Hochschulen Gestörte Aktenlage

In Nordrhein-Westfalen halten Studenten aus Protest gegen die Einführung von Studiengebühren Uni-Rektorate besetzt. Und bald beginnen auch Aktionen in Schleswig-Holstein

Feldbetten im Rektoratsflur und hin und wieder Live-Musik: Eine Gruppe Studenten der Universität Paderborn hat sich seit acht Tagen im Flur B2 des Verwaltungsgebäudes der Uni eingenistet und denkt nicht daran, nach Hause zu gehen. Was wollen sie dort? Protestieren.

Nachdem der Senat der Universität am 15. Februar mit 13 zu acht Stimmen die Einführung von Studiengebühren zum Wintersemester dieses Jahres beschlossen hatte, wurde kurzerhand die Besetzung von sechs Büros beschlossen. Seither „kommt keiner mehr an seine Akten“, sagt Richard*, einer der Streikenden, mit stolzer Stimme. Rektor Nikolaus Risch habe zwar mit der Räumung durch die Polizei gedroht, „die war auch kurz da“, bestätigt der Student, „aber geräumt haben die nix“.

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Krawall haben die etwa 70 Studenten, überwiegend in den Geisteswissenschaften eingeschrieben, nicht im Sinn. „Wir sind keine radikale Gruppe, der Protest läuft total friedlich ab“, sagt Dieter, der in Paderborn im 2. Semester Germanistik und Romanistik studiert. Gegen eine Räumung würde sich hier niemand „körperlich wehren“, versichert er.

Das gilt nicht für die ganze Republik. In Bielefeld, wo Studenten seit über drei Wochen den Rektoratsbereich besetzen, gab es vergangene Woche Handgreiflichkeiten. Mitarbeiter der Uni wollten gegen den Willen der Besetzer Unterlagen aus den besetzten Räumen holen. Zwar haben die Studenten in Bielefeld einen Verhaltenskodex vereinbart, der „absichtliche Sachbeschädigung und gewaltsames Handeln prinzipiell ausschließt“, dennoch traut Uni-Sprecher Hans-Martin Kruckis den Aktionsteilnehmern nicht ganz. „Ich habe gehört die Besetzung der Räume soll mit einem großen Knall enden - ich hoffe nicht, dass damit eine Explosion gemeint ist.“ Immerhin bestünden unter den Studenten Kontakte zu Bielefelds autonomer Szene, welche er als „nicht ganz unbedeutend“ einschätzt. Bislang wurden freilich nur die Schlösser von zwölf Türen im Gebäude verklebt, die ausgetauscht werden mussten.

Die Entscheidung über die Gebühren wird in Bielefeld, wie überall in Nordrhein-Westfalen, den Hochschulen überlassen. Wohl erst im Sommer wird der Uni-Senat darüber abstimmen, bis dahin wolle das Rektorat die Studenten über Pro und Contra der Gebühren diskutieren lassen, sagt Kruckis.

Gregor aus Paderborn hat jetzt sechs Tage und Nächte mit der Besetzung zugebracht. „Nur einmal bin ich zum Duschen nach Hause“, sagt der 22-jährige leise. Er gibt zu, dass die Aktion aus Ohnmacht entstanden sei und vielleicht so etwas wie der letzte Strohhalm für die Gebühren-Gegner Paderborns darstellt. „In Dortmund wollte der Uni-Senat die Gebühren auch beschließen. Als dann Räume besetzt wurden, ist die Entscheidung noch mal vertagt worden.“  Jochen Dahm, Geschäftsführer des Aktionsbündnisses gegen Studiengebühren (ABS) in Berlin, pflichtet ihm bei. In Bielefeld seien immerhin Teilerfolge erzielt worden: „Die grundsätzliche Entscheidung für die Gebühren war schon beschlossen und wurde wegen der Besetzungen erneut in Frage gestellt.“

Leser-Kommentare
    • T9B
    • 26.02.2006 um 15:25 Uhr

    Als 1989 in Australien Studiengebühren eingeführt wurden, lagen sie bei 250 Aus $ pro Semester. Inzwischen liegen sie zwischen 3.600 und 6.000 Aus $.

