In der Musikpresse, der britischen vor allem, wird das "next big thing" nahezu wöchentlich ausgerufen. Die Arctic Monkeys beispielsweise zieren zurzeit fast jeden Zeitungstitel , und ihre Lieder rangieren ganz oben in allen Lieblingslisten. Nicht selten sind solche Gruppen wenige Monate später bereits vergessen. Tobias Delius© Wilfried Berghaus BILD Im Jazz ist solches Einvernehmen über die Zukunft des Genres schwieriger herzustellen, jedenfalls kommt es seltener vor. Es mag der Robustheit des Jazzhörers geschuldet sein, seiner größeren Unabhängigigkeit von Moden. Deshalb verglühen die Sterne hier auch nicht ganz so schnell. Und manchmal gibt es sie ja auch im Jazz, diese Momente, in denen man sich aufgeregt und gänzlich undistanziert eingestehen muss: Ich habe die Zukunft gesehen, das nächste große Ding. Die Zukunft stand am ersten März-Sonntag des Jahres 2006 auf der Bühne des Speichers in Leer : Tobias Delius Booklet. Zugegeben, der Saxophonist Delius ist nicht die Neuentdeckung schlechthin. Er zählt zur Amsterdamer Jazzszene und spielt überall auf der Welt mit namhaften Musikern. Gleiches gilt für seine beiden Mitstreiter, Joe Williamson und Steve Heather. Der in Berlin lebende Kanadier Williamson ist zur Zeit wohl der Bassist der europäischen Improvisations- und Free- Jazz- Szene schlechthin, gerade mal 35 Jahre alt. Und auch der Australier Heather macht seit einiger Zeit mit seiner Art des Schlagzeugspiels auf sich aufmerksam. Jeder für sich mag ein guter Musiker sein, doch was Delius, Heather und Williamson gemeinsam erschaffen, ist weit mehr als gut: Es ist magisch. Drei Individualisten betreten die Bühne, rein äußerlich könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Der schlaksige Kontrabassist Williamson in einem grauen Wollpullover mit pinkfarbenem Kragen und einer vollkommen überdimensionierten Fünfzigerjahrebrille; Saxophonist, Klarinettist und Chef Delius in krumpligem Hemd und Cargohose, ein großer, kräftiger Mann mit verschmitztem Lächeln; und Schlagzeuger Heather, der aussieht, als hätte er eben mit seinem Schiff im Hafen angelegt, bärtig und unglaublich gelassen.Schon der Einstieg ist berauschend. Kurz wird der Bass gestimmt, dann poltert die Band los. Steve Heather bearbeitet sein Schlagzeug schnell und virtuos, Williamson rauscht die Tonleitern auf seinem Bass rauf und runter und wieder rauf, und Delius' Saxophon jagt aufgedrehte Melodiefragmente in den Saal. Alle drei malträtieren ihre Instrumente nach bestem Wissen -- dann ein Bruch, es kehrt Ruhe ein, das Schlagzeug kaum noch zu hören, gestreichelt, lange, tiefe Töne auf dem Kontrabass, und dem Saxophon entweicht nur noch Luft. Für einige Momente fast Stille. Nur noch das Styropor ist zu hören, das Heather auf seinen Schlagfellen reibt, das leere Klappen der Saxophontasten und ein verzweifelt quietschender Oberton des Basses. Dann, ganz langsam, baut sich wieder ein großes Klanggebilde auf, bewegt, bewegend, gekonnt.Überhaupt: Hektik und Ruhe, Spannung und Ausgelassenheit wechseln sich stetig ab in den über zwei Stunden des Auftritts. In einer Sekunde klingt der Bass noch wie ein altes, rostiges Scharnier, in der nächsten Sekunde bricht er gemeinsam mit dem Schlagzeug temporeich aus, und Delius zaubert eine süßliche Klarinettenmelodie hinzu. Wenige später stimmen alle drei in dieselbe Melodie ein und grinsen, als sei nichts geschehen. Doch natürlich auch das nicht für lange. In diesem Hin und her ist das mitreißend, man möchte aufspringen und applaudieren. Vieles kommt einem bekannt vor, hier Peter Pan , dort Sentimental Journey , mal etwas Gershwin, mal Ellington. Oder ist das ganz was anderes? Delius ist weit herumgekommen. Die Eindrücke seines Lebens in England, Mexiko, Südafrika hat er in einem Tagebuch, einem Booklet, gesammelt. Diesem entweichen jetzt die Melodien, manchmal auch nur Bruchstücke, Skizzen, Einflüsse. Von der ersten Sekunde bis zur letzten herrscht Hochspannung. Denn immer, wenn man denkt, man habe schon alles gehört, führen die Musiker ein neues Element ein, begeistern das Publikum mit einer unerwarteten musikalischen Wendung und sei es der stampfende Rhythmus einer Dampflok. Der Schalgzeuger spielt, als liege jedem seiner Schläge ein leidenschaftlich verfolgter Forschungsauftrag zugrunde. Mit Sägeblättern, Stofflappen, Metallkettchen, Spachteln und anderem bearbeitet er jeden Flecken seines Schlagzeuges, haut von oben und von unten, und manchmal muss auch sein Oberschenkel herhalten. So probiert er aus und klöpfelt und schlägt und verliert sich darin. In dem Moment aber, wo man denkt, nun sei alles auseinandergefallen, kein Rhythmus mehr, keine Melodie, kein Zusammenspiel, schält sich plötzlich ein innerer Zusammenhang der Musik heraus, findet sich ein zwingender Rhythmus, der eine kleine Melodie einlädt. Die Perfektion solcher Momente jagt einem beinahe die Tränen in die Augen.Am Ende sagt einer in die kurze Pause einfach nur: "Super." Gedacht haben das wohl alle im Publikum. Ich stehe und staune in die entstandene Klangleere: die Zukunft des Jazz. Aufnahmen des Tobias Delius Booklet gibt es noch nicht, leider. Aber vielleicht sind sie bald ja live zu sehen in irgendeinem sympathischen Jazzkeller in Ihrer Nähe wie dem Speicher in Leer .