Den Weg, den die deutsche Popmusik in den vergangenen zwei Jahrzehnten genommen hat, zeichnet Dirk Peitz in der Wochenendausgabe der SZ unter der Überschrift "Abmarsch" nach. Das Resümee fällt unerwartet aus. Nicht Tokio Hotel , nicht Aggro Berlin , nicht Juli oder Silbermond , sondern "die Alten, und zwar die, von denen man es am wenigsten erwartet hätte, die echt nicht mehr für möglich Gehaltenenen - sie übernehmen den Laden."

Die Alten - das sind für Peitz Sven Regener und seine Ausnahmeband Element of Crime oder die wieder erstarkten Sterne aus Hamburg.

Das neue Sterne-Album Räuber und Gedärm sei die Überraschung der Saison. "Damit hätte man jetzt nicht mehr gerechnet: Dass die alte Hamburger Schule noch einmal triumphal zurückkehrt: mit einer präzisen Beschreibung der Wirklichkeit, der Wirklichkeit einer Band auf dem Weg nach Jenseits von Gut und Böse, und der Wirklichkeit eines Landes nahe am Abgrund."

Die Sterne sind auch in den aktuellen Ausgaben von Spex und Intro Thema.

Die Kölner Spex widmet Sänger Frank Spilker und seinen Mannen die Titelgeschichte. Autorin Doris Achelwilm hat sich mit den Musikern unterhalten und begeistert sich für ein "Album voller fallender Groschen und Aha-Effekte".

Ähnlich angetan ist Intro-Kollege Henrik Drüner von den neuen Stücken. Räuber und Gedärm sei "angenehm großartig".

Ebenfalls in der aktuellen Intro -Ausgabe zu finden: ein Interview mit den Düsseldorfer Fehlfarben und Texte zu Adam Green , Mogwai und Mudhoney .

Die achtziger Jahre, Independent-Gitarrenrock und der ein oder andere komplizierte Art-Rock-Riff wehen durch die Songs von New Yorks jüngstem, musikalischen Neuzugang: We are Scientists . Dahinter verbergen sich drei bärtig-verschroben aussehende Herrschaften, die vergangene Woche ihr Debütalbum veröffentlicht haben. With Love And Squalor zitiert J. D. Salinger und reiht sich irgendwo zwischen all den Gitarrenbands jüngeren Datums ein: den Futurheads , Maximo Park oder den Kaiser Chiefs . Prägnante Refrains und böse Schweinerock-Riffs sind für die Wissenschaftler aus New York keine Gegensätze. Sandra Grether bejubelt das Erstlingswerk des Trios in einem eher undifferenzierten Fan-Artikel des Musikmagazins Intro . Nicht viel erhellender ist Hias Wrbas kurzer Text zum gleichen Thema in der Spex .

Fundierter nähert sich der englische New Musical Express dem einstigen Smiths-Frontmann Morrissey . Den mittlerweile 46-jährigen, englischen Musiker hat es von Los Angeles nach Rom verschlagen. Im April soll ein neues Album erscheinen. Ringleader Of The Tormentors wird der Titel sein. Im Gespräch zeigt sich Il Mozalini geistreich wie immer. Das neue Album kreise um die großen Themen Liebe, Gott und Tod. "Es sind die Motive hinter allem". NME -Schreiber Mark Beaumont ist angetan von den neuen Stücken: Ringleader Of The Tormentors sei das bislang reifste, mutigste und persönlichste Album des englischen Melancholikers.

Eher überflüssig ist das Comeback von Suzi Quatro . Michael Pilz widmet sich den neuen Liedern der Amerikanerin in der Welt . Die Quatro im Jahre 2006 gehorche "den 33 Jahre alten Mustern, Suzie Quatro singt mit Elvisstimme Boogie, und zwar so bedrückend aufgeräumt, als wären ihre Zuhörer noch Teens in Glockenhosen. Fröhlich warnt sie vor 15-minütigem Ruhm, vom heiklen Nachruhm singt sie nicht."

In den letzten Jahren etwas in Vergessenheit geraten ist die englische Formation Stereolab . Mit ihren Moog-infizierten Songs sorgten sie zu Beginn der neunziger Jahre für den Aufstieg des englischen Independent-Labels Too Pure . Tim Gaene und Freundin Laetitia Sadier, die im Zentrum des Projektes stehen, hegen eine seltene Vorliebe für die Anfänge der elektronischen Musik. Jean-Jacques Perrey zählt zu ihren Einflüssen, ebenso wie Anleihen aus fünfzig Jahren Popmusik. Nach einigen mehr oder minder entbehrlichen Tonträgern finden Stereolab mit Fab Four Suture zur alten Form zurück. Dies glaubt zumindest René Hamann in der taz . Zwar gehe auch auf dem aktuellen Werk der Engländer noch einiges in Richtung Retroklangtapete, aber es gebe weniger "Geplätscher, weniger Lalalas, leider auch weniger Französisch." Sadier sang auf nahezu jeder Platte einige Stücke in ihrer französischen Landessprache.

Mit Musikblogs und Onlineforen, die ganz klammheimlich die Rolle der klassischen Musikmagazine übernehmen, hat sich Tobias Rapp beschäftigt. Ausgangspunkt sind die jüngsten Erfolge von Clap Your Hands Say Yeah und den Arctic Monkeys . Beide waren zunächst Thema im Internet.

Online-Medien reagierten weitaus schneller als die klassischen Printmedien auf aktuelle Tendenzen. Hinzu komme "die Möglichkeit, die Stücke, über die geschrieben wird, als mp3 direkt in den Text zu stellen. Schreckten die meisten Blogger bis vor kurzem noch davor zurück, hat die Einführung von yousendit ", einer Homepage, die zeitlich begrenzte Downloadmöglichkeiten anbietet, "dies vollkommen verändert." Die zahllosen Weblogs täten ein Übriges. Zwar breche nun kein neues Goldenes Zeitalter des Musikjournalismus an, aber gedruckte Musikmagazine hätten es künftig schwer. "Kein Magazin kann konkurrieren mit der Liebe, der Schnelligkeit, der Euphorie und der Ausführlichkeit, kurz der Haltung, mit der sich hier der Musik gewidmet wird."

Natürlich haben andere Bands im Verbund mit der Plattenindustrie diese Marketing-Möglichkeiten längst kopiert. Jüngster Neuzugang in der Sparte Internet-Hype: The Spinto Band aus Delaware. Das Debütalbum Nice & nicely done wird in der aktuellen Ausgabe der französischen Musikzeitschrift Les Inrockuptibles euphorisch begrüßt. Auf der Webseite der Zeitschrift lässt sich ein Videoclip der Band betrachten. Musikalisch gab es schon Wegweisenderes zu hören als diesen an den sechziger Jahren angelehnten Rock.

Bleibt noch übrig, Christian Broeckings Verbeugung vor dem Züricher Label Intakt Records in der taz zu erwähnen. Intakt zähle zu den "besten europäischen Jazzlabels". Vergangene Woche feierte die kleine Firma ihr "20-Jähriges mit einem kleinen Festival".