Noch immer sind die Wände der Probebühne kahl, die Kostüme und Requisiten allenfalls angedeutet. Doch inzwischen haben die szenischen Proben begonnen, und die Dinge geraten in Bewegung. Regisseur Holger Müller-Brandes(C) Swen-Erik Scheuerling BILD

„Ich würde mich hier so in die Szene reinmogeln – das ist in dieser Kunstgattung doch möglich?!“ Wie auf einem Laufsteg schlendert die Mezzosopranistin Daniela Strothmann schnipsend über die provisorische Seitengalerie und verbreitet dabei einen Hauch von Revue. Komponist Pit Przygodda hält für einen Moment verblüfft am E-Piano inne. „Na wenigstens hat sie KUNSTgattung gesagt“, wird ihn Regisseur Holger Müller-Brandes später trösten.

Solche Vorfälle sind selten geworden in dieser zweiten Probenwoche. Die Stimmung wirkt gelöst, fast freundschaftlich. Man hat sich aufeinander zu bewegt, nachdem es immerhin drei Besetzungswechsel zu verkraften gab. Die neu formierte Gruppe scheint das schwierige Konzept dieser Produktion tragen zu wollen und arbeitet nun an der angestrebten Melange aus Pop und Kunstgesang.

Geprobt wird eine Szene aus dem ersten Akt: Polis und Thetis, zwei mythologische Figuren, streiten um Carlo, der sich im Prolog das Leben genommen hat. Da der neue Carlo-Darsteller heute nicht dabei ist, muss die Kostümassistentin einspringen: Der finstere Tenor Thetis schleppt sie davon, bis sich Daniela Strothmann als Polis „in die Szene reinmogelt“ und Carlo an sich nimmt. Es entbrennt ein heftiger Zwist, der etwas von einem Ehestreit hat – was am heiteren Swing „dieser Kunstgattung“ liegen mag: Es ist ein balladesker Song, den die mythologischen Rivalen mit fortwährendem Schnipsen unterstützen.

Regisseur Müller-Brandes lässt die Szene laufen. Die Schauspieler sollen ihre eigenen Ideen einbringen. Zumeist äußert er sich erst nach dem Ende einer Passage, gibt Hinweise oder macht Vorschläge. Wenn sich aus dem Spiel eine besonders verwegene Wendung ergibt, strahlt er wie ein Junge, der gerade mit voller Absicht die Schulordnung gebrochen hat.

Die Unbekümmertheit des Regisseurs weicht, als es an den atmosphärischeren zweiten Akt geht, in dem die kurzweiligen Songs zu elegischen Klängen werden. Müller-Brandes lässt die Bühne räumen, weil er Platz für seine Gedanken braucht. Eine besonders komplexe Szene steht heute zum ersten Mal auf der Tagesordnung. Vielleicht ist es die Schlüsselszene, mit der die Produktion steht und fällt.