    Zwischen 65.000 und 90.000 Euro wird nach einer aktuellen Berechnung der staatlichen KfW-Bankengruppe die Kreditsumme liegen, die bei einem darlehensfinanzierten 10-semestrigen Studium am Ende aufgelaufen ist. Selbst wenn sich (heute und auf absehbare Zeit die Ausnahme!) unmittelbar eine angemessen dotierte Anstellung anschließt, wird die Rückzahlungs-Pflicht Familiengründung behindern oder gar verhindern. Schon heute sind auch die sogenannten Besserverdienenden enorm belastet, wenn sie den Lebensunterhalt ihrer Kinder über Jahre hinweg im Studium finanzieren. Bei mehreren in Ausbildung befindlicher Kinder an der Belastungsgrenze. Die neben dem Lebensunterhalt zu erbringenden Kosten für Studienmaterial sind noch nicht hinzu gerechnet.

    Studiengebühren (auch nachlaufende) sind kinderfeindlich!

    Wird die Lebenssituation von Hochschulabsolventinnen und –Absolventen zusätzlich durch hohe Rückzahlungspflichten belastet, wird der Kinderwunsch noch weiter und vielleicht endgültig zurückgestellt. Es ist paradox und unredlich, einerseits die überproportionale Kinderlosigkeit von Akademikerinnen zu beklagen, andererseits aber mit Studiengebühren dafür zu sorgen, dass sich ihre materielle Situation zusätzlich verschlechtert.

    Nachlaufende Studiengebühren verursachen einen riesigen Bürokratieschub mit unabsehbaren Kosten!

    Studiengebühren-Darlehen, die nach erfolgreichem Studium und ab einem bestimmten Einkommen rückzahlbar werden, verlangen eine umfangreiche Nachforschungs-Bürokratie. Sie wird umso größer, je unübersichtlicher die Berufsbiographien werden, d. h. je häufiger sich die Wechsel zwischen Arbeitslosigkeit, Volltätigkeit, Part-time-jobs, Auslandstätigkeiten etc. vollziehen. Diese Kosten werden in den gegenwärtig gehandelten Studiengebühren-Modellen nicht berücksichtigt. Die Flucht motivierter studierwilliger ins Ausland wird weiter zunehmen.

    Stipendienmodelle fehlen gänzlich und auf unabsehbare Zeit!

    Es gibt in Deutschland nur eine verschwindend kleine Zahl von Stipendiengebern zur Studienfinanzierung, die überdies auch noch weltanschaulich/parteipolitisch ausgerichtet sind. Die Absicht, über Stipendiengeber Studiengebühren zu finanzieren und daraus wiederum die Hochschulen, hat für potentielle Stipendiengeber keinen Reiz

    zum Thema Ausland.

    In Wahrheit werden aber nur in knapp der Hälfte
    von zwanzig untersuchten westeuropäischen Ländern Studiengebühren erhoben (Dohmen/Ulrich, 1996). Diese wiederum haben in den jeweiligen Ländern einen unterschiedlichen Stellenwert innerhalb komplexerer Bildungsfinanzierungsmodelle. So gehen etwa in den Niederlanden die Studiengebühren in die Berechnung des
    Lebenshaltungskostenindex ein, an dem sich wiederum die Höhe der staatlich bezuschussten Ausbildungsförderung bemisst (ähnlich in der Schweiz). In Belgien, Italien und
    Spanien gibt es umfangreiche Freistellungsmöglichkeiten.
    In Großbritannien zeigt die Einführung der Studiengebühren katastrophale Auswirkungen auf die gesellschaftlich relevanten, aber nicht direkt ökonomisch verwertbaren
    Studiengänge. In Finnland wurde 1997 die generelle Gebührenfreiheit festgeschrieben – der Erfolg der finnischen Bildungspolitik lässt sich an der hohen Studienanfängerquote von bis zu zwei Dritteln der gleichartigen Bevölkerung in Finnland [...]“ ablesen (OECD nach BMBF, 2001, S. 5). Die Studiengebührenfreiheit,
    aber auch die Tatsache, dass dort rund 80 Prozent der StudentInnen eine staatliche Förderung erhalten (HIS, 2002) führt in diesem Land offensichtlich zu einer enormen
    Bildungsbeteiligung. Die Behauptung, Studiengebühren seien eine Voraussetzung für internationale Konkurrenzfähigkeit, ist falsch. Vielmehr zeigen die Vorgänge in Großbritannien sowie das PISA- und Euro-Student-Ergebnis Finnlands, dass
    Studiengebühren kontraproduktiv sind (vgl. hierzu auch Nagel 2004).

