Indien Der schlafende Tiger
George W. Bush reist nach Indien - das Land gilt als aufsteigende Wirtschaftssupermacht. Dennoch stehen dem indischen Aufschwung beträchtliche Hürden im Weg
Nach dem Drachen nun der Tiger? Wird nun auch Indien, nach China, der große Herausforderer der Weltwirtschaft? Die Schlagzeilen sehen so aus, immer mehr, immer fetter. Indien als Schwerpunktland beim World Economic Forum in Davos. Indien als Partnerland im April bei der Hannovermesse. Als Buchmessenland im Herbst. Wachstumsraten wie der große Nachbar im Nordosten, jubelnde deutsche Vorstandschefs, schnell wachsende Exportzahlen – und nun gibt sich George W. Bush die Ehre eines Besuches bei dem ökonomisch wie strategisch für die USA wichtigen Land. Indien ist angekommen. Was kann da noch schief gehen?
Eine Menge. Tatsächlich ist Indien in einer genau umgekehrten Lage wie China. Kurzfristig stehen dem galoppierenden Aufschwung durchaus beträchtliche Hürden im Weg. Aber die lange Sicht gibt viel Grund zum Optimismus.
Wie das?
Zuerst zur kurzen Frist, und zwar nur leicht überzogen: Wenn Shanghai eine neue Straße braucht, siedelt die Stadt zur Not Tausende Bewohner an einem Wochenende um. In Delhi versuchen sie seit vielen Jahren, die kümmerliche und übervolle Straße zum Flughafen zu erneuern – und müssen mit jeder Menge Bürgerbegehren und sonstiger Bedenken fertig werden. Das Zweite ist sympathischer, keine Frage – effizienter im Globalisierungswettbewerb ist es nicht gerade. Das Beispiel führt zu einem wunden Punkt Indiens: der Infrastruktur. Jämmerliche Flughäfen allerorten, die den Boom nicht mehr tragen. Selbst in der berühmten Computerstadt Bangalore fehlen die Bürgersteife vor den modernen Gebäuden – bei Regen versinkt auch der Investor im Matsch. Auch die Landstraßen sind selbst in Nähe von Hochburgen der Investition oft katastrophal.
In der Landwirtschaft verschwendet kein großes Land der Erde soviel Ernte wie Indien. Die Früchte oder Gemüse werden entweder gar nicht erst geerntet – oder kommen in der mangelnden Logistik um. Nur auf den Markt gelangen sie nicht. Das führt neben all der nur langsam zu lindernden Superarmut auch zu vollkommen unnötiger Armut, die aber in den Weiten der ländlichen Gebiete nur schwer zu beheben ist. Da kommt als Schwierigkeit hinzu, dass die indische Zentralregierung weit weniger gut in den einzelnen Staaten durchgreifen kann als die Kollegen Regierenden aus Peking.
Zudem fehlt es bei aller Stärke in der Software der indischen Wirtschaft noch an einer breiten, wirklich tragfähigen Industriebasis. Die herzustellen, wird eine Weile dauern.
Langfristig indes spricht sehr viel für Indien. Anders als China werden in dem südasiatischen Land viele Kinder geboren, die für einen langfristigen Nachschub von Arbeitskraft sorgen werden. Und als größte Demokratie der Welt muss Indien nicht mehr die Kraft aufbringen, sich von einer Diktatur in eine offene Gesellschaft zu wandeln. Indien ist es schon – mit allen Vor- und Nachteilen, die das in seinem Entwicklungsstadium mit sich bringt.
Der Hype des Moments ist trotz aller Aufbruchzeichen aus Delhi vielleicht überzogen. Aber Rückschläge sollten die Indien-Optimisten nicht schrecken. Auf Jahrzehnte gesehen, ist das Land in einer hervorragenden Position. Und der Demokratieexporteur George W. Bush weiß das auch.
- Datum 01.03.2006 - 12:29 Uhr
- Quelle ZEIT online, 28.2.2006
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