Arbeitmarkt Der linke Zeitgeist stolpertSeite 2/2

Wenigstens fragt Holter später, was keinem der anderen Genossen über die Lippen kommt: Wie denn mehr Arbeit zu schaffen sei? Antworten würden wohl einige Vertreter der sozialen Bewegungen geben. Doch stattdessen sagt ein Ver.di-Funktionär in tristester Gewerkschaftslyrik, die Initiative der Linken sei zu begrüßen und ein Mindestlohn nicht unter 7,50 Euro zu fordern. Auch das hatte man schon gehört.

Abgeordnete und Basis - soviel wird augenfällig -  fallen auseinander, wie bei anderen Parteien auch. Doch die "neue Form einer linken Kraft", die Gysi beschwört, verlässt sich, solcher Proteste angesichtig, lieber  auf altgediente Rhetorik. "Differenzen dialektisch nach vorne hin auflösen", will Katja Kipping. Den Kritikern hält sie vor: "Die höchste Form von Protest ist immer zu sagen, was man besser machen möchte." "Dann sag es doch", dringt es aus dem Saal. So viel Widerstand spornt Gysi an: "Ich weiß, wie Montagsdemos aussahen", ruft er feurig in den Saal. "Aussehen!", klingt es wider. "Wir sind noch nicht tot." "Wir müssen auch wieder raus auf die Straße",  fordert der Fraktionsvorsitzende. "Dann komm doch endlich mal", hallt es zurück. So bleibt Gysi nur noch das eine Argument: "Wir stellen uns wenigstens der Debatte. Mit den anderen könnt ihr gar nicht streiten." Sagt's, und flieht in die Mittagspause.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Artikel beinhaltet vermutlich zwei entscheidende Irrtümer. Der erste Irrtum besteht darin anzunehmen, die 400 Gäste der geschilderten Veranstaltung seinen Leute gewesen, die mitreden wollten. Es wird vermutlich einmal mehr eine Mischung aus persönlichem Frust, diffuser Heilssehnsucht und unüberwindlicher Ungläubigkeit gewesen sein, die den Saal gefüllt hat. In einem solchen Zustand kann der Mensch zwar hören, aber nur bedingt verstehen. Mitreden kann er nicht. Diskutieren schon gar nicht. Besonders dann nicht, wenn man ihn vom Podium aus mit Worten traktiert, die weit über seinen Horizont hinaus gehen und mit denen er noch nie etwas anzufangen wusste. Der verwirrte Mensch will keinen intellektuellen Diskurs. Weil er nämlich nicht mehr argumentieren kann, sondern allenfalls noch polemisieren. Der verwirrte Mensch will, dass ihm einer sagt: „In 10 Tagen, um 20.00 Uhr, Ecke Sowieso und Ebenda, bring Deine Kumpels mit und vergesst die Knüppel nicht.“ Weder Gysi noch sonst ein führender Kopf der Linkspartei kann mit solchen Aufforderungen dienen. Also lässt der Veranstaltungsbesucher mittels Zwischenruf Dampf ab. Ein magerer Ersatz. Der zweite Irrtum des Berichterstatters mit dem Doppelnahmen ist, dass er die Anwesenden für eine „bunte Mischung linken Volks“ hält. Links im eigentlichen Sinne waren von den Anwesenden vermutlich nicht einmal zehn Prozent. Der Mensch neigt dazu, sich in unübersichtlichen Situationen um jene zu scharen, die ihn am wenigsten abstoßen. Die, die sich auf Grund der Arbeitsmarktlage „mühselig und beladen“ vorkommen, fühlen sich nun einmal von CDU, SPD, Grünen und FDP in weit größerem Maße abgestoßen, als von der Linkspartei. Die Linkspartei nämlich verlangt von ihren Zuhörern wenigstens nicht permanent, dass sie sich an den eigenen Haaren aus dem ökonomischen Sumpf ziehen – ein Kunststück, welches die 400 im Saal sicherlich schon ganz bereitwillig ausgeführt hätten, würden sie es nur beherrschen. Es wird, allen anderweitigen Propagandareden zum Trotz, noch auf unabsehbare Zeit Leute geben, die an irgend einem Punkt ihres Lebens nicht mehr weiter wissen. Überhaupt nicht mehr. Denen hilft es dann auch nicht, wenn man ihnen zu einschlägigen Selbsthilfegruppen und sozialen Bewegungen rät. Die „gesellschaftliche Erschütterung“, von der im Bericht die Rede ist, erkennen vermutlich nicht allein Klaus Ernst, Lothar Bisky, Axel Troost und Katja Kipping nicht. Sie sind zu gebildet, zu intelligent, zu durchsetzungsfähig dafür. Bleibt zu hoffen, dass uns in Kürze ein neuer, noch unbekannter „Erlöser“ erscheint, einer, der den Deckel abnimmt, ehe der Eintopf überkocht. Denn eines ist wohl wahr: Abgeordnete und Basis bilden im Falle der Linkspartei nicht wirklich eine Einheit – genau so wenig, wie im Falle der anderen Parteien auch. Und nachher werden wieder alle sagen, sie trügen keine Schuld.

  2. Der Kommentar eines Teilnehmers "Wir sind wieder verarscht"
    besagt bereits alles. Es sind ewig dieselben Redner, die ewig dieselben Dinge sagen. - Unmittelbar nach der Wende hatte ich Gelegenheit, einem verbitterten Treffen
    ehemaliger DDR-Intellektueller beizuwohnen. "Altgediente Muster" herrschten auch damals schon. Zudem eine tiefe Enttaeuschung, dass die Arbeiter nicht erkannt hatten, wie gut man es die ganze Zeit mit ihnen gemeint haette. "Wir hatten so gute Plaene, aber die Arbeiter wollten ja bloss
    Jeans und Hamburger", jammerte ein Redner, und aus dem
    Publikum rief einer: "Ihr hattet ja vierzig Jahre Zeit!"
    Vielleicht war es der Vater des Mannes, der sich jetzt wieder verarscht vorkam.

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