den Muff der fünfziger und frühen sechziger Jahre aussperren, frei sein, unkonventionell.

Fast möchte man deshalb enttäuscht sein, als ein kleiner alter Mann den Raum betritt, höflich, ja leise „Guten Tag“ sagt, während er einem fest die Hand drückt und sich setzt. Doch dass er sich nicht allzu gerne anpasst, sieht man auch dem 70-Jährigen noch an – mit seinem weißen Vollbart, dem Ring im Ohr und der Baseballmütze auf dem Kopf umweht Fascher ein Hauch von fahrendem Volk.

Dass es damals tatsächlich darum ging, die Regeln der Väter zu brechen, darauf kommt Horst Fascher schnell zu sprechen, als er von der ersten Begegnung mit den Beatles erzählt. Natürlich, es sei auch einfach um den Spaß gegangen:– Mädchen, Bier, auch mal Drogen. „Wir waren eben jung und wollten love machen“, sagt er und lacht. Aber es wird auch deutlich, dass man Schluss machen wollte mit dem Erbe des Krieges. Immerhin kamen da vier Engländer nach Hamburg, gerade 15 Jahre, nachdem sich die beiden Nationen in den Schützengräben gegenübergelegen hatten. Deshalb, so fügt Fascher an, sei es eben nicht nur um die freie Liebe gegangen,– „wir wollten auch peace haben“.

Love and peace . Zwar entstammt Horst Fascher keiner gutbürgerlichen Familie, doch dass er ein kleines, aber wichtiges Rad im Getriebe dieser Kulturrevolution aus Sex and Drugs and Rock´n Roll sein würde, war ihm nicht unbedingt ins Stammbuch geschrieben. Sein Vater fuhr als Heizer zur See, seine Mutter arbeitete als Köchin und Putzfrau in einer Kaschemme auf der Reeperbahn. Ein Junge von St. Pauli war Fascher also. Zum Mann, so schreibt er in seinem Buch, hat ihn dann auch eine „Professionelle“ gemacht. Und nach dem Krieg, erzählt der kleine alte Mann, habe er mit seinen Freunden Sachen „organisiert“. Strafrechtlich korrekt formuliert müsste man das wohl Diebstahl nennen, aber man glaubt Fascher gern, dass es damals eben andere Zeiten waren.

Trotzdem ist er ein paar Mal nur knapp daran vorbeigeschlittert, ein kleiner oder größerer Krimineller zu werden. Das erste Mal, als er im Streit einen Matrosen niederschlug, der mit seiner Freundin poussiert hatte. Der Mann ging zu Boden, erlitt einen Schädelbasisbruch und starb nach vier Tagen im Koma. Das brachte Fascher neun Monate wegen Totschlags ein und beendete seine Hoffnungen, als Amateurboxer Karriere zu machen.

Aber er habe eben hoch hinauswollen, erzählt er. Als er mit dem Boxen anfing, sei auch gleich klar für ihn gewesen: Ich werde Weltmeister. Und als das wegen der Haftstrafe nicht mehr ging, sei der Rock sein Traum gewesen.

Anfangs ganz bescheiden, als er im Dunkeln des Kinosaals saß und den Film Asphalt Jungle sah, dessen Titelmelodie ihn,– wie er es nennt,– „mit Rock 'n' Roll impfte“. Doch dann ging er in die Musikläden auf St. Pauli, sah die Bands live, heuerte als Kellner in einer Kneipe an, entsorgte Fred Bertelmann und Freddy Quinn aus deren Jukebox, kam zu einem Job als Musikmanager wie die Jungfrau zum Kinde, wurde Geschäftsführer im „Top Ten“, traf die Kiezgröße Manfred Weisleder – und zog mit ihm den „Star-Club“ auf.