Arbeitmarkt Der linke Zeitgeist stolpert
Die Linkspartei hat ein Problem mit ihrer Fusion - aber ein noch viel größeres mit ihrer Basis. Sie fällt deshalb zurück in altgediente Muster
Die Linke tagt unterm Kreuz. Der Antrag "Für Selbstbestimmung und soziale Sicherheit - Strategien zur Überwindung von Hartz IV" steht in dieser ersten von drei Anhörungen zur Diskussion. Mehr als 400 Leute wollen mitreden, weshalb die Linkspartei ihre Gäste am Freitag im Fraktionssaal von CDU und CSU empfängt. Fraktionschef Gregor Gysi ist begeistert - ob wegen des Interesses oder weil er das erste Mal im Saal des großen Gegners zu sitzen kommt, ist nicht ganz klar.
Vorne an der Längsseite des grau gehaltenen Raums drapiert sich die Fraktionsprominenz
: Links Lothar Bisky, zur Mitte hin der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Axel Troost, für die WASG im Bundestag, und Katja Kipping, die als sozialpolitische Sprecherin ihrer Fraktion den Antrag initiierte. Dann Gysi, einige Referenten, fast am Ende des Saales Klaus Ernst, einer der Gründer der WASG. Er ist wie Bisky Schmuckwerk und sagt drei Stunden lang nichts. Ein Symbol für den Zustand der Noch-nicht- vielleicht-nie-
Fusionspartei
? Auch Troost, langjähriger Berater der rot-roten Regierung in Schwerin, sagt wenig. Nur, dass Ein-Euro-Jobs in sozialversicherungspflichtige Arbeit umgewandelt werden sollten, indem man alle zur Verfügung stehenden Mittel zusammenfasst. 1.300 Euro je Stelle könnte der Staat dann bezahlen. So hat es auch die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di ausgerechnet.
Im Saal, dem Funktionärstisch gegenüber, drängt sich eine bunte Mischung linken Volks. Anzugsozialisten, Montagsdemonstranten in weißen T-Shirts (Aufdruck: "Die Überflüssigen"), andere, die sich "Hartz-IVler" nennen, auch eine "Agentin für Geschlechtergerechtigkeit". Die Stimmung: verhalten. Als zwei Männer ein Plakat entrollen und an die rückwärtige Wand drapieren, ist gleich ein Ordner da. Also nehmen sie den Spruch "Kein Hartz IV für Europa" schnell wieder ab.
Dann spricht Gysi. Er beschwört den "Zeitgeist", der mal neoliberal war, nun aber bröckle, weshalb es der Linken gelingen müsse, eben jenen Zeitgeist "ein wenig" zu verschieben. Wohin,
das führt dann Kipping aus
. Neun Seiten ist ihr Antrag lang. Die Hartz-IV-Gesetze brandmarkt er als "Armutsgesetzgebung", fordert eine "bedarfsorientierte soziale Grundsicherung", will das Arbeitslosengeld II in Ost wie West auf 420 Euro erhöhen, "mittelfristig" eine Kindergrundsicherung und ein Recht auf "unabhängige, kostenfreie Sozialberatung" einführen und das "Individualprinzip" durchsetzen, was heißen soll: Bedarfsgemeinschaften abschaffen, volljährige junge Erwachsene aus der elterlichen Wohnung ausziehen lassen. Letzteres sagte Gysi eleganter: "Man darf mit 18 den Frieden am Hindukusch verteidigen, aber wenn man arbeitslos wird, ist man minderjährig."
Feuer entfacht das alles nicht. "Wir sind wieder verarscht", grummelt einer, "eine Berieselung ist das", ruft ein anderer Richtung Podium. Wen wundert's: Vieles aus dieser Zusammenschau war schon im Wahlkampf zu vernehmen. Das einzige, was über Reparaturen an Hartz IV hinausgeht, ist ein alter Schweriner Hut: die Schaffung eines öffentlich geförderten Beschäftigungssektors. Den bewirbt Mecklenburg-Vorpommerns Arbeitsminister Helmut Holter (Linkspartei.PDS). Was er auch muss, denn seit 1998 erprobt er die Förderung gemeinnütziger Jobs und hat auf diese Weise 800 Menschen in Arbeit gebracht. Die Arbeitslosigkeit in seinem Land blieb dennoch eine der höchsten in Deutschland.
Wissen Holter, Kipping und Konsorten, wer ihnen da gerade gegenüber sitzt? Welche gesellschaftliche Erschütterung in jenem Umstand besteht, von dem eine freiwillige Hartz-IV-Beraterin aus Weißwasser berichtet: Von jener jungen alleinerziehenden Mutter, der es nach drei Jahren endlich gelang, vom Kindsvater die vorenthaltenen Alimente zu erklagen. Um dann zu erfahren, dass das Geld von der Arbeitsagentur als zusätzliches Einkommen angerechnet werden wird. "Macht, dass Hartz IV wegkommt", ruft die Beraterin, bevor ihre Stimme bricht. Das ist dann auch den Montagsdemonstranten peinlich. Viel schöner klingt doch, als ein aufgeregter älterer Herr auf sächsisch tönt: "Der Ein-Euro-Job ist verfassungswidrig, wenn er zwangsweise verordnet wird."
