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Im Parlament findet die Föderalismusreform keine Mehrheit. Jedenfalls noch nicht

Seit Wochen herrscht bei den bundespolitischen Verteidigern der Föderalismusreform eine bemerkenswerte argumentative Armut, wenn es um die Bildungspolitik geht. Die Gespräche im Regierungsviertel verlaufen immer nach demselben Muster: "Sind Sie sicher, dass es eine gute Idee ist, wenn sich der Bund ganz aus der Bildungsförderung zurückzieht?" - "Meine persönliche Meinung tut hier nichts zur Sache. Wichtig ist, dass die Föderalismusreform endlich verabschiedet wird." - "Aber Bildung ist eine der Hauptaufgaben unserer Zeit, da soll der Bund künftig nichts mehr zu sagen haben?" - "Wir mussten den Ländern ein letztes Einflussgebiet lassen, sonst hätten sie der Reform nicht zugestimmt", kommt dann pragmatisch-nüchtern als Antwort.

Ein rein machtpolitisches, strukturelles Argument also herrscht vor. Man bohrt und bohrt, aber es kommt nichts Erhellenderes zutage, außer: Anders kriegen wir die Länder nicht dazu, ihr Zustimmungsrecht bei Gesetzesverfahren weitgehend aufzugeben. Ob das wirklich so ist, darüber streiten Juristen auch noch. Von einem "Paket" ist jetzt immer die Rede, das nicht mehr aufgeschnürt werden soll.

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In dieses Paket hat das Kabinett mit den Ministerpräsidenten allerdings gehörige Widersprüche geschnürt. Beide Parteien haben den Wahlkampf vor der Bundestagswahl mit dem Argument geführt, Bildung sei der Schlüssel zum Wohlstand im 21. Jahrhundert. Im Koalitionsvertrag vom 11. November schrieben sie noch von vollmundig Aufgaben, die sie jetzt vollständig abgeben: "Die Teilhabe aller an Bildung und Ausbildung ist die zwingende Voraussetzung dafür, dass keine Begabung ungenutzt bleibt." Betont wurden die sprachliche Frühförderung im Vorschulalter und ganztägige Bildungsangebote. "Deshalb setzen wir uns für den weiteren Ausbau von Ganztagesschulen ein.(...) Wir werden auch in Zukunft unseren Beitrag leisten, damit sich Deutschland an internationalen Vergleichsstudien wie etwa PISA beteiligen kann." Käme die Föderalismusreform, wie diese Woche von Kabinett und Ländern beschlossen, wäre die Passage im Koalitionsvertrag zu streichen.

Folgende Worte stammen eigentlich von Angela Merkel: "Bildung und Innovation sind unsere Schlüssel zu Wohlstand im 21. Jahrhundert. (...) Nur wenn wir uns dem globalen Wettbewerb mit Zuversicht stellen, all unsere Leistungskraft und unsere Begabungen entfalten, können wir unser hohes Niveau bei Löhnen und Gehältern halten. Wir müssen so viel besser sein, wie wir teurer sind. Dann werden wir alle zu Gewinnern der Globalisierung werden. Unser Land muss seine Chancen wieder nutzen." Die Sätze sind auf ihrer Homepage ebenso zu finden wie in vielen ihrer Reden. Kein Wunder, dass sie am Montag gegen 15 Uhr nach dem Ministerpräsidenten-Beschluss als Regierungschefin im Kanzleramt nur mit ein paar mageren Sätzen vor die Kameras tritt und keine Fragen zulässt. Ärgerlich für alle, die von Politikern noch eine gewisse Kohärenz im Handeln erwarten .

Die Wut brach einen Tag später im Parlament aus: In einer eigens dazu veranstalteten SPD-Fraktionssitzung fand sich keine Mehrheit für die Reform, auch in der CDU sitzen Zweifler, wenn auch noch verhalten. Die Union agiert traditionell stärker gemäß der Länderinteressen. Derzeit fehlt also im Parlament die nötige Zweidrittelmehrheit. Das weiß auch die Regierung. Sie hofft, dass es hier erst einmal nur um ein Muskelspiel geht in dem noch jungen Kräfteverhältnis zwischen Kabinett und Fraktionen. SPD-Fraktionschef Peter Struck will den Seinen eine eigene Stimme und Diskussionsphase schenken. Unklar ist am Dienstag auch für die Beteiligten, was ihm am Ende wichtiger sein wird: Die großen Erfolgsmeldungen der Großen Koalition nicht zu gefährden ("Endlich! Größte Verfassungsreform seit 1949 verabschiedet") oder die Argumente der vielen Kritiker ernst zu nehmen.

Mit dem von ihr mitverhandelten Koalitionsvertrag im November war Edelgard Bulmahn (SPD), unter Kanzler Gerhard Schröder Bildungs- und Forschungsministerin, noch ganz zufrieden. Heute findet sie schärfste Worte der Enttäuschung. Bildung entscheide über die Zukunft, "und wir entziehen dem Bund auf kaltem Wege über die Verfassungsänderung jede Möglichkeit, Länder und Gemeinden zu fördern, die das wollten." Man müsse die langfristigen Auswirkungen bedenken, eine Verfassungsveränderung gelte für Jahrzehnte. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung unterstütze das Ganztagesschulprogramm der Bundesregierung. Ein solches Förderprogramm wäre künftig nicht mehr möglich. "Ein moderner Staat, der eigentlich auf die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse setzen müsste, verurteilt die Bundesebene zur Handlungsunfähigkeit."