    Wenn man dazu die verschiedenen Hochschulen (private und staatliche) z.B. in den USA betrachtet, ist festzustellen, dass trotz aller Stipendiensysteme gerade an den Renommiertesten Hochschulen eine Rekrutierung immer wieder aus den selben gehobenen Schichten der Gesellschaft stattfindet.

    In den USA wird ein Universitätsstudium als Investition betrachtet. Die Studienfinanzierung, zumindest die Unterstützung eines Studium ist vor allem Aufgabe der Familie. Deshalb stellen die rasant steigenden Studiengebühren für viele Familien ein ernstes Problem dar (in den letzten zehn Jahren sind die Kosten für den Besuch staatlicher Colleges um 79 Prozent gestiegen, die Durchschnittseinkommen jedoch nur um 38 Prozent und die Verbraucherpreise nur um 27 Prozent).

    In den USA gibt es zunehmend Initiativen, die die Abschaffung von Studiengebühren fordern und die Schieflage zwischen reichen (privaten) und armen (staatlichen) Hochschulen thematisieren, die durch Studiengebühren verschärft wurde.

    „Die University of Virginia musste nach einem Bericht in ihrer Studentenzeitung „The Cavalier Daily“ zugeben, dass sie Bewerber auch unter dem Aspekt des Spendepotenzials ihrer Eltern beurteilt. In geheimen internen Mitteilungen wurden Namen wünschenswerter Studienanfänger genannt, etwa der des Boeing-Erben. Auch andere Hochschulen haben zugegeben, dass sie in Fällen, wo sie zwischen zwei gleich Begabten entscheiden müssen, das Spendepotenzial der Eltern als Kriterium (Hervorhebung durch den Verfasser) heranziehen. Die Zulassungsstelle der Universität von Yale erklärte kürzlich, sie habe so viele hervorragende Bewerber, dass sie für jeden Studienplatz zwischen zwei gleich gut Qualifizierten entscheiden müsse. In solchen Situationen können Universitäten leistungsfremde Kriterien wie den Reichtum der Eltern zum Zuge kommen lassen.“

    Kampf um Begabte
    „Um ihr Prestige zu verbessern und einen höheren Platz im Universitäts-Ranking zu erlangen, werden die besten Schulabgänger umworben - und zwar immer häufiger mit direkten Geldofferten. Universitäten versuchen sich gegenseitig mit Stipendiumsangeboten zu übertrumpfen, um die besten Schüler an ihre Institute zu holen. Ron Ehrenberg von der Eliteuniversität Cornell und Autor des Buches Tuition Rising: Why College Costs So Much sagte: ‚Studenten könnten versucht sein, zu einer zweitrangigen Universität zu gehen, allein weil diese mehr Geld
    bietet.`

    [Quellen](Oder auch Seiten zum Informieren)
    http://www.bundestag.de/b...
    http://www.abs-bund.de/_b...
    http://www.studis-online....
    http://www.nachdenkseiten...

