Irak Die Gewalt eskaliert
Nach dem Anschlag auf einen heiligen Schrein der Schiiten steht Irak am Rande eines Bürgerkriegs. Die Bildung einer neuen Regierung unter Einschluss der Sunniten wird nun schwierig
Die blutige Spur der Rache, die sich durchs ganze Land zieht, macht deutlich: Die irakischen Schiiten, außer sich vor Zorn über die Zerstörung ihrer Goldenen Moschee in Samarra, sind kaum mehr zu halten. Nachdem Extremisten eines ihrer wichtigsten Heiligtümer in Trümmer legten, stehen jetzt sunnitische Moscheen in Flammen, von Kugeln durchsiebte Leichen werden an den Straßenrand gekippt. Die blindwütige Rache macht auch vor Medienstars nicht halt. Am Donnerstagmorgen wurde die in der Region weithin bekannte Al- Arabija-Reporterin Atwar Baghad an den Toren von Samarra erschossen aufgefunden. Mit ihr starben ein Kameramann und ein Tontechniker.
Bei Hilla, 100 Kilometer südlich von Bagdad, stürmten Bewaffnete in eine sunnitische Moschee, um deren Imam regelrecht hinzurichten. In Bakuba, 60 Kilometer nordöstlich von Bagdad, erschossen Bewaffnete aus einem fahrenden Auto heraus den Wächter einer sunnitischen Moschee. Vorfälle dieser Art ereigneten sich zu Dutzenden seit der als höchste Gotteslästerung empfundenen Sprengung der goldenen Kuppel des Askari-Schreins von Samarra, eines der wichtigsten Heiligtümer der Schiiten. Die Vergeltung dürfte sehr bald die Gegengewalt auf den Plan rufen. Die Angst vor einem Bürgerkrieg geht um.
Dabei ist eine Art Bruderkrieg zwischen Schiiten und der Minderheit der Sunniten längst im Gange, der zunächst fast unmerklich begann, nachdem das US-Militär vor knapp drei Jahren das Zweistromland besetzt hatte. Sunnitische Extremisten, darunter Anhänger des jordanischen El-Kaida-Terroristen Abu Mussab al-Sarkawi, haben seit Mitte 2003 teils verheerende Selbstmordanschläge auf schiitische Geistliche und Gläubige, auf Rekrutierungsbüros und belebte vor allem von Schiiten besuchte Marktplätze verübt. Die im Gegenzug verübten Morde an sunnitischen Persönlichkeiten durch schiitische Todesschwadronen sind oft weniger spektakulär, bringen aber die Sunniten im Irak nicht weniger auf.
Der Bombenanschlag auf die Goldene Moschee aber könnte jetzt die lange schwelende Glut gefährlich anfachen. »Wir müssen jetzt alle zusammenstehen, um einen Bürgerkrieg abzuwenden«, warnte Übergangspräsident Dschalal Talabani, ein Kurde. Sein Versuch, am Donnerstag die Spitzenvertreter aller maßgeblichen Parteien an den Tisch zu bringen, um über einen Weg zur Entspannung der Lage zu beraten, hatte nicht den erwünschten Erfolg. Die Konsens-Front, das größte sunnitische Parteienbündnis, blieb dem Treffen fern.
Auch das vom US-Botschafter Zalmay Khalilzad stark geförderte Bemühen, eine neue Regierung unter Einschluss der bislang nicht angemessen repräsentierten Sunniten zu bilden, steht unter keinem guten Stern mehr. Zwei Monate nach der Parlamentswahl hätten die schwierigen Koalitionsgespräche in die Endphase treten sollen. Abdelasis al-Hakim, der Führer der Schiiten-Allianz UIA, die über eine relative Mehrheit im neuen Parlament verfügt, griff Khalilzad scharf an. Als er zwei Tage vor dem Anschlag von Samarra US-Hilfen von der künftigen konfessionellen Neutralität der irakischen Sicherheitskräfte abhängig machte, »hat er sich nicht wie ein Botschafter verhalten«. Vielmehr hätte er, so Hakim, den Terroristen »grünes Licht« gegeben und somit »zum Teil Schuld« an dem Anschlag.
