Arbeitsmarkt

Europas Mindestlöhne

Mindestlöhne sind in Europa der Normalfall. In Deutschland ist die Einführung umstritten

Sind Mindestlöhne ein Jobvernichter, wie die Arbeitgeber meinen, oder stabilisieren sie das Einkommen von Geringverdienenden und schützen vor Sozialdumping, wie die Arbeitnehmervertreter behaupten? Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat am Dienstag in Berlin eine Studie vorgestellt, die diese Frage unter Rückgriff auf die Erfahrungen in unterschiedlichen europäischen Ländern beantwortet.

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Tatsächlich gibt es in 18 von 25 EU-Staaten sowie in fast allen außereuropäischen OECD-Staaten, darunter auch den USA, gesetzliche Mindestlöhne. Diese reichen von 8,69 Euro Stundenlohn in Luxemburg bis zu 0,47 Cent in Bulgarien. Insgesamt lassen sich drei Gruppen unterscheiden. Die erste bilden reiche, westeuropäische Länder wie die Beneluxstaaten und Frankreich, aber auch Irland und Großbritannien, die Stundenlöhne zwischen 7,36 Euro und 8,69 Euro garantieren. Im Mittelfeld liegen die südeuropäischen Länder, in denen die Spreizung von 3,86 (Griechenland) bis 2,62 (Portugal) reicht. In Osteuropa liegen die Mindestlöhne zwischen 1,58 (Tschechien) und eben den in Bulgarien gezahlten 47 Cent. Eine mittlere Position nehmen die USA mit 4,25 Euro ein. Geringer fallen die Unterschiede aus, wenn man die Mindestlöhne ins Verhältnis zum allgemeinen Lebensstandard in den jeweiligen Ländern setzt. Überall werden zwischen 32 und 50 Prozent der Durchschnittslöhne gezahlt.

Doch auch in denjenigen europäischen Ländern, in denen es keinen gesetzlichen Mindestlohn gibt, ist die Situation der Geringverdienenden nach Ansicht des Mitarbeiters der Böckler-Stiftung, Thorsten Schulten, besser als in Deutschland. So sei der gewerkschaftliche Organisationsgrad beispielsweise in den skandinavischen Staaten oder Österreich sehr hoch. Mindestlöhne würden hier über Tarifverträge gesichert, die flächendeckend Geltung hätten. In Italien sei das Recht auf eine faire Entlohnung sogar in der Verfassung festgeschrieben. Auch in Deutschland habe die Einhaltung von Tarifverträgen lange Zeit zusätzliche Regelungen überflüssig gemacht, sagte Schulten. Dies sei heute jedoch bekanntlich nicht mehr der Fall.

Nach Einschätzung der Wissenschaftler wirken Mindestlöhne in mehrerer Hinsicht positiv. Sie könnten, wenn sie eine angemessene Höhe hätten, nicht nur ihren eigentlichen Sinn erfüllen, nämlich die Existenz der Arbeitenden sichern. Sie würden vielmehr den Unternehmen auch gleiche Wettbewerbsbedingungen verschaffen, indem nämlich dann alle die gleichen Löhne bezahlten müssten. Auch dem Staat werde geholfen. Denn wenn die Arbeitnehmer angemessen bezahlt würden, müsste die öffentliche Hand Armut nicht mit Sozialtransfers ausgleichen.

Damit der Mindestlohn seine Funktion erfüllen könne, müsse er allerdings in Deutschland zwischen 8,10 Euro und 8,50 Euro liegen, sagten die Wissenschaftler. Als Maßstab dient ihnen bei der Berechnung entweder die heute schon geltende Pfändungsfreigrenze, also der Betrag, der auch einem Schuldner zur Existenzsicherung zugestanden wird, oder die Europäische Sozialcharta, die festlegt, dass Löhne nicht weniger als 60 Prozent des Durchschnittslohnes betragen dürfen. Damit liegen die Wissenschaftler sogar noch über den unlängst von den Gewerkschaften Ver.di oder NGG vorgetragenen Forderungen. Diese hatten 7,50 Euro ins Gespräch gebracht. „Kein Widerspruch“, findet Schulten. Schließlich sei man auch in Großbritannien mit einem niedrigen Mindestlohn eingestiegen, der in den vergangenen sieben Jahren um 40 Prozent gestiegen sei, während gleichzeitig die Arbeitslosigkeit um 25 Prozent zurückging. Dies zeige, dass es keinen linearen Zusammenhang zwischen Mindestlohn und Beschäftigungsabbau gebe.

