Wie so oft findet sich das Interessanteste im Kleingedruckten. So auch bei der jetzt veröffentlichte Schulstudie Desi („Deutsch-Englisch-Schülerleistungen International“). Nur zwei Drittel aller deutschen Schüler erreichen demnach in der neunten Klasse in Englisch eine Leistung, die den von den Kultusministern beschlossenen Bildungsstandards für Hauptschüler genügt. Von den Hauptschülern selbst schafft das lediglich jeder Dritte. Ob das Ergebnis wirklich so katastrophal ist, wie es sich anhört, ist allerdings schwer zu sagen; für die Einordnung fehlt unter anderem der internationale Vergleich. Das Resultat zeigt jedoch, dass die von den Kultusministern beschlossenen nationalen Bildungsstandards meilenweit von der tatsächlichen Leistungsfähigkeit der Schüler entfernt sind. © Achim Scheidemann/dpa BILD

Das trifft die nach Pisa von den Kultusministern eingeleitete neue Schulpolitik ins Herz. Ihr Credo: Den Lehrern wird nicht mehr exakt vorgegeben, was sie zu unterrichten haben. Dafür müssen sie sich daran messen lassen, was ihre Schüler am Ende der Schulzeit können. Als Maßstab dafür sollen die für alle Fächer und Schularten formulierten Bildungsstandards dienen.

Wenn die Bildungsstandards die Latte aber zu hoch legen, dann werden die Schulen, und die Bildungspolitk gleich mit, in eine Dauerkrise geraten. Warum? Demnächst soll regelmäßig veröffentlicht werden, wie gut die deutschen Schüler die nationalen Standards erreichen. Das Ganze auch noch aufgegliedert nach Bundesländern. In die Ergebnisse der Desi-Studie sind ja die Leistungen der Schüler aus Bayern wie aus Bremen eingeflossen. Es gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, wie katastrophal die Schüler des kleinsten Stadtstaates abgeschnitten hätten, wären die Ergebnisse nach Bundesländern aufgeschlüsselt worden.

Würde es die Öffentlichkeit, würde es die Politik und würden es die Schüler, Eltern und Lehrer aushalten, wenn Jahr für Jahr veröffentlicht würde, dass zum Beispiel nur die Hälfte der Schüler das erreicht, was die Schule aus ihnen herausholen soll? Und von den Bremer Schülern gar nur jeder Fünfte? Und umgekehrt: Wenn die Bildungsstandards nach unten korrigiert würden, könnten sich die Schüler aus Pisa-Spitzenländern wie Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen unterfordert fühlen. Ein bayerischer Kultusminister würde das kaum mitmachen. Das wird die Kultusministerkonferenz, das sei hier prophezeit, in der kommenden Zeit vor eine Zerreißprobe stellen.

Aber nicht nur im Kleingedruckten hat die Desi-Studie Überraschungen parat. Um mit der positivsten zu beginnen: Kinder, bei denen zu Hause nicht Deutsch gesprochen wird, können besser Englisch lernen. Endlich einmal eine gute Nachricht für Einwandererkinder, die sonst bei Schulstudien immer nur in Zusammenhang mit Problemen genannt werden. Überraschend auch, dass die Jungs, die sonst in Sprachleistungen den Mädchen immer unterlegen sind, beim Englischsprechen bessere Leistungen bringen als ihre Mitschülerinnen.

Sehr deutlich zeigt Desi den Vorteil bilingualen Unterrichts zum Beispiel in Geografie oder Biologie für die Englischleistungen Erstmals zeigte die Desi-Studie, dass die Klassengröße doch für die Schulleistung relevant sein kann: Beim Englischunterricht, bei dem es auf viele Sprechmöglichkeiten für Schüler ankommt, führen kleinere Lerngruppen zu besseren Leistungen. Wie die Klassen gemischt sind, ob dort starke und schwache Schüler zusammen lernen, oder die guten unter sich sind, spielt für die Leistung hingegen keine Rolle.

Die Studie räumt auch mit der Mär auf, in der Schulpolitik gäbe es kein Erkenntnisproblem, sondern nur ein Umsetzungsproblem. Videostudien des Englischunterrichts haben zum Beispiel gezeigt, dass nur während 11 Minuten einer Unterrichtsstunde die Schüler zu Wort kommen. Die Hälfte des Unterrichts reden die Lehrer, sie sind sich dessen aber, wie Befragungen zeigen, gar nicht bewusst. Viel mehr Studien in unterschiedlichen Fächern sind nötig, um zu zeigen, wie die Schulen in ihrem Kerngeschäft, dem Unterricht, besser werden.