  1. Als Student eines technischen Studienganges der RWTH Aachen wundere ich mich, das Studenten einfach mal so die Zeit habem, mehrere Tage oder gar Wochen nur mit dem Besetzen eines Flures zu verbringen, noch dazu in der Prüfungszeit. Ich unterstelle einfach mal, das jemand, der diese Zeit einfach entbehren kann sein Studium nicht gewissenhaft verfolgt. In einem solchen Fall sind die angekündigten Studiengebühren natürlich auch ein harter Schlag. Man bekommt ja nichts für sein Geld, die Partys werden ja nicht von der UNI organisiert.
    Für diejenigen, die nebenbei auch was lernen und das an einer guten Uni sind die Gebühren zu einem großen Teil selbstverständlich, eine gerechte Zahlung für ein hervorragendes Angebot.

    Die häufigen Behauptungen, Bafög-Empfänger wären mit diesen Zahlungen überfordert sind schlichtweg falsch. In Kombination mit den Wohnangeboten des Studentenwerks reicht das Bafög problemlos für den Unterhalt, bei vielen Kommilitonen sogar noch für ein kleines Auto. Das man nebenbei noch arbeitet, ist eine Notwendigkeit die alle Studenten trifft, die nicht-Bafög-Empfänger genauso wie die Bafög-Empfänger (In meinem Bekanntenkreis arbeiten jedenfalls alle nebenher).

    Die Demonstranten sollten sich lieber darauf besinnen ihr Studium zügig durchzuziehen und für das Berufsleben fit zu sein. Wer das Studium dagegen als Verlängerung seiner Kindheit mit Partys und Freizeit auf Kosten seiner Eltern oder des Staates betrachtet, für den wird es langsam Zeit erwachsen zu werden.

  2. Warum soll der Staat ein kostenfreies Studium finanzieren? Waere es nicht sinnvoller wenn man Studenten einen guenstigen Kredit gewaehrt( moeglichst ohne Zinsen) der nach Beendigung des Studiums zurueck gezahlt wird.So geschieht es in USA .Man sollte auch an Stipendien oder aehnliche Programme denken um finanzschwachen Familien zu unterstuetzen.Ich glaube wenn jeder sein Studium finanzieren muss wird bewusster gelernt und die ewigen Studenten fallen auch aus.

    • T9B
    • 26.02.2006 um 2:05 Uhr

    @zeitleser80

    Hier hast du mal ein Beispiel, ... mich.
    Ich habe diese Woche 2 Klausuren geschrieben, schreibe nächste Woche eine weitere Klausur. Dafür gelernt habe ich bei der Besetzung. Bafög bekomme ich auch. Und ich habe auch ein Zimmer vom Studentenwerk, zu 260 Eur/mon.(ach ja an der Bildung wird ja nicht gespart, stat dessen werden dem Studentenwerk 20% des Geldes gestrichen, mal sehen wie schnell die Kosten an den Studis weitergegeben werden.) Nur einen Job habe ich derzeit nicht, werde ich mir aber dank der Studiengebühren suchen müssen.

    Ach ja recht hast du, die Leute die den Baföghöchstsatz oder zumindest einen recht großen Teil davon bekommen, die werden derzeit keine Mehrbelastung von den Gebühren haben. Es wird viel mehr die Mittelschicht treffen, das sind die Leute die nur wenig Bafög bekommen, und meist auch jetzt schon einen Nebenjob haben, die werden monatlich 83 Eur mehr aufzubringen haben, was zur Folge hat, das sie mehr Arbeiten und weniger Lernen. Das beschleunigt weder das Studium noch ist es Sozial gerecht. Zumal ein nicht zu unterschätzender Grund für Studienabbruch oder Studienunterbrechung immer noch ein Finanzierungsproblemen auch jetzt schon ist.

    Durchschnittlich stehen einem Studenten ca 780 Eur / mon zur Verfügung, der Baföghöchstsatz ist bei 450 Eur. Daran sieht man wider rum sehr gut das ein großer Teil der Studierenden aus reichem Elternhaus stammt, wo es ein leichtes sein wird die 1000 Eur pro Jahr abzuzwacken, oder diese gleich von den Eltern bezahlen zu lassen.

    Aber Argumente für Studiengebühren hast du ja noch nicht gebracht.....

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  • Quelle ZEIT online, 23.2.2006
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