Und wie soll der Handwerksbetrieb, der bislang vielleicht 4,50 Euro Stundenlohn bezahlt hat, plötzlich fast das doppelte für Lohnkosten ausgeben? Auch darauf hat die Studie eine Antwort. Er könnte beispielsweise die Preise erhöhen, sagt Schulten. Dies sei in vielen Bereiche wie etwa dem häufig angeführten Friseurhandwerk ohnehin sinnvoll, da hier ein gnadenloser Preiswettkampf herrsche. Oder die Gewinnspanne der Unternehmen falle eben geringer aus. Dafür steige die Motivation der Beschäftigten, was die Einbuße möglicherweise wieder ausgleichen könne. Zudem: Gerade Niedrigverdiener steckten jeden zusätzlichen Euro in den Konsum, so die Theorie. Auch dadurch entstünden Wachstumsimpulse. Sicherheitsfirmen seien geradezu dankbar für die Festsetzung eines Mindestlohns, glaubt Schulten. Denn dieser würde sie endlich wieder in die Lage versetzen, von den Kunden reale Preise zu verlangen.

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Leser-Kommentare

    • 14.03.2006 um 23:54 Uhr
    • sbo78

    Selbst habe ich eine kurze Zeit als Zeitarbeiter für etwa 6,20 Euro in der Stunde gearbeitet - ein Single kann von dem was netto übrig bleibt recht gut leben, wenn er keine arbeitsbedingten Kosten wie weite Pendlerfahrten zu unterschiedlichen Einsatzorten von diesem Geld bestreiten muss. Soviel vorweg.

    Mindestlöhne sind auf jeden Fall sinnvoll, auch wenn sie auf jeden Fall Arbeitsplätze kosten werden. Denn das Geld der Niedrigverdiener bleibt im Umlauf und wird nicht gespart (dazu reicht es dann doch nicht bei etwa 6,- bis 7,50 Euro). Außerdem ist die Arbeit da und muss gemacht werden - nach der europäischen Dienstleistungsrichtlinie müssen Ausländer ja die gleichen Löhne für Arbeiten im Inland zahlen. Wichtig ist es, dass der Gesetzgeber diese Stundensätze auch Selbständigen und Freiberuflern vorschreibt - auf diesem Gebiet findet derzeit ein ruinöser Wettbewerb statt (Kurierdienste etc.), der nur zu oft mit dem Rausfall aus den sozialen Sicherungsnetzen endet. Dort gehört ein Riegel vorgeschoben, z. B. mit einer Mindestsozialversicherung für Selbständige nach österreicher Vorbild (dort ab ca. 1.000,- Euro im Jahr).

    Die Wettbewerbsfähigkeit inländischer Dienstleister würde sogar gesteigert, einerseits durch die im Artikel erwähnte höhere Lohngerechtigkeit (derzeit kann doch kein Arbeitgeber mehr zahlen, selbst wenn er fair sein möchte - dann schon) und andererseits durch den oben erwähnten Ausländer-auch-Effekt.

    Wer schummeln will wird auch weiterhin Wege finden: durch zu niedrig angesetzte Akkordzeiten, unbezahlte Anfahrt zu verstreut liegenden Auftraggebern, versteckte Überstunden, illegale Beschäftigung. Aber der Punkt ist: alles dies würde endlich strafbar und damit die ehrlichen Marktteilnehmer vor unlauterem Wettbewerbsdruck durch schwarze Schafe deutlich entlasten.

    Fazit: Mindestlohn ja, aber nicht bei 60 % des Durchschnittslohnes sondern bei den überall üblichen 32 - 50 %. Was einen Wert zwischen 6,- und 7,50 Euro geben wird. Jeder halbwegs wirtschaftlich arbeitende und verantwortungsbewusste Unternehmer wird diese Löhne gerne zahlen, wenn es die Konkurrenz auch tut!