Die Woge der Gewalt wäre wahrscheinlich noch höher geschlagen, wenn nicht der angesehene schiitische Großajatollah Ali al-Sistani zur Ruhe aufgerufen hätte. Doch sein Londoner Sprecher Fadil Bahar al-Ulum dämpfte allzu hoch gesteckte Erwartungen in den mäßigenden Einfluss des Klerikers. »Mit einer schnellen Beruhigung sollte man nicht rechnen«, sagte er dem britischen Sender BBC in einem Interview, »denn es gibt Leute, die schlicht nicht zu kontrollieren sind.«
- Datum 01.03.2006 - 12:29 Uhr
- Quelle ZEIT online, dpa, Gregor Mayer, 23.2.2006
- Kommentare 8
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mit anderen (zB.old Europe) wollten die Amerikaner die Entwicklung nicht vorhersehen. Man hat es ihnen gesagt, selbst Saddam Hussein sprach von 'einem Guerilla-Krieg, den sich die USA nicht vorstellen könnten' im Falle eines Angriffes auf den Irak! Nichts wissend über die Kultur des Landes und naiv bis zur Verantwortungslosigkeit hinsichtlich der Möglichkeit einer Demokratisierung eines Volkes, das bislang nur unter autoritären Regimes gelebt hat. Wie es nun aussieht, wird es wie im Iran einen Gottesstaat geben und wie im Iran wird auch im Irak die aufgeklärte und moderne Minderheit keine Chance haben und emigrieren. Es klingt wie Hohn von Bush zu hören, die Welt sei sicherer geworden nach dem Irakkrieg. Das Gegenteil ist der Fall! Der ganze Nahe Osten ist aufgewühlt und stellvertretend für die auf ihrer 'Insel' sich einpunkernden Amerikaner werden die Selbstmordattentäter sich an anderen Zielen schadlos halten. Wir erleben es ja schon ...
PS: Giuliana Sgrena hat sicherlich recht mit Ihrer Einschätzung, dass sich alle Truppen zurückziehen sollten, ...da ist nichts mehr zu retten!
Die Amerikaner haben diese Entwicklung nicht vorhergesehen, zumindest nicht in diesem Ausmass. An einem Bürgerkrieg können die USA überhaupt kein Interesse haben, weil ein solcher Bürgerkrieg mit einer Spaltung des Irak enden könnte. Die Folge wäre ein Iran als alleiniger arabischer Machtfaktor im Nahen Osten (in Konfrontation zu Israel). Kein gutes Szenario also.
Und da sage mir einer, es finde ein Kampf der Kulturen statt! Wa bedeutet denn eine Karikatur des Propheten in einer dänischen Zeitung gegen die Zerstörung der Moschee in Samarra und das anschließende Gemetzel zwischen Sunniten und Schiiten. Alles nur ein Vorwand um die Massen zu mobilisieren und davon abzulenken, dass der Islam versucht, im 12. Jahrhundert stehen zu bleiben und sich gegen das 21. Jahrhundert abzuschotten. Es ist ein Überlebenskampf des Islam und zunächst ein Krieg zwischen den beiden Glaubensrichtungen um die Macht. Wie können wir nur so dumm sein, darauf hereinzufallen und von einem Kampf der Kulturen zu sprechen.
@Die Amerikaner haben diese Entwicklung nicht vorhergesehen,
>Aber sie haben sie natürlich mit eingeplant und somit auch billigend in Kauf genommen.
@An einem Bürgerkrieg können die USA überhaupt kein Interesse haben, weil ein solcher Bürgerkrieg mit einer Spaltung des Irak enden könnte.
Die Folge wäre ein Iran als alleiniger arabischer Machtfaktor im Nahen Osten.
>Ich widerspreche: Die UAE sind der Macht(Geld)stabilisator in der Region und deren Verbindungen zu USA sind derzeit noch ein Garant zum Erhalt des status quo des "regionalen" Gefüge. Zumal Pakistan (noch) instrumentalisiert ist. Iran ist damit eher isoliert und im Norden wird die Türkei stabilisierend einwirken. Zudme scheint die Arabische Liga nicht existent.
Verstehen sie mich nicht falsch, aber wenn ich ihrer Prognose folge, dann muss ich zu dem Schluss kommen, dass die USA nicht lernfähig sind (von Fern Ost über Südamerika bis Afrika). Ich müsste dann folgern, dass die mächtigste Vereinigung der Welt von [Ignoranten, Autisten - bzw. Psychopaten] geführt wird. Und das die sogenannte freie Welt ihr ohne nennenswertem Widerspruch folgt. Das kann und will ich nicht glauben.
Es sollte langsam klar geworden sein, dass amerikanische Naivitaet bei der Einschaetzung ihres aussenpolitischen Handelns in Zukunft von den Europaeern viel kritischer hinterfragt werden muss.
Aber wer hatte schon Lust bei den Schulkindern mitzulaufen und gegen den Irak-Krieg zu protestieren.
Frau Merkel, die fuer eine Beteiligung optierte, ist heute Bundeskanzlerin.
Mit dem Geld, das man fuer den Irakkrieg ausgeben wird, haette man eine Reihe von Prototypen fuer die Kernfusion bauen koennen, koennte man heute der Loesung des Energieproblems viel naeher sein.
Europa aber hat es wieder einmal vorgezogen, uneinig zu sein.