- Datum 22.02.2006 - 12:29 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 27.2.2006
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Der Artikel beinhaltet vermutlich zwei entscheidende Irrtümer. Der erste Irrtum besteht darin anzunehmen, die 400 Gäste der geschilderten Veranstaltung seinen Leute gewesen, die mitreden wollten. Es wird vermutlich einmal mehr eine Mischung aus persönlichem Frust, diffuser Heilssehnsucht und unüberwindlicher Ungläubigkeit gewesen sein, die den Saal gefüllt hat. In einem solchen Zustand kann der Mensch zwar hören, aber nur bedingt verstehen. Mitreden kann er nicht. Diskutieren schon gar nicht. Besonders dann nicht, wenn man ihn vom Podium aus mit Worten traktiert, die weit über seinen Horizont hinaus gehen und mit denen er noch nie etwas anzufangen wusste. Der verwirrte Mensch will keinen intellektuellen Diskurs. Weil er nämlich nicht mehr argumentieren kann, sondern allenfalls noch polemisieren. Der verwirrte Mensch will, dass ihm einer sagt: In 10 Tagen, um 20.00 Uhr, Ecke Sowieso und Ebenda, bring Deine Kumpels mit und vergesst die Knüppel nicht. Weder Gysi noch sonst ein führender Kopf der Linkspartei kann mit solchen Aufforderungen dienen. Also lässt der Veranstaltungsbesucher mittels Zwischenruf Dampf ab. Ein magerer Ersatz. Der zweite Irrtum des Berichterstatters mit dem Doppelnahmen ist, dass er die Anwesenden für eine bunte Mischung linken Volks hält. Links im eigentlichen Sinne waren von den Anwesenden vermutlich nicht einmal zehn Prozent. Der Mensch neigt dazu, sich in unübersichtlichen Situationen um jene zu scharen, die ihn am wenigsten abstoßen. Die, die sich auf Grund der Arbeitsmarktlage mühselig und beladen vorkommen, fühlen sich nun einmal von CDU, SPD, Grünen und FDP in weit größerem Maße abgestoßen, als von der Linkspartei. Die Linkspartei nämlich verlangt von ihren Zuhörern wenigstens nicht permanent, dass sie sich an den eigenen Haaren aus dem ökonomischen Sumpf ziehen ein Kunststück, welches die 400 im Saal sicherlich schon ganz bereitwillig ausgeführt hätten, würden sie es nur beherrschen. Es wird, allen anderweitigen Propagandareden zum Trotz, noch auf unabsehbare Zeit Leute geben, die an irgend einem Punkt ihres Lebens nicht mehr weiter wissen. Überhaupt nicht mehr. Denen hilft es dann auch nicht, wenn man ihnen zu einschlägigen Selbsthilfegruppen und sozialen Bewegungen rät. Die gesellschaftliche Erschütterung, von der im Bericht die Rede ist, erkennen vermutlich nicht allein Klaus Ernst, Lothar Bisky, Axel Troost und Katja Kipping nicht. Sie sind zu gebildet, zu intelligent, zu durchsetzungsfähig dafür. Bleibt zu hoffen, dass uns in Kürze ein neuer, noch unbekannter Erlöser erscheint, einer, der den Deckel abnimmt, ehe der Eintopf überkocht. Denn eines ist wohl wahr: Abgeordnete und Basis bilden im Falle der Linkspartei nicht wirklich eine Einheit genau so wenig, wie im Falle der anderen Parteien auch. Und nachher werden wieder alle sagen, sie trügen keine Schuld.
Der Kommentar eines Teilnehmers "Wir sind wieder verarscht"
besagt bereits alles. Es sind ewig dieselben Redner, die ewig dieselben Dinge sagen. - Unmittelbar nach der Wende hatte ich Gelegenheit, einem verbitterten Treffen
ehemaliger DDR-Intellektueller beizuwohnen. "Altgediente Muster" herrschten auch damals schon. Zudem eine tiefe Enttaeuschung, dass die Arbeiter nicht erkannt hatten, wie gut man es die ganze Zeit mit ihnen gemeint haette. "Wir hatten so gute Plaene, aber die Arbeiter wollten ja bloss
Jeans und Hamburger", jammerte ein Redner, und aus dem
Publikum rief einer: "Ihr hattet ja vierzig Jahre Zeit!"
Vielleicht war es der Vater des Mannes, der sich jetzt wieder verarscht vorkam.
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