  1. "Dass massenhaft Arbeitsplätze ins billigere osteuropäische Ausland verlagert werden könnten, fürchtet die Stiftung nicht. Schließlich gehe es im Niedriglohnsektor größtenteils um Stellen im Dienstleistungsbereich und die ließen sich eben nicht verlagern." so die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung.

    Dass auch Firmen Dienstleistungen in Anspruch nehmen (Reinigungsdienste, Kurierdienste, Sicherheitsdienste usw. usw.) hat sich wohl noch nicht bis zu den Gewerkschaften herumgesprochen. Natürlich verschlechtert dies die Wettbewerbssituation relativ zu ausländischen Konkurrenten. Dies zieht unweigerlich eine Verlagerung von Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe nach sich.

  2. Komisch nur dass es Länder mit Mindestlohn nicht schlechter als Deutschland geht, ein Mensch hat einen Wert, dieser Wert muss mehr wert sein als Ware. Ware kostet was? Warum nicht der Mensch der sie verrichtet.
    In den USA gibt es auch einen Mindestlohn und viel niedrigere MWSt Sätze.
    Wir könnten auch den Urlaun streichen um Rentabel zu werden sowie in Britain, doch die sind auch mittlerweile auf 5,5% und hochverschuldet. Alles auf Puff.
    Nein so einfach ist es nicht, wenn wir weiter wollen müssen wir einen Wert geben, es ist jaerwiesen dass ohne Mindestlohn es zu einfach nichts brachte. Die verlagerung gegen Osten wird sowieso einmal umkehren, lassen wir mal die externen Kosten noch ein bisschen steigen.

  3. 4. \N

    Wie ist das eigentlich bei der ZEIT?

    Die Redakteure mit einem Vertrag auf Lebenszeit, Besoldung etwas besser als die der Bundestagsabgeordneten, die Herausgeber gleich in Erbpacht mit Bezügen analog zu denen der Vorstände der Deutschen Bank und. ach ja, der Hausmeister und die Putzfrau; die mit Verträgen auf Lebenszeit, Vergütung entsprechend A13?

    Oder ist es eher so, wie es bei den Medien und anderswo eben so ist: Ein paar Edelfedern kriegen richtig Geld, damit die anderen neidig sind, ein paar sind angestellt für wenig Geld, dafür mit der Aussicht, zu den Edelfedern aufzurücken - die meisten sind in kurzer Zeit verschlissen, gibt aber genug andere, die geil darauf sind, sich für wenig Geld den Arsch aufzureissen. Den Rest machen freie Mitarbeiter für ein Nasenwasser und Praktikanten für lau. Der Personalerjob ist sehr begehrt, weil, das mit der Bewerbercouch, das ist kein Witz. Ach so, auch der Hausmeisterposten ist trotz schlechter Bezahlung sehr begehrt, einerseits wegen der Schweigegelder der im Haus tätigen und dann gibts im Hausmeisterkabuff das weisse Zeug, gegen cash, versteht sich. Alle anderen Jobs, Kantine, Reinigung usw. sind an Drittfirmen ausgesourct, die gehören den Herausgebern, genauso wie das Wohnheim, in dem die dort Beschäftigten untergebracht sind. Bei denen spart man nicht nur am Lohn sondern auch gleich das Schweigegeld, weil Deutsch versteht von denen keiner.

    Was das mit dem Mindestlohn zu tun hat? Wenn nicht einmal mehr die, die es sich an sich leisten könnten, überdurchschnittlich zahlen, werden die, die es sich leisten könnten, durchschnittlich zu zahlen, dies auch nicht mehr tun. Und die, die es sich nicht leisten können, haben schon lange herausgefunden, wie man wenige oder gar nicht bezahlen muss - Subunternehmer, und wenn die lästig werden, neue Subs, und wenn die auch lästig werden, Insolvenz und neue Firma. Ach so, das mit der Beteiligung am Produktivkapital liegt im gleichen Spital: Diejenigen, die nicht BWL studiert haben, wissen längst, dass der billigste Kredit der Arbeitnehmerkredit ist.

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  • Von Katharina Schuler
  • Datum 15.3.2006 - 12:30 Uhr
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  • Quelle ZEIT online, 14.3.2006
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