Archiv: 10 Jahre ZEIT online "Moderne Wanderprediger"

2006 feierte ZEIT ONLINE seinen zehnten Geburtstag. Christian Ankowitsch, Initiator und damaliger Leiter von ZEIT ONLINE, erinnert sich an die Anfänge.

zeit.de im Jahr 2000

Kleine Vorrede

Zu den Eigentümlichkeiten des Internets gehört, dass es 25-Jährige zu Millionären und 45-Jährige zu Veteranen macht. Während erstere um die Jahre 1999/2000 vermehrt auftraten, schlägt derzeit die Stunde der Veteranen. Das hat einen einfachen Grund: Vor rund zehn Jahren ließen sich die ersten Verlagsleiter von dem eigenartig aufgeregten Gerede einiger Redakteure überzeugen – und erlaubten ihnen, Homepages ihrer Medien ins Netz zu stellen. 

So sitzen derzeit diese Leute an ihren Computern, kramen in den Tiefen ihrer Datenbestände und machen die erste wesentliche Erkenntnis: Kaum mehr was zu finden von der eigenen Online-Vergangenheit. Eine Unzahl von E-Mails mit wirren Subjects und Tausenden "RE: RE: RE:" vorne dran, aber sonst? Nicht viel.

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Mir jedenfalls ging es so, als ich mich nach dem Anruf von Gero von Randow auf die Suche nach den Anfängen der Zeit im Internet machte. Das erste Homepage-Layout? Verschwunden im elektronischen Nirwana. Doch - irgendwo muss es noch ein Foto meiner Mutter geben, die mich 1996 in der Hamburger Redaktion besucht und dann irgendwann aufgefordert hatte, vor dem Computerbildschirm, auf dem die Startseite der Zeit im Internet zu sehen war, Aufstellung zu nehmen. Sie wolle ein Erinnerungsfoto machen.

Mir war das damals ein wenig unangenehm, prinzipiell; aber auch im Hinblick auf den Einsatz des Mediums – eine analoge Kamera, mit Film zum Entwickeln - erschien mir das ganze Ablichten ziemlich antiquiert, aber im Moment glaube ich, dass dieses Foto einer der wenigen Belege ist, die die erste Homepage der ZEIT dokumentieren. Was mich an Frank Simon erinnert, den Oldenburger Internet-Provider, der die Zeit im Internet von Anfang an begleitet hat und dem der Verlag vieles zu verdanken hat. Frank Simon mailte mir vor kurzem traurig, ein Computercrash habe sein gesamtes Archiv vernichtet, inklusive aller ZEIT -Screenshots und anderer historisch interessanter Details. Da lobe ich mir das mütterliche Foto und komme ganz veteranengemäß ins Grübeln über die Flüchtigkeit digitaler Speichermedien.

Aber ich merke eben, dass ich schrecklich abschweife – ein weiteres konstituierendes Element des Internets, aber davon wirklich etwas später mehr.

Leser-Kommentare
    • maxo
    • 09.03.2006 um 12:32 Uhr

    herzlichen glückwunsch!
    damals war ich gern besucher von zeit.de und heute bin ich es aus guten gründen noch.
    froh war ich damals, wenn es interessante, deutschsprachige inhalte im internet gab und ich diese mit meinem kleinen 'apple color classic' (schon damals etwas betagt und als ausstellungsstück noch immer vorhanden) überhaupt lesen konnte. abstürze - na ja, ...
    ihr artikel lässt diese zeit noch einmal revue passieren und gibt einen guten abriss über deren herausforderungen.
    viel erfolg auch in zukunft!

    • jea
    • 08.03.2006 um 0:39 Uhr

    Ich weiss nicht mehr genau, wann die Version mit den Tag-/Nacht-Ausgaben online ging (1998?). Es gab da eine Navigation über ein in JavaScript programmiertes Drehrad, über das in die einzelnen Bereiche gewechselt werden konnte. Im Quellcode der Seite stand bei dem Element lange Zeit als Kommentar: "Eigentlich hasse ich das ja, aber es muß sein". Spätestens mit dieser Zeile hatte sich das Online-Team der Zeit einen festen Platz auf den Sonnenhängen meiner Erinnerung ergattert - ganz abgesehen von den im Artikel beschriebenen damals wie heute sehr innovativen Angeboten (Wahlstreet, Jobpilot etc.)

    Danke für ein gutes Stück Internetgeschichte und die Geschichten.

    Jesko

    • anko
    • 08.03.2006 um 15:56 Uhr
    3. \N

    Die ZEIT hatte dieses Layout mit der Navigationsleiste rechts und dem Ressort-Schalter (der ein wenig an einen Waschmaschinen-Programmwählschalter erinnerte) tatsächlich 1998. Das Layout stammte von "Lava", einer Hamburger Onlineagentur, die dann später im Rahmen des Internet-Wahns vom US-Unternehmen iXL übernommen wurde. Entworfen hatte das Layout Aaron König und programmiert wurde sie von Carlo von Loesch, von dem auch der besagte Kommentar stammte.
    Der Alternativ-Entwurf für die Lava-Variante stammte vom damaligen ZEIT-Layout-Erneuerer Mario Garcia; sie kam bei einem hausinternen Pitch aber nicht zum Zug.

  1. ich lebe seit 7 Jahren in den USA und fast taeglich ist die ZEIT meine erste Quelle nicht nur fuer Nachrichten, sondern auch fuer anderes Lesens- und Nachdenkenswertes.
    Aber: Jeder Besucher der mal hier im Mittleren Westen auftaucht, MUSS mir eine gedruckte Nummer mitbringen. Und darf darin unterwegs natuerlich nicht lesen...
    Danke, weiter so

  2. .. für 10 Jahre wegweisende und interessante Internet-ZEITen. Auch für den Artikel mit den Erinnerungen. Die Wahlstreet war klasse - und gewonnen habe ich auch was. Damals saß ich noch mit dem Laptop auf dem Flur und habe nach dem Besuch im Wahllokal noch mal schnell meine Aktien "umgeschichtet".

    Ein Highlight waren übrigens auch noch die Briefe aus dem Bergwerk - inklusive Friseur ohne Namen und blaues Sofa (oder so). Leider sind meine Bücher im Laufe von Umzügen verloren gegangen. Aber gut war es ;-))

    Ach ja - ich mag ZEIT Online immer noch sehr.

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