Die Föderalismusreform hat schon ein Glaubwürdigkeitsproblem im Parlament. Es könnte sich zu einem solchen unter den Bürgern ausweiten. Schon der vorangegangene Versuch einer Reform war an der Bildung gescheitert. Das hätte der Kanzlerin, die gerne aus den Fehlern der Vorgänger lernt, eigentlich eine Lehre sein müssen. Ein Fehler ihrer viel gerühmten ersten hundert Tage zeichnet sich langsam ab. Dass sie sich zu sehr um das Große und Ganze, um das Repräsentieren und Moderieren kümmert. Aber zuwenig ums Detail und die Logik ihres Handelns.

 
Leser-Kommentare
  1. eine föderale Ordnung macht doch den Übergang von Nationalstaaten in europäische Regionen einfacher.

    Man muss sich dochmal nach dem Sinn des Nationalstaates fragen, je mehr dort der Zentralismus fortschreitet desto mehr wird er zum Tummelplatz von Politkriminellen und Lobbyiesten mit allen Gefahren für die Sicherheit der Bürger.

    Was haben wir denn gewonnen durch die späte Gründung eines Nationalstaates der einmaliges Elend über Europa gebracht hat, und vor allem über seine eigenen Bürger, und nun heute wieder vorprescht als vorgebliche europäische Führungsmacht die restliche Welt zu schikanieren, mit Gewalt zu drohen, andere Kulturen zu diskreditieren , sich als die besseren Herrenmenschen mit den höheren Werten zu definieren. Es wird keinen Endsieg des deutschen Nationalstaates und des deutschen Wesens geben.

    Je schneller sich das die ewigen Revanchisten aller politischer Richtung abschmincken desto besser für uns alle.

    Gruss Fritzfernando

  2. Den Artikel kann man eigentlich massiv abkürzen, nämlich so:

    (1) Bildung ist wichtig.
    (2) Wichtiges soll nur der Bund regeln.

    Dem ersten Punkt stimme ich zu, dem zweiten Punkt nicht. Aber offenbar ist man bei der Zeit grundsätzlich gegen Föderalismus (im Zeit-Jargon: "Kleinstaaterei"). Bildung, Umwelt, Strafvollzug, Beamtenrecht, alles soll zum Bund. Was sollen die Länder regeln? Offenbar nichts, nur mitbestimmen sollen sie weniger. Oder wo sind Ihre Gegenvorschläge? Ich habe noch keine gelesen.

    Warum kann der Bund z.B. die Bildungspolitik denn besser als die Länder? Sind Harvard, Princton, Stanford, CalTec, MIT denn die besten Unis der Welt, weil sie direkt aus Washington D.C. gelenkt werden?

    Woher kommt dieser fanatische Zentralismus, der glaubt, alles werde gut, wenn Bundesbeamte in Berlin es regeln?

    Lassen sie doch Wettbewerb zwischen den Ländern herrschen! Die besten Ideen werden sich durchsetzen.

    Lassen sie die Wähler die Fragen bei den Landtagswahlen demokratisch entscheiden! Erlauben sie Vielfalt! Was der Bayer mag, mag der Hamburger deshalb noch lange nicht.

    Deutschland war immer föderalistisch organisiert, schon seit der Zeit Karl des Großen. Eine Ausnahme bildet nur die DDR und die Nazi-Zeit. Sind das attraktive Vorbilder?

    Der Föderalismus ist weltweit sehr erfolgreich. Große Länder (egal ob flächen- oder bevölkerungsmäßig groß) sind fast immer föderal organisiert (Indien, USA, Brasilien, Kanada, Australien,Deutschland,...). Weltweit ist eine Entwicklung zur Dezentralisierung oder Regionalisierung beobachtbar, selbst bei traditionell sehr zentralistischen Staaten (Italien, Spanien, Frankreich, Großbritannien).

    Die Verachtung des Föderalismus kann ich wirklich nicht nachvollziehen.

  3. Mich freut es wenn Bildung Ländersache wird. Dann muß man sich an der Universität (in einen Studiengang mit leidlichen hohen NC) nicht mehr mit den (zugegebenermaßen arroganten) 1,0 Abiturienten aus den nördlicheren Bundesländern rumschlagen, die dann doch aus unerfindlichen Gründen die Orientierungsprüfungenm respektive Mathematik-Scheine nicht schaffen. Oder Blüten wie, daß man um die Staatsquote in Jura zu schaffen am besten nach Hamburg geht weil da das leichteste Staatsexamen geschrieben wird, sterben dann auch aus. Bildung auf Länderebene zumindest in der Hochschulpolitik, schafft Transparenz: Wie Amerika, man kann zwar überall einen Bachelor machen aber der Bachelor aus Stanford ist doch ein bißchen besser also woanders.

  4. Die Folgen föderaler bajuwarischer Höchstqualität zeigen sich an dem schönen Satz ..."in einen Studiengang mit leidlichen hohen NC ..."
    Stanford lässt schön grüßen.

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  • Quelle ZEIT online, 7.3.2006
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