Die Rechnung dafuer werden wir in den naechsten Jahren bekommen.
Die Sprengung der Grabstätte des Ali I-Hadi ist der Super-Gau, ein Bürgerkrieg lässt sich nicht mehr vermeiden.
Ali I-Hadi war der 10.Imam der "zwölf rechtmässigen Imame" der Schiiten.
Er erhielt das Imamat im Alter von sieben Jahren.
Ali I-Hadi ist der wichtigste (weil beliebteste) Repräsentant der schiitischen Glaubensgeschichte. Und zwar deshalb, weil er einen Märtyrerstatus besitzt.
Nach dem er dem Kalifen Al-Mutawakkil unterlegen war, verbrachte er den grössten Teil seines Lebens in Hausarrest, zusammen mit seinem Sohn, dem elften Imam der Schiiten.
Gerade zu dieser Zeit (also etwa Mitte des 9. Jahrhunderts) hatten die Schiiten sehr zu leiden unter den Sunniten, wurden in vielfacher Hinsicht unterdrückt.
Ali I-Hadi trägt den Beinamen "Der Geleitete" und "Der Erhabene". Seine ausserordentliche Beliebtheit kommt auch immer wieder bei den Sufi-Sängern zum Ausdruck (z.Bsp. bei Nusrat Fateh Ali Khan, der ganze Hymnen auf ihn gesungen hat).
Ali I-Hadi wurde im Jahre 868 vergiftet, auch sein Sohn wurde wenige Jahre später getötet.
Die Schiiten warten seitdem auf die Wiederkehr des zwölften Imam, der nur "entrückt" ist, und der am Ende der Tage wiederkehrt, zur Errichtung des islamischen Reiches.
Die Sprengung seiner Grabkirche ist nicht nur ein Akt kultureller Barbarei, sondern auch der unvermeidbare Einstieg in einen Bürgerkrieg.
Peter Scholl-Latour hat diesen Bürgerkrieg schon vor einigen Jahren frühzeitig vorhergesagt.
Und er war nicht der einzige.
Und nur deswegen war der Irak-Krieg falsch. Es war klar, dass dem Land dann die Stabilität verloren ginge.
Und deshalb muss man sich schon fragen, warum die Amerikaner milliardenteure Think-Tanks unterhalten, wenn diese nicht in der Lage sind, solche Ereignisse vorherzusehen.
"Und deshalb muss man sich schon fragen, warum die Amerikaner milliardenteure Think-Tanks unterhalten, wenn diese nicht in der Lage sind, solche Ereignisse vorherzusehen."
Ist (und war) eine Destabilisierung der Region nicht Sinn der Sache.
- Das US-Militär bleibt gebunden.
- Und ist schnell einsetzbar. zB. zum Schutz Israels
- Die US-Rüstungsausgaben bleiben stabil.
- Internen Probleme in den USA bleiben weiterhin sekundär.
- Die Ölquellen können seperat geschützt werden.
- Die UAE bleiben Rückzugsraum.
- Die Arabische Liga kann sich wieder um sich selbst drehen.
- Das Bilder der "gefährlichen" muslimischen "Horden" bleibt dem Westen erhalten.
Ich erinnere mich noch an den Kampf zwischen CIA und Pentagon im Vorfeld des 2ten Irakkrieges. Mir kann niemand erzählen, dass das bestehende Szenarium nicht mit einkalkuliert ist und vielleicht sogar begrüßt wird.
Letztendlich ist es für USA eine win/win-Situation.
In Irak liegen jeden Tag erschossene Zivilisten am Strassenrand, mindestens 2000 -3000 im Monat , die meisten werden von den Irakern der gewaltsamen Besatzung zugeschrieben, ständig werden Bombenanschläge gegen Zivilisten mit unklarem Hintergrund verübt, vor allem gegen Schiiten ohne dass es zu einem Bürgerkrieg kam, höchstens ein fiktiver mit Anschlägen gegen Sunniten und Schiiten, wo immer die Urheberschaft unklar ist. Nun nach dem Anschlag auf das Heiligtum in Sammarah wird wieder der Bürgerkrieg beschworen, wenn er nun doch nicht gausbricht, was wird als nächstes geschehen ? Offensichtlich braucht man einen Bürgerkrieg um die gewaltsame aber quasi gescheiterte Besatzung des Irak und ein eventueller unrühmlicher Abgang in der Öffentlichkeit des Westens weiter moderieren zu können. Die Vorgänge haben eine Handschrift, und einige der Beteiligten kennen sich mit Terror gut aus.
http://www.google.de/sear...
Man kann nur hoffen dass die muslimischen Autoritäten genauso besonnen reagieren wie bei den vorrausgegangenen Provokationen.
Gruß Fritzfernando
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